Liebe Eltern,
Ich bin Franzi, 18 Jahre alt und besuche derzeit die 12. Klasse eines Gymnasiums.
Ich werde nächstes Jahr mein Abi machen und arbeite gerade an meiner Seminararbeit.
Das Überthema lautet Glück in Abhängigkeit von der Familie.
Ich habe mich auf die Bereichte Adoption, Patchworkfamilie und Kinder mit Behinderung spezialisiert.
Vor allem letzteres Interessiert mich sehr, da ich vorhabe nach meinem Abitur Sonderpädagogik zu studieren und mir der Umgang mit Kindern mit Behinderung sehr viel Spaß macht.
Mich würde einfach interessieren, wie Sie ihr Glück mit Ihrem Kind definieren, ob es anders ist, welche Schwierigkieten auftreten (auch für die Geschwisterkinder) Ich glaube nämlich, egal wie das Kind ist, es ist immer ein Glück!
Nun hoffe ich, niemanden mit meinen Fragen zu nahe zu treten oder unverschämt zu wirken!
Liebe Grüße, Franzi
AW: Glück gerade wegen / trotz Kinder mit Beinderu
Hallo Franzi,
wie soll man Glück definieren?
Glück haben wir gehabt, dass man noch vor der Geburt erkannt hat, dass unser Kind behindert sein wird. Vielleicht wäre dass Ausmaß der Behinderung nach der Geburt noch größer geworden.
Glück haben wir gehabt, dass unser Kind lebend zur Welt kam und lebensfähig war.
Glück haben wir gehabt, als wir an unseren einmaligen Kinderarzt gekommen sind, der uns bis heute begleitet.
Glück haben wir gehabt, dass der Rektor der Schule unser Kind angenommen hat und es bis zum Schulende auf dieser Schule bleiben konnte.
Glück haben wir gehabt, dass wir viele gute Freunde gefunden haben.
Glück haben wir gehabt, dass sich bei unseren Freunden die Spreu vom Weizen getrennt hat und wir gelernt haben, nicht nur auf Äußeres zu achten.
Glück haben wir gehabt, dass wir uns haben und unser Kind begleiten können.
Glück haben wir, dass der Staat es uns ermöglicht, unser Kind immer noch gut zuhause und in einer Einrichtung tagsüber versorgen zu können.
Glück haben wir bis jetzt, dass wir nicht in Zuständen wie im Dritten Reich leben müssen.
Glück haben wir, wenn die Anfälle wieder aufhören und alles wieder wie vorher ist.
Glück brauchen wir, wenn wir von der Zukunft träumen, dass wir ein Zuhause finden würden, wo es unserem Kind annähernd so geht, wie bei uns zu Hause.
Großes Glück werden wir brauchen, wenn unser Kind in einer neuen Umgebung mit fremden Menschen erfülltes Glück finden soll.
Ganz großes Glück werden wir haben müssen, wenn es in der Umgebung, wo es einmal außerhalb unseres familiären Bereiches eine Heimat finden sollte, es eine Nachtwache gibt, die den Schlaf unseres Kindes so überwachen kann, dass es nicht einmal in einem Anfall nachts zu Tode kommt.
Absolut erfülltes Glück werden wir haben, wenn unser Kind einmal eines ganz natürlichen Todes sterben könnte, am Ende seiner Zeit, die erfüllt von Fürsorge und Liebe, Freude und Geborgenheit gewesen ist.
Kirsten
AW: Glück gerade wegen / trotz Kinder mit Beinderu
liebe kirsten.
ja, das ist glück,und ich sehe das auch so.
danke für deinen beitrag.



AW: Glück gerade wegen / trotz Kinder mit Beinderu
Liebe Kirsten,
Danke für die fast schon rührende Antwort!
AW: Glück gerade wegen / trotz Kinder mit Beinderu
Hallo Franzi,
wir haben ein Pflegekind mit geistiger Behinderung aufgenommen - wir fühlen uns als Familie mal glücklich und mal unglücklich, was aber nicht im Zusammenhang mit der Behinderung unserer Pflegetochter steht.
Persönlich glaube ich aber nicht, dass es "immer" ein Glück ist, ein Kind zu haben.
Wir nehmen die Dinge meistens so wie sie sind und wie sie kommen und wenn wir und glücklich oder unglücklich fühlen, ist das mehr an die Situation gebunden, in der wir uns dann in diesem "Glücksmoment" oder "Unglücksmoment" befinden und nicht an die Behinderung unserer Kleinen.
Die Behinderung unserer Pflegetochter ist zwar ein Bereich unserers Familienlebens, aber es dreht sich nicht ausschliesslich alles darum.
Mich würde einfach interessieren, wie Sie ihr Glück mit Ihrem Kind definieren, ob es anders ist, welche Schwierigkieten auftreten (auch für die Geschwisterkinder) Ich glaube nämlich, egal wie das Kind ist, es ist immer ein Glück!
Die grössten Schwierigkeiten, die wir erlebt haben, haben uns damals mehr die Fachkräfte verursacht als die Umwelt.
