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Integration behinderter Kinder durch Eltern

**Claudia** 14.07.2009, 09:17#1
Hallo zusammen,

persönlich vertrete ich die Ansicht, dass die Integration behinderter Kinder unmöglich nur Behindertenverbänden/I-Kiga's/Schulen....überlassen werden kann, sondern dass es eine der Hauptaufgaben von Eltern behinderter Kinder ist, zu sehen, dass sie selbst ihr behindertes Kind ganz normal in den Alltag einbinden.
Soweit es die körperlichen Beeinträchtigungen zulassen.

Ich greife das Thema auf, weil mir mittlerweile mehrere Aussagen hier dazu aufgefallen sind, heute Morgen Line's Satz aus dem Thread:

http://www.intakt.info/forum/showthread.php?p=33881#post33881
aber trotzdem: wir fahren in Urlaub, wir nehmen unseren Sohn überall hin mit.

Ich hatte mittlerweile auch einige Gespärche mit Fachkräften aus der Behindertenpädagogik, die mir meine Illusionen genommen haben, dies sei normal.:unsicher:

Es gibt wohl etliche Fälle, in denen sich die Eltern auf "andere" verlassen, dass die ihr Kind schon mal schön integrieren - sie selbst gehen mit dem Kind dann lieber doch nicht in den Urlaub, zu Tante Klothildes's Geburtstag, auf den Rummel,
Flugzeuge am Flughafen angucken, in den Tiergarten ....

Ich denke, man kann doch nicht auf der einen Seite laut nach "Integration" schreien, auf der anderen Seite trägt man aber elterlicherseits kaum einen Anteil dazu bei.
Ich will gar nicht glauben, dass das so oft "die Regel" ist, wie ich jetzt in einigen Gesprächen mit Behindertenpädagogen herausgehört habe.:glubsch:

Das Thema "Schulintegration/Inklusion/Kooperationsklassen" möchte ich bewusst aussen vor lassen - weil da ja wieder "andere" verantwortlich gemacht werden.

Mir geht es wirklich um die Frage:
was kann man als Eltern ausserhalb der "Schulfrage" zur Integration seines behinderten Kindes beitragen?
Was tragt Ihr dazu bei?
HHelmutS 14.07.2009, 20:16#2
AW: Integration behinderter Kinder durch Eltern
Zitat von **Claudia**

Mir geht es wirklich um die Frage:
was kann man als Eltern ausserhalb der "Schulfrage" zur Integration seines behinderten Kindes beitragen?
Was tragt Ihr dazu bei?


Hi Claudia,

ich würde beinahe sagen... das Eltern, die das Leben mit ihrem behinderten Kind vor der Schulfrage nicht an die Situation angepaßt haben.... während u nach der Schulphase auch nicht auf die Reihe kriegen.

Ich weis nicht wie ich gerade darauf komme. Es wird wohl daran liegen, das wir heute Nachmittag mit Eltern von anderen behinderten Kindern zum Baden an einem See verabredet waren, und Sonja wiedermal das einzige behinderte Kind da war... Die anderen hatten nur die nicht behinderten Kinder mit.. ohne das das behinderte Kind krank war..... .

Ähnlich erging es mir am 1. u. 2 Elternabend, als Sonja in einer Sondergruppe zusammen mit 2 anderen schwer mehrfachbehindert Gehörlosen war. Beim 1. Abend saß ich mit den Lehrern alleine da, beim 2 stellte sich heraus, die anderen Eltern, obwohl das Kind schon 3 Jahre im Gehörlosenkindergarten war, wo ständig mit Gebärden gearbeitet wurde, noch nicht mal wußten was Gebärden sind. Da wurde aus der Vorfreude, endlich gleich Betroffene kennen zu lernen, binnen Sekunden blankes entsetzen. Ca. 6 Jahre später plante man an der Schule eine Podiumsdiskussion zum Thema, "Was wird aus unseren Kindern nach der Schule". Über 200 Eltern wurden eingeladen.... auf dem Podium saßen 6 komptente Leute.... im Zuschaueraum außer mir nur 1 andere Mutter. So normal ist sowas. ;-( .

Je mehr man dazu schreibt, um so weniger Zeit hat, mit seinem Kind raus zugehen...

Ich hab gerade erst die Diskussion um "Ludwig lacht", und die Motivation der Journalisten gelesen. Ich weis nicht so recht was man davon halten soll. Einerseits werden im Gesundheitssystem immer mehr Kosten auf die Versicherten abgewälzt. So gesehen ist es nur "vernünftig", den Versicherten, bzw. dem System Gelegenheit zu geben, die Kosten besser im Griff zu halten. Andererseits drängt sich so immer mehr die Frage auf, wann man wohl anfängt an Kindern wie Sonja, .. wenn im Alter von 2 Wochen feststeht, das es Zeit ihres Lebens ein Pflegefall sein werden...."diagnosenahe Sparmöglichkeiten" zu schaffen.

:-) Helmut
**Claudia** 15.07.2009, 09:57#3
AW: Integration behinderter Kinder durch Eltern
So gesehen ist es nur "vernünftig", den Versicherten, bzw. dem System Gelegenheit zu geben, die Kosten besser im Griff zu halten. Andererseits drängt sich so immer mehr die Frage auf, wann man wohl anfängt an Kindern wie Sonja, .. wenn im Alter von 2 Wochen feststeht, das es Zeit ihres Lebens ein Pflegefall sein werden...."diagnosenahe Sparmöglichkeiten" zu schaffen


Hallo Helmut,

das ist ja auch nochmal ein Thema für sich und ich befürchte Schreckliches in der Zukunft.


Was mir gerstern noch so durch den Sinn gegangen ist, ist die Frage:
fängt die Integration im Elternhaus nicht mit der Akzeptanz der Behinderung eines Kindes an?

Ich sehe z.B. die Verniedlichungen der Begrifflichkeiten doch mit Skepsis.

An dem Wort "Behinderung" kann ich in keinster Weise etwas Verwerfliches finden.
Jemand ist an etwas gehindert. So ist es eben. Punkt.

Mein behindertes Kind ist nicht mehr oder weniger ein besonderes Kind wie mein gesundes Kind.
Überhaupt finde ich es merkwürdig:
"Behindert" wird oft als diskriminierend empfunden - "besonders" aber nicht.
Trotzdem darf man aber auch nicht mehr "Sonderschule" sagen, obwohl doch gerne gehört wird, dass wir besondere Kinder haben.
Auch im Begriff "besonders" liegt das Wort "aussondern".

