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Die Lebenshilfe

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Kirsten 20.05.2010, 09:36#1
Hallo miteinander,

heute wende ich mich in eigener Sache als Mitglied der Lebenshilfe und Mutter eines Kindes mit einer geistigen Behinderung an euch. Mitgliedern der Lebenshilfe wurde in den letzten Monaten der Entwurf des neuen Grundsatzprogramms der Bundesvereinigung der Lebenshilfe zur Durchsicht vorgestellt. Der Bundesverband wünscht sich von uns Mitgliedern auch eine aktive Teilnahme in Form von Äußerungen, Kritiken, Vorschlägen und einfach auch der Meinung eines jeden einzelnen von uns. Auf der letzten Seite des Entwurfs findet man dazu die nötige Adresse. Wenn das Grundsatzprogramm verabschiedet ist, dann ist es als Grundsatz für alle Lebenshilfen künftig bindend. Es ist das einzige programmatische Papier des Bundesverbands. Wenn ihr Mitglied einer Lebenshilfe Vereinigung seid, seid ihr auch automatisch Mitglied in eurem Landesverband und Bundesverband. Mein Anliegen ist es, euch auf diesen Entwurf noch einmal aufmerksam zu machen. Man kann den Entwurf auch im Internet auf der homepage des Bundesverbands einsehen.

http://www.lebenshilfe.de/wDeutsch/ueber_uns/aufgaben-und-ziel/40-Das-neue-Grundsatzprogramm82.php

Solltet ihr/du kein Mitglied sein, hoffe ich trotzdem, dass ihr mal ein wenig Zeit findet, einen Blick auf den Entwurf des Grundsatzprogramms zu werfen. Vielleicht ist es ja auch für einige überhaupt neu, was den die vielzitierte Lebenshilfe eigentlich überhaupt ist und wie wichtig sie nach wie vor ist. Es war und ist bis heute die Lebenshilfe, die als (einziger?) starker Verband ganz speziell hinter den Menschen mit einer geistigen Behinderung und ihren Angehörigen steht und gestanden hat. Sie wurde im November 1958 in Marburg aus der Not heraus von Eltern und Fachleuten gegründet. Es ist bis heute eine Elternvereinigung. Wie ihr z.T. aus persönlicher Erfahrung wisst, stehen unsere Betroffen ganz unten auf der, wenn man es mal beim Wort nimmt: Liste der Menschen mit einer Behinderung. Bitte jetzt nicht als Angriff auf Menschen mit einer reinen Körperbehinderung verstehen. Das möchte ich auch mit diesem Aufruf keinesfalls bezwecken. Auch mein Kind hat schwerste körperliche Beeinträchtigungen. Jeder von uns weiß, wo seine Probleme, Wünsche und Träume in was für welchen Verbänden angesiedelt sind. Gerade in Zeiten wie diesen, Kassen leer, wir müssen sparen, stehen viele Zuschüsse auf dem Prüfstand. Wir brauchen einen starken Verband mit einem Grundsatzprogramm, mit dem sich auch die Menschen mit schwersten Formen der geistigen Behinderung identifizieren können. Darum bitte ich euch, lest den Entwurf einmal (oder auch noch einmal) durch. Denkt dran, Ende Oktober auf der Bundesversammlung könnte, wie es vorgesehen ist, das Programm schon verabschiedet werden.

Findet es euren Zuspruch auf ganzer Linie, findet ihr euch in diesem Programm wieder?

Sollte sich die Lebenshilfe nicht ihrer Wurzeln erinnern und sich mit ihrem Programm in erster Linie Menschen mit einer geistigen bis hin zur schwersten Form einer geistigen Behinderung stellen? Natürlich und unter der Voraussetzung im Zeichen der Inklusion mit dem Hinweis verbunden, auch offen für andere Behinderungsformen zu sein? Tut sie es vielleicht ausdrücklich und ich missverstehe das Programm, lege es vielleicht falsch aus?

Viele Selbsthilfevereinigungen haben ihren eigenen Verband mit ihrer speziellen Interessenvertretung. Da gibt es den Gehörlosenbund, den Blindenbund, den großen Verein für Menschen mit einer Körperbehinderung. Es ist mir ein Bedürfnis als Mutter eines Kindes mit einer schweren geistigen Behinderung und als Mitglied der Lebenshilfe Verantwortung dafür zu zeigen, welchen Weg die Selbsthilfevereinigung für Eltern und Angehörigen von Menschen mit einer geistigen Behinderung künftig gehen wird.
Als kleinen Hinweis darauf, warum ich euch diese Zeilen geschrieben habe, was mich antreibt oder was meine Sorgen als Mutter eines Betroffenen sind, füge ich euch einen meiner Briefe bei, den ich mir von der Seele geschrieben habe.

Ich danke euch für die Zeit, die ihr beim Lesen verbracht habt und Grüße euch herzlich,
Kirsten


Meine liebe Freundin,

es ist der Zeitgeist, alles zusammenfügen zu müssen, heile Welt Gedanken und wir sind alle gleich und alles wird gut.
Koste es, was es wolle. Ich persönlich würde mir wünschen, dass die Lebenshilfe ausschließlich der Verband der Menschen mit einer geistigen Behinderung bleibt, natürlich aber gerne auch offen mit ihren Angeboten für Menschen mit Behinderungen aller Art. Es waren diese betroffenen Menschen mit einer geistigen Behinderung, die im letzten Jahrhundert in Zeiten des Faschismus aussortiert, beurteilt und wenn nichts verwertbares mehr an ihnen zu finden war - außer ein schlagendes Herz und ein Leben - zur Vernichtung auf widerliche Art und Weise freigegeben wurden. Die Eltern brachten ihre Kinder, die als Idiopathen bezeichnet wurden, mit Hoffnung auf Besserung, in eine "Facheinrichtung" und bekamen dann irgendwann eine kurze Nachricht, dass ihr Kind leider verstorben sei. Ein wenig Morphium, ein wenig Barbiturat, dann möglichst ohne Bewegung und Ansprache festgebunden liegen gelassen, bis zur eintretenden unvermeidlichen Lungenentzündung und wenn dann noch der Kick gefehlt hat, dann wurde halt das Fenster geöffnet. So kann man es im Internet in einer Dokumentation nachlesen.

http://www.pk.lueneburg.de/hist-notizen8.html

und im Deutschen Ärzteblatt, Heft 42/20.10.2000 findet man folgenden Text:

http://www.pk.lueneburg.de/gedenkstaette/kfa/KFA-aerzteblatt-benzenhoefer.pdf

Mir wird schlecht und mein Herz öffnet sich für die Eltern, Mütter des letzten Jahrhundertes und ihrer unvorstellbaren Angst und Sorge um ihre absolut hilflosen Kinder, die noch nicht einmal das Wissen hatten, welch große Ungerechtigkeit und welches Verbrechen ihnen angetan wurde - nur - weil Sie Menschen waren, die halt einfach nicht das Glück hatten, mit einem Gehirn ausgestattet zu sein, wie es der gute durchschnittliche (Deutsche) Bürger und Anhänger des Faschismus eben forderte. Ich würde mir mal ein großes Mahnmal wünschen, mitten in Berlin . Ein Mahnmal und eine Entschuldigung aus Volkes Mund, aus regierendem Mund und das ein Zeichens gesetzt wird. Ein Zeichen das aufruft und erinnert, an das Leid der Menschen mit einer geistigen Behinderung und ihrer Angehörigen in Zeiten des Faschismus. Wer redet da heute schon noch von?