Zum einen wurde die Behinderung unserer Kleinen lange Zeit m.E. bagatellisiert und uns als Pflegefamilie wurde die Erziehungskompetenz abgesprochen ("Kind wäre in einer Einrichtung besser aufgehoben als in einer Pflegefamilie.")
Glück war es für unser Pflegekind, das ich diese Fachkräfte nicht ernst genug genommen habe und unsere Pflegetochter von daher immernoch bei uns lebt

.
AW: Glück gerade wegen / trotz Kinder mit Beinderu
Hallo Claudia. :)
Okay, es ist nicht immer ein Glück Kinder zu haben.
Aber ich wollte dabei betonen, dass ich mir nicht vorstellen kann, weniger glücklich über ein Kind mit Behinderung zu sein.
Danke für den Beitrag! Das hilft mir wirklich sehr!
Franzi
AW: Glück gerade wegen / trotz Kinder mit Beinderu
Hallo Franzi,
eine pauschale Beurteilung traue ich mir da nicht zu.
Für mich ist es schon vorstellbar, dass eine Familie mit einem schwer behinderten Kind unglücklicher sein kann als mit einem gesunden Kind.
Ich bin immer ein bisschen in "Hab-Acht"-Stellung, was das Beschönigen oder Bagatellisieren von Behinderungen betrifft.
Ich würde uns schon als glückliche Familie (im Sinne von Zufriedenheit) bezeichnen, weil's bei uns schon auch stimmig ist.
Aber:
wir haben uns freiwillig für ein behindertes Kind entschieden. Viele "natürliche" Familien können das nicht.
Wir wurden gründlich auf unser Kind durch das Jugendamt vorbereitet (das waren übrigens nicht die Fachkräfte, die ich in meinem vorherigen Beitrag erwähnt habe - mit dem JA arbeiten wir hervorragend zusammen).
Wir wurden geschult, wir wurden auf ein "auffälliges" Leben vorbereitet, wir haben vorher gelernt, mit Blicken und Kommentaren umzugehen --- was uns natürlich schon eine Selbstsicherheit gibt.
Bei "natürlichen" Familien fallen diese Vorbereitungen vermutlich weg - wenn eine pränatal eine Behinderung diagnostiziert wird, wird ja oft dazu geraten, das Kind abtreiben zu lassen.
Kompetenztrainings wie man mit Behinderung und Umwelt umgeht, gibt es da wahrscheinlich keine.
Für diese Familien empfände ich es als Glück, wenn man z.B. in die Beratung bei einer diagnostizierten Behinderung auch Kompetenztrainings anbieten würde, statt -wie so oft- in Richtung Abtreibung zu beraten.
AW: Glück gerade wegen / trotz Kinder mit Beinderu
Hallo Claudia,
Ich glaube schon, das vieles beschönigt wird, nur kann ich mir nicht vorstellen, was wahrscheinlich auch an meiner Erfahrung liegt, da ich noch keine Kinder habe, dass man ein Kind wegen einer Behinderung oder Krankheit wenigier lieben kann.
Aber das ist ja auch nur das, wie es mir gehen würde.
Ich will andere Eltern auf gar keinen Fall verurteilen, denn ich glaube, dass es schon schwierig ist ein Kind mit Behinderung groß zu ziehen.
AW: Glück gerade wegen / trotz Kinder mit Beinderu
Hallo Franzi,
ich denke, dass es wichtig ist auch seelisch und mental erschöpfte Eltern und Angehörige von behinderten Kindern zu respektieren und ihnen diese Erschöpfung auch zugestehen.
Ich glaube, es würde mich komplett überfordern, wenn ich ein behindertes Kind zur Welt brächte und jeder würde mir erzählen, wie "schön" das doch ist.
Ich würde mich vermutlich selbst unter einen enormen Leistungsdruck setzen, eine "himmelhochjauchzende" und "immer glückliche" Mutter zu sein.
In meiner Anfangszeit als Pflegemama mit behindertem Kind habe ich mich manchmal richtig auf die Schippe genommen gefühlt, wenn man mir erzählt hat, was mein "Kind alles kann".
Ich wollte mal ganz provokativ fragen, ob es bald Abiturklassen auf Schulen für geistig behinderte Kinder gibt.
Wichtig finde ich, dass man erst mal den "Ist"-Zustand akzeptieren lernt --- eben die Situation erst mal anzunehmen. Ohne etwas zu beschönigen, aber auch ohne schwarz zu malen.
Ohne zu erzählen, welches Glück es doch ist, ein behindertes Kind zu haben aber auch ohne zu erzählen, wie "lebensunwert" das Leben eines behinderten Kindes doch ist.
Wichtig finde ich, dass man den betroffenen Eltern zeigt, wie sie möglichst selbständig und selbstsicher mit der Behinderung des Kindes umgehen können....und da bin ich zuversichtlich, dass im Moment der Annahme der "Ist-Situation" das Glück von ganz alleine kommt.
AW: Glück gerade wegen / trotz Kinder mit Beinderu
Wao.. so habe ich das noch gar nicht richtig gesehen!