Warum darf dann ein "besonderes" Kind nicht in eine "Sonderschule", wenn doch auf das "Sonder" so grossen Wert gelegt wird???:kopfkratz:

Jetzt bin ich verbal mal schnell zur Schule ausgewichen, mir geht es jetzt aber nicht inhaltlich um die Form Schule....wie immer man sie nennen mag....sondern um das Negieren einer Behinderung durch das Verniedlichen der Begrifflichkeiten.


Von daher stelle ich mir die Frage:
beginnt die Integration duch die Familie nicht in dem Moment in dem ich die Behinderung meines Kindes schon mal auch begrifflich anerkenne und offensiv damit umgehe?
Ja, mein Kind ist behindert....na und?:-)

Die Verniedlichung der Begrifflichkeiten erlebe ich übrigens doppelt, gepaart mit der Unsichereit einer politisch überkorrekten Gesellschaft.:guck:

Ich werde gelegentlich ernsthaft gefragt, ob es politisch korrekt ist, die Hautfarbe meiner Kinder zu benennen...ich glaube es nicht!:glubsch:
Wenn es danach geht, habe ich ein "besonderes Kind mit halbmaximaler Pigmentierung" und ein Kind mit maximaler Pigmentierung oder wie???:-P

Man kann das Leben so herrlich kompliziert machen....:-P
HHelmutS 15.07.2009, 21:05#4
AW: Integration behinderter Kinder durch Eltern

Hi Claudia,

ich denke, das mit der Integration und dem anerkennen der Behinderung ist ein sehr weites Feld, und es sind wohl auch 2 "sehr verschiedene" Sachen. Es gibt Eltern die geben ihr Kind wg. der besseren Förderung auf eine Sonderschule, und schleifen es nach der Schule, damit es auch noch "normales Leben" hat, von einer Veranstaltung zur anderen. Es gibt auch Eltern die geben ihr deutlich behindertes Kind auf eine normale Schule, und schleifen es hinterher noch von Therapie zu Therapie, weil die normale Schule nicht genug bietet. Bei all den Variationen von Verhaltensweisen wird oft vergessen, das es nicht um Integration, oder Förderung um jeden Preis, sondern um das Kind geht. Erst kommt eine möglichst kindgerechte Kindheit, dann notwendige die Förderung, und zuletzt erst die Integration.

Ich hab Sonja von Anfang an, obwohl ich wußte das sie immer ein Pflegefall wird, überall wo es ging mit hingenommen. Dennoch bekam ich Jahr später "von meiner Einstellung zu sowas" einen derben dummen Rückschlag. Das war der Tag, an dem mir bewußt wurde, das Hydrocephalus auf Hochdeutsch Wasserkopf heißt, und ich mächtig daran zu kauen hatte, das sie "sowas" hat.

Nu wird vielleicht ein wenig komisch.... wegen die Sache mit die Hautfarbe.

Warum in aller Welt, gibt man bei irgendwas.. außer bei televonisch oder schriftlichen Anfragen an Hautärzte wg. Problemen mit der Haut, oder in einem dringnedem Fahndungsaufruf der Polizei, die Hautfarbe an ? Ich war zwar mal sehr überrascht, als ich einen guten Interenbekannten persönlich kennen lernte, und sich heraus stellte, das er mit einem "urdeutschen Namen" aus schwarz Afrika kommt, und man kaum schwärzer sein kann wie er.... Ich hab früher oft Asylanten bei Schriftverkehr geholfen, und da nie die Hautfarbe erwähnt... Wenn da einer nach gefragt hätte... ui, der hättes was "mit der großen Kelle"... aber sicher nicht das zur Antwort bekommen, war er erwartet hat.

Wie es politisch ist, sowas zu nennen weis ich nicht, ich halte es für menschlich voll daneben... und es paßt irgendwie überhaupt nicht zu Integration.

:-) Helmut
**Claudia** 15.07.2009, 21:53#5
AW: Integration behinderter Kinder durch Eltern
Ich hab Sonja von Anfang an, obwohl ich wußte das sie immer ein Pflegefall wird, überall wo es ging mit hingenommen. Dennoch bekam ich Jahr später "von meiner Einstellung zu sowas" einen derben dummen Rückschlag. Das war der Tag, an dem mir bewußt wurde, das Hydrocephalus auf Hochdeutsch Wasserkopf heißt, und ich mächtig daran zu kauen hatte, das sie "sowas" hat.

Helmut, ich denke sowas kann immer wieder mal passieren und da bleibt man am besten gelassen mit sich selbst.
Fehler machen wir alle - für mich war es anfangs auch schwierig, herauszufinden welche Aktivitäten für unsere Kleine ok sind und was zuviel ist.

Aber wie oft im Leben gilt auch da "learning by doing" - wir sind doch keine perfekten Elternmaschinen!
miau 22.07.2009, 17:56#6
AW: Integration behinderter Kinder durch Eltern

Hallo Claudia,

ich war schon lange nicht mehr hier und kenne nur diesen Thread. Die Integration von Behinderten ist für mich eine Lüge. Es wird von Schulen oder Einrichtungen diese verlangt, daheim findet sie kaum statt.

Meine Tochter ist 26 Jahre alt und geistig schwerst behindert. Seit 2002 ist sie daheim, weil die Schule in ihrem Fall von Integration nichts hielt. Darauf kam eine krasse Rückentwicklung und ich habe gehandelt, jedoch leider viel zu spät.

Meine Tochter ist überall dabei: einkaufen, Urlaub, Familienfeiern. Dies liest sich jedoch schöner, als es in der Realität ist. Denn wir werden kaum zu Familienfeiern eingeladen. Die Ausreden sind riesengroß und haben nie als Grund die Behinderung des Kindes. Es werden Ausreden gefunden. Ich mag auch nicht mehr groß mit ihr wegfahren, denn wenn ich weg bin, sehe ich Behinderte nur in Gruppen, nur selten mit ihren Eltern.

Früher habe ich gleich gesagt, dass ich eine behinderte Tochter habe. Behindert finde ich mittlerweile als diskriminierend, drum sage ich heute, dass ich eine kranke Tochter habe. Zwischen krank und behindert wird nämlich ein riesen Unterschied gemacht. Z.b. ein krebskrankes Kind: nie würde ein Außenstehender auf die Idee kommen, dieses Kind in eine Einrichtung abschieben zu wollen, bei einem behinderten Kind machen sich die Leute große Sorgen darum, dass es möglichst gefördert wird. Und was ist Förderung: weg in eine Einrichtung, weg von uns.