"Wo haben wir sie hingebracht?"

Wo werden sie heute in welche Schublade gesteckt?

Was ist in Zukunft von der Lebenshilfe zu erwarten?

Liebe Freundin, hoffentlich werden wir es nie erleben müssen zuzuschauen, wie unseren Kindern das Recht auf Leben abgesprochen wird. Das Recht auf Teilhabe wird ihnen mancherorts doch schon wieder versagt. Bei Recht auf Leben fällt mir spontan die Pränatale Diagnostik ein. Die Gründung der Lebenshilfe war 1958 noch unvorstellbare Kraft, Menschen mit einer geistigen Behinderung ins Leben zu holen und bis heute auch vielerorts ihre Teilhabe, ihre Förderung und den respektvollen Umgang mit ihnen zu sichern. Es hat viele Jahre gedauert etwas aufzubauen, was durch das als Entwurf vorliegende neue Grundsatzprogramm der Bundesvereinígung der Lebenshilfe mit seinen leuchtenden bunten und phantasievollen Aussagen für Menschen mit einer schweren geistigen Behinderung in meinen Augen aufs Spiel gesetzt wird. Wo werden wir diese Menschen künftig finden? "Wirklich mitten drin - ohne wenn und aber??"

Liebe Grüße
Kirsten



P.S. Die Texte zu denen man über die eingefügten Links kommt, stehen zur Information und nicht im Zusammenhang mit der Arbeit von heute. Ich möchte nur aufzeigen, wie es früher war und aus welchem geschichtlichen Hintergrund die Lebenshilfe u.a. im Jahre 1958 gegründet wurde. Es waren Eltern, die diese Zeit erlebt haben. Unsere Kinder und betroffenen Angehörigen haben Glück, dass sie heute in einer ganz anderen Voraussetzung mitten in der Gesellschaft leben "dürfen"! Wir sind aus der Vergangenheit gemahnt, diese Voraussetzung auch immer zu gewährleisten. Dafür steht für mich für die Menschen mit einer geistigen Behinderung die Lebenshilfe mit ihren Mitarbeitern, Mitgliedern, Freunden und Gönnern an allererster Stelle.
**Claudia** 20.05.2010, 11:59#2
AW: Die Lebenshilfe

Vielen Dank für Deine Mühe - ich habe Dir eine PN geschickt und würde mich freuen, wenn Du sie mal durchliest.;-)
quietschteddy 20.05.2010, 16:50#3
AW: Die Lebenshilfe

Hallo Kirsten,

Dein Link hat bei mir eine Nicht-Gefunden-Meldung erzeugt. Mit der Suchfunktion habe ich auf der seite der Lebenshilfe ein Grundsatzprogramm im Entwurf in schwerer und eines in leichter Sprache gefunden. Ich versuche die beiden mal an den Beitrag anzuhängen.

LG
Kirsten 20.05.2010, 17:12#4
AW: Die Lebenshilfe

Liebe Daniela,

vielen Dank für deine Hilfe. Du hattest recht, es ging nicht. Ich habe nämlich meinen Text kopiert und eingefügt. Danach ging der Link nicht mehr. Jetzt müsste es aber wieder gehen. Der gleiche Text steht in der Rubirk "Was mich bewegt" mit Umfrage.

L.G.
Kirsten
miau 20.05.2010, 17:49#5
AW: Die Lebenshilfe

Hallo Kirsten,

solche Texte lesen sich für mich immer schön und stimmig. Darum weiß ich jetzt nicht wirklich, um welche Punkte es insgesamt geht.
Sollte sich die Lebenshilfe nicht ihrer Wurzeln erinnern und sich mit seinem Programm in erster Linie Menschen mit einer geistigen bis hin zur schwersten Form einer geistigen Behinderung stellen?

Heißt das, dass die neue LH sich allen Behinderungen widmen will und nicht ausschließlich den Geistig Behinderten? Ursprünglich war dem doch so, warum soll das jetzt anders werden?

Was dort in diesem Grundsatzprogramm steht, so erlebe ich die Eltern nicht. Hier im Forum schon, in der Realität nicht. Jeder kocht so sein eigenes Süppchen. Aber darüber will ich mich jetzt nicht auslassen, denn darum geht es ja eigentlich gar nicht.

Zu deiner Geschichte fiel mir ein, dass meine Schwiegermutter mir in den ersten Jahren, nachdem ihre behinderte Enkelin geboren war, immer wieder in den Ohren lag, dass früher solche Leute gleich weggekommen wären. Diese schlimmen Sätze hatten eine verheerende Wirkung auf mich, bis ich mich besann und von ihr Abstand nahm.

lg Micha
Kirsten 20.05.2010, 18:23#6
AW: Die Lebenshilfe

Hallo Micha,

vielen Dank, dass du dich zu diesem Thema, welches ich so wichtig finde, meldest. In meinem Text habe ich ja auch geschrieben, ob vielleicht ich es nur so empfinde, dass Menschen mit einer schweren geistigen und überhaupt komplexen Behinderung irgendwie sich nicht mehr mit den neuen Zielen, Idealen der Lebenshilfe identifizieren können. Inklusion ist nach den Richtlinien der UN-Konvention natürlich der richtige Weg. Aber für alle Menschen, selbst mit den schwersten Behinderungen muss das Wort Inklusion stehen. Die Umsetzung auszuführen.........dafür brauchen wir einen starken Verband, der hinter allen Arten und Formen und auch komplexen Behinderungen steht. Ist aber das angestrebte Ziel für alle gedacht? Kann man es mit allen Betroffenen durchführen? Wäre zum Beispiel, ganz krass ausgedrückt, die Abschaffung der Fördereinrichtungen angefangen von Schulen, über Werkstatt, Tagesförderstätte und Wohnheime für alle der richtige Weg? Das sind so meine Gedanken zu diesem Thema. Würden z.B. die Förderschulen aufgelöst, wo blieben dann die Schüler mit schwerstmehrfacher Behinderung? Würden sie auch das Recht haben (beanspruchen können sie es) in Schulen und Klassen integriert zu werden? Die Bewohner in Wohnpflegeheimen, schon jetzt oft nur mit einem Lebensbereich, würde die Lebenshilfe sie aus der Isolation herausholen (können) wenn sie es beanspruchen würden?
Wie man hier im Forum nachlesen kann, bin ich ein großer Anhänger der Lebenshilfe und weiß um ihre Wichtigkeit als Verband hinter den Menschen aller Formen und Begleiterkrankungen von Menschen mit einer geistigen Behinderung. Wir werden Sie - um die Rechte dieser Menschen zu wahren - auch immer als starken Verband brauchen. Aber eben für alle und nicht nur die, um die es im Entwurf im neuen Grundsatzprogramm meines Empfindens nach hauptsächlich geht. Ich möchte einfach, dass alle, auch die Betroffenen selbst vor der Verabschiedung des Entwurfs Kenntnis vom Inhalt bekommen und auch darüber mitreden können. Es ist unsere Lebenshilfe - von wenigen Eltern und ein paar Fachleuten 1958 aus nachvollziehbaren Gründen gegründet und bis heute wurde so vieles geschaffen, ermöglicht und erreicht. Einen Fundus auf dem weiter gebaut werden kann. Ein Erbe, dass uns die Eltern von damals anvertraut und übergeben haben. Wir als Eltern sollten einfach unser "Wächteramt" ernst nehmen und auch ausführen.
L.G.
Kirsten
miau 20.05.2010, 18:44#7
AW: Die Lebenshilfe