Meine jüngste Tochter ist mit der Behinderung ihrer älteren Schwester groß geworden und für sie ist es normal, dass sie dabei ist. Das ist jedoch selten.

LG Micha
HHelmutS 22.07.2009, 18:51#7
AW: Integration behinderter Kinder durch Eltern

Hallo Micha,

du bringst da ein gutes Beispiel dafür, warum man Behindert oder/und Krank, besser "deutlich auseinander halten" sollte. Ganz besonders bei Krebskranken besteht immer die Gefahr, das sich ihre Situation verschlechtert, weil sie sich von anderen "zusätzliche Krankheiten" zuziehen. Will ich einen Krebskranken besuchen, tue ich das nur, wenn ich mir sicher bin selber nicht kranken zu sein.... Im Umkehrschluß wird es dann völlig normal, das jemand der "einen Kranken" mitbringt, ganz allegemein nicht so gern eingeladen wird, als wenn es anders wäre. Ich kriege immer wieder nen dicken Hals wenn ich hinter meinem Rücken Kinder ihre Eltern fragen höre, "Mama was hat denn das Kind das im Rollstuhl ?"... und als Antwort " das ist Krank" kommt. 6 Wochen später, wenn das Kind selber Krank ist, und es die Mutter fragt, ob es nun auch so wird wie das andere kranke Kind, wäre ich gern Mäusken.


Hast du deine Tochter komplett zuhause, oder geht sie Tagsüber in eine WfB oder sowas ?

:-) Helmut
**Claudia** 22.07.2009, 21:15#8
AW: Integration behinderter Kinder durch Eltern
Denn wir werden kaum zu Familienfeiern eingeladen. Die Ausreden sind riesengroß und haben nie als Grund die Behinderung des Kindes.

Das klingt traurig!
Glücklicherweise ist das bei uns nicht der Fall, ich kenne so eine Ablehnung nicht. :-(
Hast Du Deine Gefühle schon mal offen angesprochen innerhalb Deines Umfelds?

Aber warum ist es Dir unangenehm, Dein Kind mitzunehmen wenn Du dort behinderte Kinder nur in der Gruppe siehst?
miau 23.07.2009, 09:30#9
AW: Integration behinderter Kinder durch Eltern

Hallo Helmut,

dein Beispiel macht mich nachdenklich. Hatte ich doch so eine "gute" strategie für mich entwickelt und nun zeigst du mir sie aus einem anderen Licht auf.

Meine Tochter ist ständig bei mir daheim. Arbeiten kann sie nicht, das wurde ihr nicht beigebracht. Sie war immer in einer gesonderten Schwerstbehindertenklasse untergebracht. Ein paar Jahre war sie in einer anderen Schule, wo ihr viel beigebracht worden war. Nur leider war sie an das Heim geknüpft, das sie in dieser Zeit damals besucht hatte. Als sie dann wieder in unsere Einrichtung ging, entwickelte sie sich wieder zunehmend rückwärts. (so wie sie vor der Heimunterbringung drauf war: extrem hyperaktiv und aggressiv)

Es gab mit der Schule damals riesen Krach, weil ich mich beschwert hatte, dass sie nicht mit auf´s Volksfest gedurft hatte und ich vom Heim gelernt hatte, dass sie sogar mit in Urlaub gehen kann, oder Eis essen. (z.B.) Damals wusste ich so vieles nicht, und heute weiß ich, dass sei bei entsprechender Förderung viel mehr gelernt hätte. auch bei Behinderten gibt es eine Gehirnentwicklung, die man konstruktiv nutzen kann. Heute ist sie zu alt.


@ Claudia,

meine Tochter ist überall dabei, wenn wir unterwegs sind. Geht auch gar nicht anders mehr, denn ich habe niemanden, der sie betreuen würde, und alleine kann ich sie daheim nicht lassen. Auch wenn ich alleine unterwegs bin, und Behinderte sehe, dann meistens in einer Gruppe mit ihren Betreuern. Selten sehe sie mit ihren Eltern zusammen.

Angesprochen habe ich den Ausschluss. Antwort ist bei allen gleich: wir haben nichts gegen die N...., Ihr könnt sie ruhig mitbringen. - oder so ähnlich. Meine Tochter kriegt die ablehnende Stimmung der Menschen überall mit. Sie ist da sehr offen für diese unsichtbaren Empfindungen.

Ich würde mir wünschen, dass die Eltern von Behinderten auch mehr ihren eigenen Anteil an der Integration ins normale Leben sehen würden und diesem auch nachgehen würden. Aber, so wie ich gehört habe, geht alles wieder rückwärts. Somit schwindet die Akzeptanz andersartiger Menschen wieder.

Ich kenne Integration so, dass sie von denen, die weit weg sind, eingefordert wird und selbst nicht vor der eigenen Haustüre gelebt wird. Was nützt mir z.B. ein Nachbar oder eine Schwester, die draußen angeben, dass sie einen behinderten Menschen in der Nachbarschaft haben und sich auskennen, aber in der Realität dieser Familie das Leben schwer machen? Aber diese haben ja nichts gegen Behinderte, sondern die Eltern von ihnen sind so komisch oder was weiß ich.

Lg Micha
**Claudia** 23.07.2009, 12:43#10
AW: Integration behinderter Kinder durch Eltern

Hallo Micha,

im Moment klingt das alles sehr "verstrickt".
Wenn wir uns mit Freunden treffen, sagen auch etliche ausdrücklich, dass sie "nichts dagegen haben", wenn unsere Kleine mitgehen.
Viele fühlen sich manchmal ein bisschen ratlos den Eltern gegenüber und wollen einfach zum Ausdruck bringen, dass sie keine Vorurteile haben und dass sie auch unsere Kleine von Herzen willkommen heissen - und wollen sich offen zeigen.

Ich finde das nicht verkehrt und gestehe das meinen Mitmenschen zu.

Die Fragen, die ich mir stelle, wenn "betont" wird, dass mein behindertes Kind genauso willkommen ist, ist die Frage: "Woher kommt's?"

Gehen Eltern von behinderten Kindern automatisch davon aus, dass ihr Kind nicht willkommen ist und will der Gastgeber ganz einfach nichts anderes als ein offenes Herz für das Kind signalisieren, in dem er es einfach nochmal betont?

Ich gehe ganz automatisch davon aus, dass wir willkommen sind - wenn unsere Kleine allerdings mal einen akuten Schub hat und kaum lenkbar ist, dann trete ich von selbst auch an den Gastgeber heran und berede mit ihm die Situation, wie sie konstruktiv und unspektakulär zu lösen ist oder ob ich ---wenn es der Kleinen nun wirklich nicht gut geht--- dann an dem Tag mit dem Kind zuhause bleibe und wir die Einladung dann einfach mal nachholen.

Wie stellt sich denn für Euch die ablehnende Stimmung dar?
Was nützt mir z.B. ein Nachbar oder eine Schwester, die draußen angeben, dass sie einen behinderten Menschen in der Nachbarschaft haben und sich auskennen, aber in der Realität dieser Familie das Leben schwer machen? Aber diese haben ja nichts gegen Behinderte, sondern die Eltern von ihnen sind so komisch oder was weiß ich.

Wie erlebst Du das?

Ich hatte ein einziges Mal ein ähnliches Erlebnis. Unsere Pflegetochter besuchte einen I-KiGa (eine Stätte des Grauens....) - es gab dort eine Mutter mit gesundem Kind (der KiGa schmückte sich gerne mit "Prestigemüttern" aus der Lokalpromiszene), die ständig unsere Kleine zu sich einladen wollte und mir anbot, sie mal zu einem Laternenumzug mitzunehmen usw.
Mir ging die Frau tierisch auf den Senkel - denn bei ihr war es so glasklar: sie hatte einen "Namen" und mit so einem behinderten und gleichzeitig noch afrodeutschem Kind macht "man" sich wirklich gut.

Ich habe ihr damals gesagt, ich gebe ihr mein Kind gerne mal zur Betreuung, aber sie muss aufpassen, dass

- nirgendwo Feuerzeuge oder Streichhölzer herumliegen (unsere Kleine liebt Feuer...),
- das Kind niemals unbeaufsichtigt in einem Zimmer alleine sein darf,
- dass Messer und Scheren weggesperrt sein müssen,
- dass sie mit zur Toilette muss und daneben stehen bleiben muss,
- dass sie die Kleine nicht übermässig zum Lachen bringen darf, da sie sonst die Luft anhält, sich dann übergibt und im schlimmsten Fall das Atmen vergisst,
- dass sie aufpassen muss, wenn sie beginnt mit dem Kopf zu schlagen..... usw. usw.

Das ist bei uns an der Tagesordnung - aber es passte dann doch nicht so ganz in den Tagesplan der Frau von und zu... ;-).

Aber wie gesagt: das ist mir ein einziges Mal passiert und da weiss ich wie ich zu reagieren habe.

In meinem sozialen Umfeld weiss ich, wem ich die Kleine mal anvertrauen kann und diejenigen, die sich Babysitten nicht zutrauen, dürfen das auch offen sagen ohne dass ich das als Diskriminierung empfinde.
miau 23.07.2009, 17:19#11
AW: Integration behinderter Kinder durch Eltern

Hallo Claudia,

als Pflegemutter tut man sich wahrscheinlich leichter mit manchem, wo ich stolpere.

Lg Micha
**Claudia** 23.07.2009, 18:12#12
AW: Integration behinderter Kinder durch Eltern

Hallo Micha,

was mich sehr bewegt ist das Thema, wie man Eltern von behinderten Kindern stark machen kann - so dass sie sich nicht auf das Wohlwollen und "Gutmenschentum" anderer abhängig fühlen.
Ich denke immer, es kann doch nicht angehen, dass Behindertenverbände diese Probleme für betroffene Eltern lösen müssen - irgendwo muss es einen Ansatz geben, der Eltern "aus sich heraus" stark macht.

Weisst Du, was ich meine?
Es ist nur sehr schwierig, das im Internet zu transportieren......

Es tut mir oft richtig Leid zu lesen, was manche Eltern mit ihrem Umfeld erleben....wo kann man ansetzen?

Ich hoffe, ich bohre nicht zu sehr...ich philosophiere nur ein bisschen.


Nachtrag:
ich habe gerade Deine Homepage mal angeguckt und denke, dass es doch für Dich auch eine herausfordernde Aufgabe wäre, auf der Basis Deiner Tätigkeit Ansatzpunkt zu erarbeiten :-).
miau 24.07.2009, 09:33#13
AW: Integration behinderter Kinder durch Eltern

Hallo Claudia,

ich weiß, was du meinst, bzw. denke zu wissen, was du meinst.

Gestärkt gehört mein Mann. Er hatte letztes Jahr Krebs und schon vorher hat er sich wegen Hetzkampagnen unserer Familien extrem schlecht gegen sein Kind benommen. Genau genommen hat sein Verhalten nur mit ihm zu tun, doch erklär das mal einen schwerstbehinderten Menschen, der eher wie ein Kleinkind denkt.

Das allerallerschlimmste war das "Gutmenschentum" der Erzieher und Betreuer. Sie mussten sich alle an meiner Tochter beweisen, wie "gut" (fähig) sie sind. Über ein Buch habe ich herausgefunden, dass dies bei Behinderten so üblich ist, keine Berichte zu lesen und nach eigenem Gutdünken zu walten.

Ich bin eine Kämpfernatur, nur wenn man ganz alleine dasteht, geht einem manchmal die Kraft aus. Meine gesunde Tochter kann ich auch nicht mehr fragen, denn sie hat ein eigenes Kind. Und wenn ich meinen Mann ein paar Stunden mit unserer kranken Tochter alleine gelassen habe, dann habe ich abends wieder die Quittung, denn er geht nicht mit ihr spazieren.

Aber wenn ich deine Zeilen so lese, verstehe ich jetzt rückwirkend, warum die Lehrer oder Leute von der Lebenshilfe evtl. so reagiert haben: sie haben nur Eltern um sich, die von ihnen verlangen: tun sie mal dies oder jenes. Und ich kam daher und hatte völlig andere Vorstellunngen. Denn mein Ziel war Integration in ein normales Leben, damit ich auch daheim ein weitgehend normales Leben führen kann.