Hallo Kirsten,

also, dieses Ideal, dass alle Kinder nur noch in eine Schule gehen sollen, das habe ich auch nicht verstanden, warum das ein Ziel sein soll, wenn es derzeit bei uns kaum Integration gibt und sogar in der Schule der Lebenshilfe die Behinderten strikt getrennt unterrichtet werden. Hier wäre der erste Ansatz der Eltern für Integration zu sorgen. Meine Tochter hätte nie in einer ganz normalen Schule (Klasse) unterrichtet werden können. Aber auch anders herum, die totale Aussortierung war ihr auch nicht gemäß und zeigte negative Wirkungen.

Dort stehen auch zu viele Forderungen an die normalen Menschen. Es wird in dem Programm zu sehr davon ausgegangen, dass die Betroffenen sich schon füreinander geöffnet hätten. Integration fängt bei jedem einzelnen an: also bei jedem Angehörigen, nicht erst bei Lehrern oder Fachleuten. Aber wie so ich das jemanden sagen, der von sich überzeugt ist, schon alles zu tun. (es kann sein, dass ich mich jetzt missverständlich ausgedrückt habe, denn ich habe ein bestimmtes Elternbild vor Augen, worauf sich diese Zeilen beziehen).

Wenn die schwerst geistig-behinderten Menschen wirklich nach ihrem Willen gefragt würden, dann käme es auch nicht zu den ganz besonderen "Schlagzeilen" von denen immer wieder zu lesen ist. Dann würden alle Eltern hinschauen, wie ihr Kind tatsächlich betreut wird und auch mal bei den anderen schauen, nicht nur das Beste für sich selbst zu wünschen.

lg Micha
**Claudia** 20.05.2010, 20:49#8
AW: Die Lebenshilfe

Ihr Lieben,

ich schreibe jetzt doch mal ganz offen, dass ich keine Inklusion möchte und auch keine Eigenverantwortlichkeit für meine Kleine!

Vielmehr dient es m.E. der Integration, wenn wir Eltern unsere Kinder genau SO annehmen, wie sie sind:
geistig behindert.

Da gibt es nichts zu bagatellisieren und "geistig behindert" ist für mich keine (Ab)wertung, sondern die korrekte Definition eines geistigen Zustandes.

Meine Kleine wird nie auf dem Stand eines erwachsenen Menschen sein.
Wir haben hier z.B. den Jugendschutz für Jugendliche --- also für Menschen, die auch nicht das geistige Niveau eines Erwachsenen haben.

Ich kann doch unmöglich eine geistig behinderte Person, die den geistigen Stand eines Kindes hat und haben wird, mit einem Erwachsenen gleichstellen.
Sie brauchen besonderen Schutz, wie es eben auch den Kinder- und Jugendschutz gibt, weil Kinder und Jugendliche nicht die Reife einer erwachsenen Person haben.

Möge es niemals geschehen, dass mal irgendwelche "Sozialkranke" ;-) auf die Idee kommen, dass unsere Kleine alleine wohnen kann (wir haben schon jetzt besprochen, in welcher geschützten Einrichtung wir sie mal gerne unterbringen wollen).

Unser Kind würde den dritten Tag vermutlich nicht lebend überstehen, weil sie sich dann entweder das Dach über den Kopf abgefackelt hat oder weil sie vielleicht ein paar Liter Putzmittel getrunken hat.

Ich fände es auch für eine "normale" Klasse vollkommen unzumutbar, wenn sie unsere Kleine dort integrieren müssten - ich will mir das nicht mal mit Integrationshelfer vorstellen.


Ich bin froh und dankbar, dass es betreute Einrichtungen gibt, die geistig behinderte Mitmenschen (auch vor sich selbst) schützen und ich bin froh und dankbar, dass es Schulen für geistig behinderte Kinder gibt.
Unsere Kleine fühlt sich in ihrer 9-Schüler-Klasse pudelwohl.

Ich mag gar nicht dran denken, was abgehen würde, wenn sie in einer Regelschule wäre.

Ganz zu schweigen von der Vorstellung, dass sie alleine lebt und vielleicht noch Kinder in die Welt setzt, die sie dann mal eben anzündet, weil sie "anzünden" ganz, ganz toll findet (Feuer ist ihre Leidenschaft...).

Integration heisst für mich, dass wir Eltern es zu akzeptieren haben, dass unsere Kinder eben nicht so sind wie wir sie vielleicht gerne gehabt hätten.
Was in meinen Augen wirklich gegen die Würde der behinderten Menschen geht, ist das zwanghafte Gleichstellen, statt sie so zu akzeptieren wie sie wirklich sind.

Unsere behinderten Kinder sind doch nicht dazu da, ein völlig unrealistisches Ideal zu erfüllen - die Integration beginnt mit der liebenden Akzeptanz im Herzen der Eltern und nicht mit einer völlig unrealistischen Gleichmachung mit gesunden Kindern.
miau 21.05.2010, 10:02#9
AW: Die Lebenshilfe
Zitat von **Claudia**
Integration heisst für mich, dass wir Eltern es zu akzeptieren haben, dass unsere Kinder eben nicht so sind wie wir sie vielleicht gerne gehabt hätten.
Was in meinen Augen wirklich gegen die Würde der behinderten Menschen geht, ist das zwanghafte Gleichstellen, statt sie so zu akzeptieren wie sie wirklich sind.

Unsere behinderten Kinder sind doch nicht dazu da, ein völlig unrealistisches Ideal zu erfüllen - die Integration beginnt mit der liebenden Akzeptanz im Herzen der Eltern und nicht mit einer völlig unrealistischen Gleichmachung mit gesunden Kindern.

Hallo Claudia,

das hast du sehr treffend formuliert.

Würden unsere geistig behinderten Kinder gleichgestellt, dann ist das bestimmt auch wieder mit Verlusten verbunden, die jetzt noch gar nicht einsehbar sind. Denn wenn alle gleich sind, dann braucht es auch keine Unterstützung.

Gleichheit vor dem Gesetz.
Akzeptanz erst einmal bei den Angehörigen.

lg Micha
Kirsten 21.05.2010, 12:17#10
AW: Die Lebenshilfe

Hallo Micha,

genau, du hast es auf den Punkt gebracht. Würden alle als gleich angesehen werden, Nachteilsausgleiche in diesem Sinn weitgehenst abgeschafft, dann wäre die Inklusion eigentlich eine äußerst rentable Angelegenheit. Und jetzt komme ich auf den Punkt meiner Ängste: Die aber nicht auf Biegen und Brechen zu includieren sind = Menschen mit schwersten Behinderungen, egal auch ob geistig, psyschich oder mehrfacher sowie anderer Art, die würden abgehängt, in Pflegeheimen untergebracht. In welcher Form und mit welchem Betreuungsschlüssel sei mal dahingestellt. Sie würden ihren Mund fein sauber abgeputzt bekommen, ihren Körper sicher verwahrt und pünktllich morgens, mittags und abends ihre Mahlzeiten vom Pflegepersonal verabreicht bekommen. Das sind die allerschlimmsten Befürchtungen, heute vielleicht abgetan, aber es wird immer deutlicher, dass Eltern schwerstmehrfachbehinderter Kinder diese Vision vor Augen haben. Darum wünsche ich mir so sehr, dass jeder die Chance bekommt, sich einmal mit den neuen Grundsätzen des Ansatzes bzw. Einsatzes für Menschen mit Behinderungen im Rahmen der Un-Konvention und im Zeichen der Inklusion vertraut zu machen.
Liebe Grüße
Kirsten
Inge 21.05.2010, 14:14#11
AW: Die Lebenshilfe

Hallo zusammen,

auweia, da begebe ich mich jetzt mal in die Höhle der Löwinnen :pfeif:

Ich sehe das zum Teil genau wie Ihr und dann doch wieder ganz anders ;-) - Gleichstellung heißt für mich nicht Gleichbehandlung. Ich möchte, dass meine Tochter so weit wie möglich "ganz normal" mitten in der Gesellschaft leben kann. Das heißt für mich nicht, dass sie alleine und selbständig leben kann und soll. Das ist schlicht und einfach unmöglich. Ich möchte aber, dass sie (möglichst in der Stadt oder in einem größeren Ort) in einer kleinen Wohngruppe mit anderen Menschen zusammen leben kann. Eine "Sonderwelt" im Sinne einer großen Wohneinheit oder einer großen Einrichtung für behinderte Menschen sehe ich für meine Tochter als unpassend an.

Das Grundsatzprogramm gehört aber m.E. dahin gehend überarbeitet, dass Menschen mit schweren (geistigen) Behinderungen die nötige Unterstützung für dieses Leben erhalten sollen. Denn ich sehe auch die Gefahr, dass besonders die Leistungsträger Gleichstellung als Gleichbehandlung auslegen und jegliche Nachteilsausgleiche verweigern.
Aber es wäre falsch, aus diesem Grund an den derzeitigen Gegebenheiten festzuhalten.
Wichtig wäre auch, dass endlich der Artikel 8 der UN-Konvention zur Bewusstseinsbildung ernst genommen wird. Wir können nicht darauf warten oder vertrauen, dass sich das Bewusstsein der Gesellschaft von alleine verändert. Integration und Inklusion kann man aber auch nicht nur fordern, man muss es einfach vorleben.

Früher oder später fallen mir bestimmt noch einige Dinge ein, aber das war's erst mal von meiner Seite aus ;-)
**Claudia** 21.05.2010, 17:00#12
AW: Die Lebenshilfe

Ich melde mich in den kommenden Tagen auch noch mal zu dem Thema.
Nachdem ich heute mit "gesträubten Nackenhaaren" ;-) hier in der LH das Thema angesprochen habe, kam ein gutes und realistisches Gespräch zustande.:grins:

Ich hatte heute allerdings einen laaaaaaaaaaaaangen Tag und bin jetzt zu k.o. um das noch zu tippen --- nur eine kleine Rückmeldung für den Moment.
miau 21.05.2010, 18:26#13
AW: Die Lebenshilfe

Gerade gehe ich die Ergebnisse der Regionalkonferenzen durch. Folgendes ist mir aufgefallen:

Ergebnissicherung aus Hamburg:
Sie schlagen vor das Wort "geistig" aus der Lebenshilfe zu streichen und machen andere Vorschläge wie z.B. Menschen mit Handycap. (Seite 5)
- Was soll das?
Gerade meine Tochter zeichnet sich durch die geistige Beeinträchtigung aus. Dies führt ja zu noch mehr Diskriminierung. Wenn ich als Eltern unfähig bin, dazuzustehen dass mein Kind geistig weniger kann und nie das normale Niveau erreichen wird, dann passt so ein Vorschlag schon.

In der heutigen zeit tut die Medizin alles mögliche, dass es keine "geistig" behinderten Menschen mehr gibt. Leider sieht die Natur das anders und es werden immer wieder Menschen geboren, die geistig beeinträchtigt sind. Genau genommen passt der oben genannte Vorschlag zur heutigen Gesellschaft: wir schaffen alle geistig behinderten Menschen ab, dann braucht es auch keinen Verband mehr für sie. Denn sie sind ja im Prinzip ausgestorben.

aus Neu-Ulm:
1. Die Lebenshilfe ist für Menschen mit Behinderung da. Sie öffnet sich mehr und mehr für Menschen mit anderen als „geistiger“ Behinderung.

Ist es wirklich so, dass sich die Eltern von geistig behinderten Kindern sich dem nicht so stellen wollen/ können? Wird die einzige Organisation, die sich eigentlich den geistig behinderten Menschen widmet, für andere Behinderungen geöffnet, was sollen das im konkreten für welche sein? Fehlt mir irgendein Körperteil oder Organ bin ich behindert. Hieße das, dass alle Menschen, die einen Schwerbehindertenausweis haben, dann bei der Lebenshilfe Mitglied werden können?

Aus dieser Sicht verstehe ich dann auch, dass für alle künftigen Mitglieder der LH Gleichheit in den Schulen gewünscht wird.
Blickpunkt Menschen mit Behinderung: Sie sind keine „Fälle“, sondern Menschen mit
eigenen Wünschen und Vorstellungen. Sie wollen mit Stimmrecht in die Vorstände.