Was du auf meiner Homepage gelesen hast ist bisher nur ein Hobby. Berufsmäßig kann ich, was ich gelernt habe, nicht ausüben. Als ich damals noch Kontakt mit anderen Eltern hatte, haben die mich für ganz schön exotisch gehalten. Dabei haben meine alternativen Methoden auch N. geholfen.

LG Micha
**Claudia** 25.07.2009, 17:33#14
AW: Integration behinderter Kinder durch Eltern

Hall Micha,
Aber wenn ich deine Zeilen so lese, verstehe ich jetzt rückwirkend, warum die Lehrer oder Leute von der Lebenshilfe evtl. so reagiert haben: sie haben nur Eltern um sich, die von ihnen verlangen: tun sie mal dies oder jenes

was ich hier (in bedingtem Rahmen) erlebt habe, war eher genau das Gegenteil:
die Eltern, die keine Probleme mit der LH hatten, waren Eltern die sich auf die LH angewiesen gefühlt und zu allem "Ja" gesagt haben, ohne zu hinterfragen.
Die einfach nur froh, dankbar und willig waren.

Eigenwillig ausgenommen.

Oder aber es waren "Prestigeträger-Eltern", die als Aushängeschild gedient haben -> sie schmückten sich mit der LH und die LH schmückte sich mit ihnen.

Diejenigen (die ich kenne) die hinterfragt haben und die den grössten Ärger mit der LH hatten,waren allesamt Eltern, die mit ihrem behinderten Kind mental sehr gut zurecht gekommen sind, um Umfeld integriert waren und auch selbst und selbständig für die Integration im sozialen Umfeld gesorgt haben.
Und das waren bei der LH nicht gerade die Beliebtesten.
Das allerallerschlimmste war das "Gutmenschentum" der Erzieher und Betreuer. Sie mussten sich alle an meiner Tochter beweisen, wie "gut" (fähig) sie sind.

So ähnlich war das im KiGa unserer Kleinen auch. Was das Kind lt. KiGa-Abschlussbericht auf einmal alles konnte, war sagenhaft. Mich hat es gewundert, dass unsere Kleine den KiGa nicht mit Abi-Zeugnis verlassen hat plus einem Stipendium für die Oxford-Universität.
Ich habe noch nie einen dermassen beschönigten Bericht gelesen wie den Abschluss-Bericht des KiGa.
Damit bin ich dann erst mal zu einer Psychologin des Jugendamtes, die mich ermutigt hat, vor Schuleintritt mit dem Lehrer darüber zu sprechen.

Das habe ich dann auch getan.

Seit mein Kind aus der LH draussen ist und eine Waldorf-Schule besucht, geht es aber wirklich bergauf mit ihr.
Sie macht dermassen unglaubliche Fortschritte und keine einzige Lehrkraft gibt irgendwie damit an...obwohl diese Pädagogen verdammt stolz auf sich und ihre Leistungen sein können, was sie an diesen Kindern vollbringen.

Ich hätte meinen Popo verwettet, dass unsere Kleine nie sprechen wird.
Inzwischen kann sie die Grossbuchstaben lesen und beginnt zu schreiben.

Und diese Verdienste, die sich "unsere" Schule locker auf die Karte schreiben können, werden nicht mal irgendwo von sich aus erwähnt....
miau 25.07.2009, 18:13#15
AW: Integration behinderter Kinder durch Eltern

Hallo Claudia,

die Eltern, die du beschreibst, ja, die kenne ich und die meinte ich eigentlich. Sie hängen alle mit der LH zusammen und glauben alles, was sie sagen. Sie sehen sie als eine Art Halbgott an. Genauso verfahren sie mit Lehrern oder sonstigen Betreuern. Und dann kam ich daher und war kein Mitglied der LH und auf Missstände in Bezug auf meiner Tochter aufmerksam gemacht. Das konnten sie nicht gebrauchen. Mir ist gesagt worden, dass es noch mehr Eltern hier gibt, die nicht so beliebt waren, aber wer das ist, weiß ich nicht. Es sind alle so Einzelkämpfer gewesen wie ich, schätze ich.

Vor ein paar Tagen traf ich eine Bekannte, deren Tochter im Wohnheim der LH lebt. Sie erklärte mir, dass sie mit ihrem Austritt aus der Mitgliedschaft gedroht hatte, damit ihre Tochter mehr Freiraum zugestanden würde. Die Drohung hat funktioniert. Muss ich, die selbst ein behindertes Kind hat, erst Mitglied bei der LH werden, damit mein Kind gemäß seiner Behinderung gefördert wird? Damit bin ich nicht einverstanden. Und ich habe auch was dagegen.

Ob Waldorf oder Montessori, dort sind behinderte Kinder sicher gut aufgehoben, weil ihre Individualität gefördert wird und dann können sie sich auch weniger geliebten Seiten zuwenden. Bei uns in der Schule war es sogar so, dass sie meiner Tochter beigebracht haben, alles nachzugeben, was ihr gerade in den Sinn kam. Wollte sie um 10 Uhr Stuhlkreis haben, hat sie das gekriegt. uvm. Daheim hatte ich dann das Nachsehen, denn sie wollte dann überall das, was ihr gerade in den Sinn kam, egal ob daheim oder unterwegs.

Mir fallen da gerade zwei Feierlichkeiten an zwei verschiedenen Schulen ein:
an der einen Schule hat meine Tochter ihre Erstkommunion gefeiert. Die Betreuer und Lehrer haben alles getan, dass wir das Ganze irgendwie gut überstehen. (meine Tochter war extrem hyperaktiv)
An der anderen Schule habe ich sie dann zur Firmung angemeldet. Die Betreuer und Lehrer machten uns extra darauf aufmerksam, dass an diesem Tag nur wir Eltern für unsere kinder zuständig sind und das haben sie auch so durchgezogen. Du kannst dir vorstellen, dass wir dann irgendwann die Kirche verlassen mussten. Dabei war sie da schon älter.

vor einiger Zeit bin ich auf die "Doman"-Therapie aufmerksam geworden. Hätte ich damals davon gewusst, hätte ich alle Hebel in Bewegung gesetzt, dass ich so mit ihr arbeite. Dann hätten intakte Gehirnregionen Aufgaben übernehmen können, die so ungenutzt blieben. Ich kann nur mit dem Kopf schütteln, wenn ich daran denke, wie dumm Eltern heute noch verkauft werden, noch dazu von Einrichtungen, die solche Therapien oder Ansätze wie die von R. Steiner oder von Montessori kennen müssten. (Werden sie doch regelmäßig in ihren Fachzeitschriften darüber informiert.)

Irgendwie treffe ich nur auf Eltern, die froh sind, dass ihr Kind in einem Wohnheim untergebracht worden ist. Dass dort die Betreuung nicht unbedingt optimal ist, das kann keiner glauben, wird doch überall so gut von den Heimen berichtet.

LG Micha
**Claudia** 25.07.2009, 18:30#16
AW: Integration behinderter Kinder durch Eltern

Hallo Micha,
die Eltern, die du beschreibst, ja, die kenne ich und die meinte ich eigentlich. Sie hängen alle mit der LH zusammen und glauben alles, was sie sagen. Sie sehen sie als eine Art Halbgott an. Genauso verfahren sie mit Lehrern oder sonstigen Betreuern. Und dann kam ich daher und war kein Mitglied der LH und auf Missstände in Bezug auf meiner Tochter aufmerksam gemacht. Das konnten sie nicht gebrauchen. Mir ist gesagt worden, dass es noch mehr Eltern hier gibt, die nicht so beliebt waren, aber wer das ist, weiß ich nicht. Es sind alle so Einzelkämpfer gewesen wie ich, schätze ich.

Volltreffer!
Ich hatte so manches mal den Verdacht, dass das gefühlte Abhängigkeitsverhältnis der betroffenen Eltern ausgenutzt wurde, um sich profilieren zu können.
Sieben Jahre lang habe ich die Lebenshilfe in keinster Weise auch nur ansatzweise als "Hilfe" empfunden, sondern als völlig überflüssige Belastung, die mir das Leben mit behindertem Kind unnötig schwer gemacht hat.
Manchmal kam mir das schon vor wie bei einer eingeschworenen Sekte, in der Eigenständigkeit und selbständiges Denken und Handeln völlig verpöhnt war.

Eines der Highlights war, dass der LH-KiGa immer zum Jahresende Zwangsspenden verlangt hat.
Die Eltern mussten 15.- Euro "spenden", mit Namen auf dem Umschlag.

Ich habe mich geweigert und musste nicht lange warten, bis ich penetrante Anrufe vom Elternbeirat bekam, warum ich nicht spende.
Ich wollte doch nicht die guten Beziehungen gefährden zu all den anderen Eltern, die spenden.
Selbstverständlich habe ich NICHT gespendet und auf die Beziehungen gepfiffen!:pfeif:
Vor ein paar Tagen traf ich eine Bekannte, deren Tochter im Wohnheim der LH lebt. Sie erklärte mir, dass sie mit ihrem Austritt aus der Mitgliedschaft gedroht hatte, damit ihre Tochter mehr Freiraum zugestanden würde. Die Drohung hat funktioniert. Muss ich, die selbst ein behindertes Kind hat, erst Mitglied bei der LH werden, damit mein Kind gemäß seiner Behinderung gefördert wird? Damit bin ich nicht einverstanden. Und ich habe auch was dagegen.

Ich bin gar nicht erst beigetreten.
Die schriftliche Krönung war ein Brief der LH, der im KiGa verteilt wurde, wie dankbar wir doch zu sein hätten, dass es die LH gibt.
Mit dem Brief bin ich dann zum Geschäftsführer der hiesigen LH marschiert und habe ihm gesagt, dass ich beileibe nicht für den jahrelangen Terror dankbar bin, den mir die LH bzw. Mitarbeiter dieser Organisation hier verursacht hat/haben.

Ich finde es erschreckend, welches Machtmonopol diese Organisation hier hat, Alternativen muss man wirklich suchen.

Glücklicherweise erleben wir den FeD der Lebenshilfe hier überraschend anders :-) - wir haben zwei Betreuer, die wirklich kooperativ MIT uns arbeiten und unsere Kleine wirklich hervorragend betreut wird.
Das lasse ich die Stelle hier aber auch wissen, dass wir sehr zufrieden mit der Leistung und dem zwischenmenschlichen Umgang sind.
miau 25.07.2009, 18:39#17
AW: Integration behinderter Kinder durch Eltern

Hallo Claudia,

deine Zeilen lesen sich, als ob die unsrige Lebenshilfe, denn unsere gehört auch zum Landesverband in Erlangen, mit dem was sich Geschäftsstelle von Marburg so auf die Fahnen schreibt, nur wenig gemeinsam haben.

Ich habe immer gedacht, ich wäre ein anhänglicher Mensch und würde alles glauben, was man mir so auftischt, aber scheinbar ist dem nicht so.

Schämen diese Eltern sich so sehr, dass sie die LH so arg brauchen? Ich schäme mich auch und setze mich jedoch damit auseinander. Nur geb ich es zu und die anderen nicht. Die haben irgendwie kein Problem mit der Behinderung ihres Kindes, nur ich. Na ja, ich will jetzt nicht ganz unfair sein. In der Gruppe, in der ich mal war, gab es auch andere Stimmen. Vielleicht war ich auch zu kurz dort. Aber dort haben die Mütter auch viel zu viel von ihren gesunden Kindern erzählt, die ja alle ins Gymnasium gingen. Ich hatte damals verstanden: "also an mir liegt es nicht, dass ich ein geistig krankes Kind habe. Schaut her, mein anderes Kind ist ganz schlau."

Dass ich hier und heute dies alles schreibe, das auch erst seine Entwicklung gehabt. So mutig, wie ich gerne wäre, bin ich dann doch nicht immer. Denn all dies zu den Betroffenen selber sagen, hat schon eine andere Qualität, als bei unbetroffenen zu reden, wie es einem geht. Und es tut auch viel mehr weh, wenn man gesagt bekommt, das sei Einbildung oder bei ihnen ist alles in Ordnung, mit Verwandtschaft, Freunden oder Nachbarn.

LG Micha
**Claudia** 25.07.2009, 18:48#18
AW: Integration behinderter Kinder durch Eltern

Hallo Micha,

mein Schamgefühl, mich mit behindertem Kind auf der Strasse zu zeigen, ist wohl eher nicht sehr ausgeprägt - ich bin da recht taff, ich merke auch gar nicht, ob man uns anguckt oder nicht.
Wir hatten schon Situationen, in denen sich unsere Kleine so in der U-Bahn aufgeführt hat, dass wir sie heraustragen mussten (sie krabbelte am Boden und versuchte die Füsse anderer abzulecken oder Frauen unter die Bluse zu grabschen - sie ist dermassen flink, dass wir dann wirklich hinterherhechten mussten).
Aber ich kann nicht mal sagen, ob wir "doof" angeguckt wurden oder nicht.