Wenn dem immer noch nicht so ist, dass die Betroffenen selbst kein Stimmrecht oder Mitspracherecht haben, ist das traurig. Dass sie gar nicht gehört werden.

aus Leipzig:
Punkt 4:
In der Lebenshilfe helfen Eltern sich gegenseitig.

von fremden bin ich mehr geholfen worden als jemals von Eltern betroffener. Die große Ausnahme bildet das Forum hier.
Es wäre aus meiner Sicht sinnvoller, dass betroffene Eltern von der LH zunächst einmal aufgefangen werden und ihnen vermittelt wird, dass die geistige Behinderung nichts mit ihnen zu tun hat. (wie es auch in dem Text weiter oben heißt).

Mit Abstand gefiel mir das Ergebnis der Regionalkkonferenz aus Leipzig am besten. Sie sind noch auf dem Boden geblieben.

Micha
Kirsten 21.05.2010, 22:30#14
AW: Die Lebenshilfe

Hallo Micha,

so wie du es mit dem "Helfen" erlebt hast, ist leider öfter so. Es liegt aber auch oftmals einfach an der Arbeit des Vorstands. Sind im Vorstand Selbstbetroffene vorhanden, dann zeichnet sich das auch oft in der Arbeit des Vorstands wieder. Es gibt Lebenshilfen, die sehen lieber nur Nichtbetroffene im Vorstand, weil die angeblich "objektiver" also nicht aus eigenem Interesse oder auch Vorteil heraus handeln. Ganz am Anfang haben die Eltern die Lebenshilfe geprägt und dann wurden wir sehr von den Fachkräften, die sich die Eltern zur Unterstützung in die einzelnen Orts- und Kreisvereinigungen geholt haben, sprichwörtlich verwöhnt. Jahrelang ging das gut. Heute sieht es aber wieder anders aus. Die Gelder fließen nicht mehr so selbstverständlich und auch eine Lebenshilfe steht in den letzten Jahren oftmals an der Wand, wenn es bei Debatten mit den Kostenträgern um die Finanzierung geht. Da sich die Lebenshilfe sehr wohl der Kraft der Eltern bewusst ist, holen sich viele Vereinigungen die Eltern wieder in das Boot. Wir engagierten Eltern in der Lebenshilfe haben in den letzten Jahren vieles, was schon fast nicht mehr möglich schien, wieder auf Verhandlungsebene gebracht. Darum ist es wichtig, die Lebenshilfe zum einen als Mitglied zu untersützen, denn je stärker der Verband umso höher ist bei Verhandlungen auch die Wertigkeit, zum anderen kann man sich natürlich selbst mit seinen "Stärken" einbringen. Es gibt auch immer wieder Eltern, die sich auf Regionalebene engagieren, auch auf Landesebene und im Bundesvorstand. Schaut man da in die Satzung, erfährt man auch gleich, dass es sogar vorgeschrieben ist, selbstbetroffene Eltern in den Vorständen zu haben. Das und vieles andere Vorgehen, wird in den Mitgliederversammlungen beschlossen. So arbeitet eigentlich jede Lebenshilfe. Die Satzung gibt die rechtliche Richtlinie und das Leitbild die Vorgabe, wie die Lebenshilfe mit den ihr anvertrauten Menschen umgeht. Bist du Mitglied, bist du ein wertvoller Teil dieser nach wie vor Elternvereinigung und du hast das Recht mitzubestimmen, wie die Lebenshilfe arbeitet, für wen sie da ist und wer sie nach außen vertritt. Auch der Entwurf des Grundsatzprogramms wird so momentan uns Mitgliedern, Freunden und Gönnern vorgestellt, damit wir "prüfen" können, ob es unseren Gedanken - also uns als Eltern, Betroffenen, Angehörigen, entspricht. Wenn es immer weniger Eltern und Angehörige Betroffener gibt, die sich in die Arbeit der Lebenshilfe einbringen, dann schwindet auch immer mehr der Gedanke der eigenen Betroffenheit. Nichts und niemand kann sich aber zu 100% mit der Lage identifizieren, in der sich ein Betroffener oder seine Eltern, Angehörigen befindet. Das können nur allein wir mit unserem Einsatz einbringen. Auch wenn nicht jeder mit der Arbeit der Lebenshilfe immer konform geht, oft sind Einwände, Beschwerden auch bestimmt berechtigt, wir haben hier ja schon oftmals Debatten erlebt, sie ist enorm wichtig für uns und unsere Kinder. Sie ist nach wie vor das Sprachrohr der Menschen mit einer geistigen Behinderung. Der Wert einer jeden Orts- oder Kreisvereinigung, des Landesverbands und auch des Bundesverbands hängt auch immer mit unserer Mitarbeit als Betroffene zusammen. Wenn wir mal nicht mehr zählen, also auch völlig außen vorbleiben, dann haben wir es irgendwann mit einem Wirtschaftsunternehmen zu tun, das nach Zahlen wertet und um wirtschaftlich zu arbeiten, muss man oftmals Abstriche machen und sich von teuren, kostenintensiven Posten trennen. Jetzt komme ich auf den Punkt, den sich aber jeder denken kann. Was ist kostenintensiv? Wer bringt keine verwertbare Leistung? Wer braucht oftmals sogar eine kostenintensive 1:1 Betreuung? Na? Darum sitze ich hier am Laptop, schreibe mir die Finger wund und halte meiner Lebenshilfe die Stange. Ich wünsche mir, dass sie auch noch mit dem Leitbild, welches sich die Eltern damals gewünscht und aufgebaut haben noch lange im Sinne unserer Kinder tätig ist, noch lange die Macht hat, unsere Betroffenen zu betreuen und ihre Rechte zu wahren und durchzusetzen. Ihnen allen zu helfen, egal wie schwer ihre geistige Behinderung und zusätzliche körperliche Beeinträchtigung auch sein könnte, sie alle auf ihren Weg durch die UN-Konvention, in die Inklusion zu begleiten und zu unterstützen. Wo es Mängel gibt, da sind wir als Eltern gefordert, unseren Mund auf zu tun. Es ist unser Verband, unsere Selbsthilfevereinigung und wir geben den Vertretern der Lebenshilfe die Kraft, die nur wir als Betroffene mit unserem Wissen ausstrahlen können. Wir mit unseren Angehörigen schaffen übrigens die Arbeitsplätze, dessen sollte man sich auch bewußt sein.
Liebe Grüße
Kirsten
**Claudia** 22.05.2010, 09:45#15
AW: Die Lebenshilfe

Hallo zusammen,

an dieser Stelle möchte ich gerne nochmal genau das Thema hier aufgreifen, weil das meine grösste Angst ist:
Die aber nicht auf Biegen und Brechen zu includieren sind = Menschen mit schwersten Behinderungen

Genau darüber habe ich mich gestern mit "unserer" LH-SozPäd unterhalten.
Beruhigend fand ich auf jeden Fall, dass das nicht auf "Biegen und Brechen" geschehen soll.