Das Einzige, an was ich mich erinnern kann und was mir wirklich unangenehm war:
wir waren mal ein verlängertes Wochenende in der Schweiz um den Hauptsitz der Firma zu besuchen, für die mein Mann tätig ist - und wir waren dort in einem gutbürgerlichen schweizer Hotel.
Ausgerechnet da passierte es, dass unsere Kleine quer über den Tisch gekotzt hat beim Frühstück...in gediegener Umgebung und etlichen anderen Gästen.

Ich habe das Kind gepackt, bin auf's Zimmer - mein Mann hat ganz souverän die Situation im Speisesaal geregelt. Wir haben uns beim Personal für die Unannehmlichkeiten entschuldigt und uns für die Hilfe bedankt, die auch ratzfatz kam.

Ansonsten bin ich auch bei meiner Kleinen recht konsequent in der Erziehung und entschuldige so manchen Austicker nicht mit ihrer Behinderung.
Ich erlebe nämlich tagtäglich mit meinem Kind, dass auch geistig behinderte Kinder durchaus in einem gewissen Rahmen erziehbar sind und ich mache sicher nicht "eideidei", wenn sie anfängt, nach Passanten zu spucken oder versucht einem Polizisten die Pistole aus dem Halfter zu ziehen - was auch schon passiert ist.
miau 25.07.2009, 19:06#19
AW: Integration behinderter Kinder durch Eltern

Hallo Inge,
Ich erlebe nämlich tagtäglich mit meinem Kind, dass auch geistig behinderte Kinder durchaus in einem gewissen Rahmen erziehbar sind

Wenn du meine Tochter früher, als sie aus der Schule kam, gekannt hättest und heute, dann wüsstest du dass dies geht. Und so wie ich die Behinderung deiner Pflegetochter einschätze, ist das nur gering im Gegensatz zu uns. Meine Tochter schreit um sich, wenn es ihr nicht passt, oder sie wirft die Sachen vom Tisch. Ist sie gut beeinander, kann ich sogar einkaufen mit ihr. (einkaufen mag sie überhaupt nicht)

Meine Tochter orientiert sich an den Erwachsenen um sie herum. Je nachdem, wie sie sich benehmen, ahmt sie das nach. Es gibt immer wieder welche, die meinen sie zum lachen bringen zu müssen. Was dann folgt, ist nur noch furchtbar. Heute weise ich die Leute gleich zurecht damit aufzuhören. Aber manche sind halt unbelehrbar. Am besten kommt man mit meiner Tochter klar, wenn man sie wie jeden normalen Menschen behandelt. Nichts gekünsteltes oder übertriebenes, einfach so, wie wenn ich dich kennenlernen würde. Aber das versteht kaum einer, wenn ich das so sage. Sie behandeln mein Kind besonders und kriegen dann eine entsprechende "besondere" Reaktion.

LG Micha
HHelmutS 25.07.2009, 19:12#20
AW: Integration behinderter Kinder durch Eltern
Zitat von miau

Mir fallen da gerade zwei Feierlichkeiten an zwei verschiedenen Schulen ein:
an der einen Schule hat meine Tochter ihre Erstkommunion gefeiert. Die Betreuer und Lehrer haben alles getan, dass wir das Ganze irgendwie gut überstehen. (meine Tochter war extrem hyperaktiv)
An der anderen Schule habe ich sie dann zur Firmung angemeldet. Die Betreuer und Lehrer machten uns extra darauf aufmerksam, dass an diesem Tag nur wir Eltern für unsere kinder zuständig sind und das haben sie auch so durchgezogen. Du kannst dir vorstellen, dass wir dann irgendwann die Kirche verlassen mussten. Dabei war sie da schon älter.



Hallo Micha,

da es kaum Eltern gibt, die ihr Kind fragen, ob es zur Kommunion gehen will, und sich nach der Antwort richten... sondern es "eiskalt" durchziehen, hat die kath. Kirche die Firmung erfunden... damit jugendliche Gelegenheit haben, sich tatsächlich aus "freiem Glauben", für diesen zu entscheiden. Das wird zwar auch oft von Eltern "mißbraucht"... aber Lehrer dafür einspannen zu wollen, jugendliche die aufgrund ihrer Behinderung oft ohnehin nicht wissen was sie da sollen, für so eine Feierlichkeit einzuspannen, nur damit die Eltern "ihren Willen" bekommen.... ui ui... da bin ich froh sowas nicht live erlebt zu haben, denn dann wäre ich wahrscheinlich geplatzt.

Irgendwie erinnert mich das an Claudias "Geschichte mit der Hautfarbe". Die extra anzugeben finde ich etwa so, als wenn man ein behindertes Kind unabhängig von den Fördermöglichkeiten in eine integrative Einrichtung gibt, nur weil es da... anders als in einer Sonderschule " eher was besonderes" ist. Solche Schilderungen bestärken mich in dem glauben, das das mit "dem Glauben" nur ein Witz sein kann, denn sonst würde man nicht so damit umgehen.

Die Lebenshilfe ist ein Dienstleistungsunternehmen. Da geht man hin, sagt was man möchte, verhandelt ggf. und ist mit dem Ergebnis zufrieden oder auch nicht. Das ist wie beim Frisör. Da geht man u. frau hin, sagt was frau möchte, bekommt es so... ist zufrieden .. oder nicht, und geht wieder hin.. oder nicht. Genau so wie es viele verschiedene Frisöre gibt, gibt es viele verschiedene Ortsgruppen der Lebenshilfe. Jede geht ihren Erfahrungen entspr. mit den Kunden um.

Wenn dein Mann nichts mit eurer Tochter unternimmt... was macht deine Tochter den ganzen Tag zuhause ? Gute Bekannten von mir, die ihre 25 J. alte behinderte Tochter auch jahrelang "nur" zuhause hatten, habe ich gefragt, ob sie mit ihrer Tochter, rein vom Tagesablauf her tauschen würden.... und wenn nicht, warum sie ihr das Leben denn nicht so einrichten würden, das ihnen so ein Tausch zumindest leichter fallen würde ?

:-) Helmut
**Claudia** 25.07.2009, 19:13#21
AW: Integration behinderter Kinder durch Eltern
Am besten kommt man mit meiner Tochter klar, wenn man sie wie jeden normalen Menschen behandelt. Nichts gekünsteltes oder übertriebenes, einfach so, wie wenn ich dich kennenlernen würde. Aber das versteht kaum einer, wenn ich das so sage. Sie behandeln mein Kind besonders und kriegen dann eine entsprechende "besondere" Reaktion.


Genauso ist das bei uns auch :-) - anfangs war es schon etwas herausfordernd, unser Umfeld so mit zu erziehen, dass das nachvollzogen werden kann, aber mittlerweile klappt das zum grössten Teil recht gut :-).

Je weniger "eideidei" und "tüddeldü" gemacht wird, umso leichter klappt's :-).
Natürlich will ich jetzt nicht "rosarot" schreiben, wir haben manchmal auch wirklich heftig anstrengende Phasen und Zeiten (was für uns die schwierigste Herausforderung ist, ist das fehlende Gefahren- und Schmerzbewusstsein unserer Kleinen und ihre Anorexie), aber je weniger "Kult" um die Behinderung gemacht wird, umso "integrierter" ist auch die Gesamtsituation.
Wir sind da ganz pragmatisch.
**Claudia** 25.07.2009, 19:15#22
AW: Integration behinderter Kinder durch Eltern

Hallo Helmut,
Die Lebenshilfe ist ein Dienstleistungsunternehmen

so sehe ich das auch!!!:grins:
miau 25.07.2009, 19:33#23
AW: Integration behinderter Kinder durch Eltern
Zitat von **Claudia**
Hallo Helmut,

Zitat:
Die Lebenshilfe ist ein Dienstleistungsunternehmen

so sehe ich das auch!!!:grins:

das wusste ich nicht. Erklärt aber so manches. :-( Micha


@ Helmut,

wir als Eltern wollten die Firmung auch haben.
Wenn dein Mann nichts mit eurer Tochter unternimmt... was macht deine Tochter den ganzen Tag zuhause ? Gute Bekannten von mir, die ihre 25 J. alte behinderte Tochter auch jahrelang "nur" zuhause hatten, habe ich gefragt, ob sie mit ihrer Tochter, rein vom Tagesablauf her tauschen würden.... und wenn nicht, warum sie ihr das Leben denn nicht so einrichten würden, das ihnen so ein Tausch zumindest leichter fallen würde ?

Er geht schon mit, er möchte ja selbst manchmal einen Ausflug machen. Nur alleine tut er sich schwer mit ihr.

Unser Tagesablauf orientiert sich nach den Bedürfnissen meiner Tochter. Vor allem ihr Schlafproblem ist, seitdem sie daheim ist, deutlich besser geworden und ihre Überdrehtheit hat sich dadurch auch reduziert. Bei uns die Einrichtung legte immer Wert auf "individuelle" Förderung, aber sie haben sich schwer getan, meine Tochter erst später abzuholen, so wie ich es von anderen Kindern gehört hatte, dass dies möglich war.

Vor kurzem haben wir Betreuung für sie beantragt. Aber wie es halt so kommen musste, wird nun erst einmal die Pflegestufe neu geprüft. Als ich den Brief bekam, war ich richtig wütend.


@ Claudia,

Gefahren kennt meine Tochter auch nicht. Darum hat sei auch eine Schnur um ihren Bauch umgebunden, wenn wir mit ihr spazieren gehen. Was sie nämlich besonders gut kann ist wegrennen, am besten vor ein Auto oder in einen Graben.

LG Micha
**Claudia** 25.07.2009, 19:43#24
AW: Integration behinderter Kinder durch Eltern
Gefahren kennt meine Tochter auch nicht. Darum hat sei auch eine Schnur um ihren Bauch umgebunden, wenn wir mit ihr spazieren gehen. Was sie nämlich besonders gut kann ist wegrennen, am besten vor ein Auto oder in einen Graben.

Ich glaube, unsere Kiddies haben da so einiges gemeinsam ;-).
Wir haben mittlerweile ein Halteband, das um das Handgelenk herum befestigt wird, wobei wir momentan den Vorteil haben, dass unsere Kleine sich derzeit in den Kopf gesetzt hat "brav" sein zu wollen *schmunzel*.
Und im Moment genügt es, wenn ich sie darin bestärke, dass "brave" Kinder an der Hand gehen.

Ansonsten klappt das mit dem Halteband auch sehr gut. Ich mache das um ihr Handgelenk und knüpfe es bei mir am Hosengürtel fest. Da hat sie nicht das Gefühl, festgehalten zu werden, aber ich habe das Gefühl, dass sie nicht weiter als einen halben Meter weglaufen kann.

Unsere hatte auch schon die Idee, Autos mit weit ausgestreckten Armen aufhalten zu wollen - das bringt "Fun and Action".
Für uns weniger "Fun", dafür mehr "Action"....:-P
HHelmutS 25.07.2009, 19:55#25
AW: Integration behinderter Kinder durch Eltern
Zitat von miau
das wusste ich nicht. Erklärt aber so manches. :-( Micha


@ Helmut,

wir als Eltern wollten die Firmung auch haben.


Hi Micha,

genau das ist es, was mich bei dem Thema auf die Palme bringt. Bei der Firmung geht es nicht um das was die Eltern wollen, sondern im Sinne des Glaubens nur um das, was der Betroffene will. Es gibt "gute glaubenstreue" Pastoren, die nehmen es Eltern gewaltig krumm, wenn sie irgendwelchen Druck ausüben, wenn Jugendliche die Firmung nicht wollen.... die anderen, denen der Wille der Jugendlichen egal ist, gibt es natürlich auch.

"Genau so" ist das in vielen anderen Lebensbereichen auch. Mal drücken Eltern ihrem Kind "ihren glauben" auf, und suchen Verstärkung bei Leuten die da nix mit zu tun haben. Mal bekommen die Eltern z.B. vom medizinschen Dienst "dessen Glauben" aufgerdrückt..... Das der kommt wenn Behinderte volljährig werden ist völlig normnal. Das der dann plötzlich, ohne das sich tatsächlich was geändert hat, andere, meist kürzere Zeiten feststellt, ist genau so normal, wie Eltern Kinder zur Firmung schleifen, die garnicht wissen was sie da sollen. Sorry.

Wenn man versucht selber bewußt nicht so handelt, fällt es wohlmöglich leichter gegen andere vorzugehen, die so handeln, und einem das Leben schwer machen.

:-) Helmut