Was mir aber nach wie vor extreme Magenschmerzen bereitet, ist sozusagen die ...ich nenne es mal..."Diagnosestellung".
Denn genau da habe ich eben erlebt, dass die "LH-Experten" absolut bei meinen Kindern versagt haben.
Ich weiss, ich schreibe es immer wieder und immer wieder --- aber genau an dem Punkt habe ich sagenhafte Ängste, dass das bei einer "Wohn-Entscheidung" bei unserer Kleinen wieder passieren könnte.

Das Problem ist nämlich, dass sie sehr lange Phasen hat, in denen sie absolut lenkbar und pflegeleicht ist.
Sie hat jetzt auch eine Medikamentenumstellung bekommen und das neue Medi wirkt seint fast einem halben Jahr einfach super :-).
Sie ist viel mehr "bei sich", konzentrierter, mehr "dabei", lenkbarer, sie schlägt nachts nicht mehr stundenlang mit dem Kopf usw. usw.

Wenn man sie in so einer Phase erlebt, bekommt man leicht den Eindruck: "Ach, das Mädel wird schon noch....soooo schlimm ist das ja auch nicht!"

Aber es kann genauso gut sein, dass sie trotz allem wieder vollkommen "austickt" (kein schönes Wort, aber genauso ist es eben).
Genauso eine "Austicker-Phase" kann bei ihr lebensgefährlich werden.
Da geht sie schon mal irgendwelchen Mitmenschen an die Kehle oder versucht, Autos mit offenen Armen auf der Straße zu fangen oder ist mal wieder auf der Suche nach geeignetem Brennmarterial.

Ich habe furchtbare Angst, dass sie -wenn es mal um eine Wohneinrichtung im Erwachsenenalter geht (wir liebäugeln da mit "Hausenhof" -> eine Waldorfeinrichtung), dass uns dann genau das passiert, was uns eben damals ständig durch die LH-Mitarbeiter passiert ist:
völlige Fehldiagnosen.

Ich weiss noch, als es um die Einschulung ging:
ich sagte der Konrektorin, die die Tests durchgeführt hat: "Liebe Frau Mustermann, die Kleine ist bindungsgestört, weil sie durch drei Familien innerhalb eines Jahres gegangen ist."

Frau "Mustermann" hat unser Kind dann getestet und mir ernsthaft erzählen wollen, dass sie innerhalb einer Stunde völlige "seelische Gesundheit" festgestellt hat, weil unsere Kleine ja "sofort mit ihr mitgegangen sei!"

Ich habe Angst vor solchen "Experten", die dann am Ende über die Zukunft unserer Kinder vielleicht mitentscheiden!

Spinnen wir den Faden weiter und lassen meine Kleine an so einen "Experten" geraten, der ernsthaft behauptet, man kann sie durchaus alleine wohnen lassen, mit "ein bisschen Begleitung".

Wer übernimmt dann die Verantwortung, wenn sich mein Kind vielleicht ein halbes Jahr später in die Luft jagt oder von einem Auto überfahren wird, weil ihr gerade einfällt, dass sie "Polizeiautos fangen" möchte?????

Die LH-SozPäd konnte meine Ängst gut nachvollziehen - auch wenn es genau in ihren "eigenen Reihen" zu diesen "Fehldiagnosen" gekommen ist (ich finde, dazu gehört viel Stärke....der LH anzugehören und trotzdem anzuerkennen, wenn etwas gewaltig daneben geht) - da kann ich nur sagen: Respekt.

Aber meine Ängste werden dadurch nicht besser.....

Da bin ich mehr als froh, dass wir in dem Fall noch unser Jugendamt und den Pflegekinderdienst mit im Boot haben, denn dort haben wir alles akribisch genau in der Akte unserer Kleinen aufgezeichnet und können da dann auch mal zurückgreifen.
Inge 22.05.2010, 15:04#16
AW: Die Lebenshilfe

Hallo Claudia,
Zitat von **Claudia**
Ich habe Angst vor solchen "Experten", die dann am Ende über die Zukunft unserer Kinder vielleicht mitentscheiden!

das kann ich voll und ganz nachvollziehen, denn diese Ängste habe ich auch. Allerdings in "umgekehrter Richtung".
Annika hat einen hohen Hilfebedarf und ist als "nicht-werkstattfähig" definiert. Deshalb wird sie von den Leistungsträgern vermutlich immer einem "Wohnpflegeheim" zugeordnet werden, in dem ausschließlich Menschen mit sehr schweren Behinderungen leben. Etwas Schlimmeres als diese "Monokultur" kann man meiner Tochter vermutlich kaum antun.
Zudem werden in den nächsten 10 Jahren immer mehr "fitte Behinderte" aus den Wohnheimen in das ambulant betreute Wohnen wechseln. Übrig bleiben dann die Resteinrichtungen, die Prof. Dörner "Konzentration des Unerträglichen" nennt. Denn diese Art von Einrichtung ist für die meisten Bewohner wirklich unerträglich und auch für die meisten (überforderten) Betreuer.

Annika wird zwar immer auf Unterstützung durch andere Menschen angewiesen sein, weil sie einfach hilflos ist. Aber sie benötigt auch dringend das "volle Leben" mit viel Sprache, viel Bewegung und das öffentliche und normale Dasein in der Gemeinde.
**Claudia** 22.05.2010, 15:59#17
AW: Die Lebenshilfe
Annika wird zwar immer auf Unterstützung durch andere Menschen angewiesen sein, weil sie einfach hilflos ist. Aber sie benötigt auch dringend das "volle Leben" mit viel Sprache, viel Bewegung und das öffentliche und normale Dasein in der Gemeinde.


Kann ich genauso verstehen!
Unsere Kleine braucht im Prinzip "Rumd-um-die-Uhr"-Betreuung (die sie definitiv nicht aus den Augen lässt), in der sie sich aber immernoch ein Stück weit "selbst" bewegen kann.

Das ist eine fast unmögliche (Heraus)forderung.

Bei uns wird das ungefähr so gemacht:

- Sie darf niemals alleine in die Küche oder zur Toilette. Da wir aber nicht wollen, dass sie sich ganz "klein" fühlt, lassen wir sie z.B. mithelfen, wenn wir kochen. Sie bekommt das Messer in die Hand: aber wir halten die Hand am Messer fest.
Alleine darf sie niemals das Messer anfassen, wir wollen ihr aber auch nicht ständig das Gefühl geben: das darfst Du nicht und das darfst Du nicht.


- Wir putzen das Wohnzimmer: die Kleine bekommt einen Staublappen in die Hand und darf unter Aufsicht "unkaputtbare" ;-) Flächen damit abwischen. Aus dem Raum gehen wir aber nicht.

- Ganz zur Toilette: nur unter Aufsicht (mir tut das auch für unsere Kleine richtig Leid - denn sie kann niemals die Intimsphäre haben, die wir alle haben). Wir gehen mit, drehen uns aber um, wenn sie auf der Toilette sitzt, um ihr zumindest einen Hauch von Intimität zu gewähren.
Alleine ist der Toilettengang absolut unmöglich: sie könnte ihre Fäkalien essen oder trinken. Alleine sauber machen geht leider auch nicht: sie könnte damit "Bodypaintig" oder "Graffiti" machen....


So liesse sich das endlos fortsetzen und das Entsetzliche ist:
das Kind hat Potenzial, viel zu tun.....aber Selbständigkeit anzutrainieren, kann ganz schnell lebensgefährlich werden, weil sie kein Gefahrenbewusstsein hat - und auch nur ein geringes Schmerzempfinden.

Vor knapp zwei Jahren hat sie ihren Kopf mal blitzschnell in eine brennende Kerze gehalten und gelacht. Sie fand das ganz spannend und witzig.
Mein Mann sass daneben und hat etwas im TV angeguckt, während ihr Kopf binnen Sekunden auf einmal in der Flamme hing.

Genau genommen, müsste ich sie mir mit einer Fußfessel ans Bein binden, um relativ sicher gehen zu können, dass sie sich und uns nicht gefährdet, wenn sie gerade einen "Schub" hat.



Ich lese/höre oft, dass man den behinderten Kindern auch etwas zutrauen muss ... genau da hakt es: ich traue unserer Kleinen sogar sehr viel zu....und alles könnte Leib und Leben von ihr gefährden, was sie zwar unter Aufsicht recht gut macht....aber was ihr bei einem Schub, den sie immer wieder hat....Leben oder Gesundheit kosten könnte.

Auch sie braucht ein Leben in einer Gemeinschaft und fixiert im Gitterbett will ich sie mir auch nicht vorstellen.
Ich sage aber auch offen und ehrlich, dass ich nicht weiss, wie lange wir insgesamt durchhalten - wir haben klar ein Ende der Pflege im Alter von "kurz vor 18" festgelegt (solange auch noch die Amtsvormundschaft mitgreift: "dem Jugendamt" wird eher geglaubt und ich bin mehr als dankbar, dass unser JA bei der Kleinen die Gesundheitsfürsorge hat, die praktisch voll und ganz hinter uns und auch wie eine "schützende Mauer" vor uns als Pflegeeltern steht) - möge unsere Durchhaltekraft solange ausreichen.

Momentan geht es gut - in drei Monaten kann alles wieder anders aussehen...

und wenn wir mal "nicht mehr können", dann möchte ich unsere Kleine in wirklich guter Obhut wissen, in der sie zwar nicht zur Gefahr für sich und andere werden kann....aber auch nicht gefesselt in einem Bett liegt.

Beim letzten Hilfeplangespräch haben wir jedenfalls schon mal eine Art "Sicherheit" in den Hilfeplan mit eingebaut, indem wir erwähnt haben, dass wir es für sinnvoll halten, für unsere Kleine mal einen Platz im "Hausenhof" zu bekommen:

http://www.hausenhof.de/html/ueberUns.php

Da sie ja jetzt schon anthroposophisch in der Schule erzogen wird, würde ihr das Kontinuum sicher sehr gut tun und da sie auch etliche Bindungsabbrüche erleiden musste, wäre es für sie bestimmt auch einfacher, wenn sie in der vertrauten Waldorf-Philosophie weiter leben darf.
Ich hoffe inständig, dass das mal klappt!
Mascht 23.05.2010, 17:14#18
AW: Die Lebenshilfe

Hallo zusammen!

Bei uns ist die LH kein e.V. mehr, sondern bereits eine Gesellschaft, die allerdings dem Land unterstellt ist. Es gibt Bereiche wie Wäscherei, Tauschmarkt, Auftragsarbeiten wie Probesackerl für Zahnpasta oder Kuvertieren für heimische Firmen etc, etc. Ist ja alles gut und schön für die Klienten die für sowas geeignet sind.nur wenn die Betreuer die meistn Aufgaben erledigen müssen und die Klienten zu kurz kommen frage ich mich wo der Sinn der Sache ist

Die Basale Gruppe wurde komplett aufgelöst und die Klienten von der Gruppe in obige Einrichtungen dazugesetzt, wo sie mehr oder weniger "mitgezogen"werden. Es gibt kein Freizeitprogramm z.B. spazierengehen oder dergleichen. Die LH ist ein Dienstleistungsunternehmen und muß Leistung bringen ?!?!?. Die Frage nur auf wessen Kosten.

Die einzige gute Bereich ist die Gartengruppe. Diese betreut öffentl. Spielplätze Gartenanlage oder dgl. Die kommen viel herum und ständigen Kontakt mit der
Öffentlichkeit.
Mascht 23.05.2010, 17:37#19
AW: Die Lebenshilfe

Teil 2

(Mein Kind hat mir dazwischengefunkt:grins:). Alle Einrichtungen sind voll wenn nicht übervoll.
Dann gibt es noch die "Arbeitsorientierung". wäre eigentlich eine gute sache...nur hier kommen alle "Neuen", von denen 95 % nie die Möglichkeit haben werden im Arbeitsbereich tätig zu werden. fast alle "Kollegen/innen" von Daniel sind mittlerweile über 2 Jahre in dieser Einrichtung. und jedes Jahr werden es mehr. Nur die Betreuung wird immer weniger:grantel:.

Scheitern tut es nur am Geld. Seit 10 Jahren werden Einrichtungen nur "geplant"....
Personal kann nicht mehr eingestellt werden, weil das Land die Erlaubnis nicht gibt:kopfkratz:. zu teuer.........Ich frage wo das noch hinführt.. Welche rechtlichen Grundlagen gibt es eigentlich noch für unsere Kinder, der Betreuungsschlüssel wie in den Schulen hat nach der Schule offenbar keine Bedeutung mehr.

Immer wird bei den schwächsten gespart. Die meisten Eltern sind müde um in diesem Bereich auch noch zu kämpfen. Andere kümmern sich gar nicht drum, weil das Kind in der Einrichtung ist und gut is. und die restlichen Eltern sind zu alt ....ja wer bleibt dann noch über? Wer probt dann noch den Aufstand????

Diese stimmen sind zu leise um noch zu erhört werden, und das wissen die Politiker genau.

Ich hoffe ich bin nicht zu sehr vom Thema abgekommen, aber mir geht es jetzt bisser. Nix für ungut,lg Martina
Kirsten 23.05.2010, 22:54#20
AW: Die Lebenshilfe

Liebe Martina,

für deinen Beitrag vielen Dank. Es ist sehr interessant, stimmt einen aber auch sehr traurig, was du geschrieben hast. Weißt du, ob Österreich auch die UN-Konvention unterschrieben hat? Wann wurde denn bei euch die Lebenshilfe gegründet? Ist die Lebenshilfe auch Träger von Schulen?

L.G.
Kirsten
Gelchen 31.05.2010, 23:03#21
AW: Die Lebenshilfe

Hallo zusammen,

bei uns ist die Lebenshilfe sehr gut aufgestellt. Im Vorstand sind auch betroffene Eltern von Kindern mit einer Behinderung vertreten.
Ich finde, die Lebenshilfe gehört mitten in die Stadt, auch als eine Anlaufstelle für Menschen, die in Not geraten sind, sich aber mit unseren Menschen mit einer geistigen Behinderung identifizieren können.
Oft trifft man gerade in sozial schwachen Bezirken auf total verständnisvolle Mitmenschen. Da finden sich Kinder, die fragen einfach nach dem Grund, warum mein Enkel anders ist. Ich erkläre es dann auch gerne.
Menschen, denen es gut geht, die sich mit uns nicht identifizieren wollen, die lieber weiter gehen, sind viel zu oberflächlich, als dass die das Leben von uns überhaupt nachvollziehen könnten, geschweige denn, sich damit überhaupt befassen wollten.
Ein kurzes;"ach ja!" und dann geht es schon wieder mit ihren eigenen Problemen vom nächsten Urlaub, oder Hausumbau usw. weiter.
Aber ihr kennt es ja auch. Ich selbst hatte einen Cousin, der durch eine Zangengeburt vor mehr als 65 Jahren eine geistige Behinderung hatte. Er war trotz allem lebensfroh und meine Tante hatte damals schon für ein selbstständiges Leben für ihn, auch nach ihrem Tod, gesorgt. Vor etwas mehr als 2 Jahren kam er in ein Wohnpflegeheim. Kein Jahr später war er tot. Warum weiß man nicht so genau. Ein Infekt soll es gewesen sein und darauffolgende körperliche Schwäche. Leider wohnte er so weit weg von uns. Bei meinem letzten Besuch, kurz vor seinem Tod, wirkte er schon sehr müde auf mich. Vielleicht hat ihm auch nur ein wenig die Ansprache gefehlt?

Ich habe ein paar Jahre in einem Pflegeheim als selbständige Frisörmeisterin gearbeitet und meine Kunden waren liebenswerte ältere Damen und Herren, die alle mehr oder weniger an Altersdemenz litten. Es war immer wieder sehr beeindruckend, was ich aus meiner Tätigkeit mitnehmen konnte.

Was ich in den letzten Jahren gelernt habe ist, dass Menschen mit einer geistigen Behinderung viel offener, ehrlicher und auch sozialer eingestellt sind, als manch einer ihrer Mitmenschen, bei denen man von einer "normalen" Intelligenz ausgeht.

Ich bin mit der Lebenshilfe erst durch mein Enkelkind, welches betroffen ist, in Berührung gekommen. Ich habe auch in den letzten Jahren sehr viel durch den Umgang mit meinem Enkelkind lernen können.

Seit ein paar Jahren bin ich nun selbst ein Mitglied der Lebenshilfe und hoffe diese auch noch lange unterstützen zu können. Wenn mir heute ein Mensch, der sich seltsam benimmt, auf der Straße entgegen kommt, dann stelle ich mir vor, dass hinter ihm auch eine Familie steht. Sei es die Mutter und/oder der Vater, die Geschwister oder auch die Lebenshilfe und andere Organisationen. Irgendwo gibt es jemand, der diesen Menschen so liebt, wie er eben ist.
Ich hoffe, es gelingt der Lebenshilfe in den nächsten Jahren vieles in seiner Individualität zur Normalität im täglichen miteinander zu schaffen. Vor allem, dass es als aller erstes keine Ausgrenzungen unter den Menschen mit Behinderungen gibt.

Liebe Grüße
Gelchen
Inge 26.06.2010, 16:46#22
AW: Die Lebenshilfe

Hallo zusammen,

Robert Antretter hat eine neue Stellungnahme zum Entwurf des Grundsatzprogramms veröffentlicht. Ich finde die Aussagen sehr positiv.

Hier ein Ausschnitt aus der aktuellen Lebenshilfe-Zeitung:
[...] Die Resonanz auf den ersten Entwurf des neuen Grundsatzprogramms ist grundsätzlich positiv. Es gibt aber auch kritische Stimmen – meist Eltern, die über Jahrzehnte ihre Lebenshilfe vor Ort aufgebaut haben und jetzt fürchten, dass die für ihre Kinder so segensreichen Einrichtungen wie Wohn- und Werkstätten im Zuge der Inklusionsbewegung verschwinden sollen.

Diese Ängste, liebe Leserinnen und Leser, nehme ich, nehmen der gesamte Bundesvorstand und die Bundeskammer sehr ernst. Ich kann Ihnen versichern: Niemand von uns will bewährte Angebote ersatzlos abschaffen. Und da denken wir besonders an die schwer und mehrfach behinderten Menschen! Aber – auch das möchte ich betonen – wir möchten als Lebenshilfe auch den jungen Eltern ein Zuhause bieten. Nur so bleiben wir eine starke Gemeinschaft und können unsere Wünsche und Forderungen gegenüber der Politik durchsetzen. [...]
Quelle: Lebenshilfe
Kirsten 28.06.2010, 17:13#23
AW: Die Lebenshilfe

Hallo Inge,

ja, ich war auch positiv überrascht. Hoffentlich folgt auch Gutes nach.
Auf jeden Fall finde ich es positiv, dass sich Eltern und Angehörige, Freunde und Gönner diesem Thema doch ernsthaft angenommen haben.
Liebe Grüße
Kirsten
Inge 21.07.2010, 15:49#24
AW: Die Lebenshilfe

Hallo zusammen,

nachdem etliche Lebenshilfe-Vereinigungen und Angehörige von behinderten Kindern Kritik an dem ersten Entwurf des Grundsatzprogramms kundgetan hatten, gab es eine bereits eine Stellungnahme von Herrn Antretter (siehe weiter oben) und jetzt auch zwei neue Entwürfe des Grundsatzprogramms
Kirsten 15.07.2011, 00:04#25
AW: Die Lebenshilfe

Hallo miteinander,

das neue "künftige" Grundsatzprogramm der Lebenshilfe wurde nun noch einmal tüchtig überarbeitet. Jetzt liegt es in einer überarbeiteten Fassung vor. Am 12.11.2011 soll im Rahmen der Mitgliederversammlung darüber abgestimmt werden. Wer möchte, findet hier über einen Link auf die Beratungsfassung für die Mitgliederversammlung. Der Stand ist der 04.07.2011. Man kommt auch über die homapage des Bundesverbands der Lebenshilfe zum Link.

Viele Grüße
Kirsten