Diese Meinung gefällt mir aber sehr! ich werde sie auf jeden Fall in meinen Bericht mit einbringen. Danke!
AW: Glück gerade wegen / trotz Kinder mit Beinderu
Zitat von **Claudia**
Wir wurden geschult, wir wurden auf ein "auffälliges" Leben vorbereitet, wir haben vorher gelernt, mit Blicken und Kommentaren umzugehen --- was uns natürlich schon eine Selbstsicherheit gibt.
Bei "natürlichen" Familien fallen diese Vorbereitungen vermutlich weg - wenn eine pränatal eine Behinderung diagnostiziert wird, wird ja oft dazu geraten, das Kind abtreiben zu lassen.
Kompetenztrainings wie man mit Behinderung und Umwelt umgeht, gibt es da wahrscheinlich keine.
Für diese Familien empfände ich es als Glück, wenn man z.B. in die Beratung bei einer diagnostizierten Behinderung auch Kompetenztrainings anbieten würde, statt -wie so oft- in Richtung Abtreibung zu beraten. .
Hallo Caudia,
verstehe ich dich jetzt richtig, dass eine Schwangere mit der Diagnose ein behindertes Kind zu bekommen, auch ein Kompetenztraining durchlaufen müsste, wie man nach der Entbindung mit dem Kind und der Umwelt zusammen umgeht? Also man sich in der Schwangerschaft schon auf die Problembewältigung mit der Umwelt schulen lassen sollte, weil das Kind nach der Entbindung anders ist als andere?
Als Schwangere bekomme erst einmal genauso ein Kind, wie alle anderen auch. Für mich als Mutter ist es ein Glück, wenn es lebt. Wenn ich es dann nicht annehmen kann, nützt mir auch kein Training. Außerdem denke ich auch nach wie vor, dass es einer Mutter immer selbst überlassen sein sollte, ob sie sich für das Kind entscheidet, oder nicht. Damit meine ich aber nicht, ob sie es gegen Ende der Schwangerschaft abtreiben lässt oder nicht, sondern ob sie sich dem gewachsen sieht, ihr Kind mit nachhause zu nehmen und es zu versorgen. Da ist dann auch eine Portion Instinkt und einfach Mutter sein dabei. Es gibt genug Kinder, die so in der Klinik verbleiben und auch ich wurde mit dieser Frage konfrontiert und habe mein Kind mitgenommen. Auch ohne Kompetenztraining wusste ich, was ich mir zutrauen kann. Für mich hat das Glück mit der Geburt meines Kindes angefangen. Es hätte nämlich auch unmittelbar nach der Abnabelung sterben können. Das hat es nicht und das war der Moment wo alle im Kreissaal nicht nur das Glück gespürt, sondern uns auch beglückwünscht haben.
Löwenkind
AW: Glück gerade wegen / trotz Kinder mit Beinderu
Hallo Löwenkind,
verstehe ich dich jetzt richtig, dass eine Schwangere mit der Diagnose ein behindertes Kind zu bekommen, auch ein Kompetenztraining durchlaufen müsste, wie man nach der Entbindung mit dem Kind und der Umwelt zusammen umgeht?
das verstehst Du falsch.
Schau' mal, was ich hier geschrieben habe:
Für diese Familien empfände ich es als Glück, wenn man z.B. in die Beratung bei einer diagnostizierten Behinderung auch Kompetenztrainings anbieten würde, statt -wie so oft- in Richtung Abtreibung zu beraten. .
"Anbieten" heisst nicht, dass man diese Eltern zwangsverpflichtet - sondern eben ein unverbindliches
Angebot für diejenigen macht, die das gerne in Anspruch nehmen würden.
Nicht alle Eltern sind gleich selbstsicher und selbstbewusst.
Es gibt Eltern, die das sicherlich "mal eben mit links wuppen" und es gibt bestimmt auch Eltern, die so ein Angebot gerne in Kauf nehmen.
Im vorletzten Jahr hatte ich gemeinsam mit unserer Familienberatungsstelle, dem Allgemeinen Sozialen Dienst unseres Jugendamtes und dem FED der Lebenshilfe ein Konzept ausgearbeitet, wie man Eltern von behinderten Kindern noch mehr in punkto Selbstsicherheit und Eigenständigkeit unterstützen könnte, es gibt etliche Familien, die so eine Diagnose erst mal "an die Wand drängt" - da war ich mit Hubert Hüppe in Kontakt.
Es stand auch ein Termin in Berlin an, um das Konzept zu besprechen --- leider wurde Hubert Hüppe kurz vorher abgewählt.
Zuerst hatte ich die Unterstützung von Pflegefamilien behinderter Kinder im Fokus, aber während der Gespräche wurden die Ideen immer "allumfassender".
Das Konzept habe ich, glaube ich, noch irgendwo in meinem Schreibtisch verkramt....

AW: Glück gerade wegen / trotz Kinder mit Beinderu
Hallo zusammen,
Franzi, willkommen hier bei Intakt
Ich persönlich glaube, dass das Glücklichsein der Eltern im Großen und Ganzen nicht vom (behinderten) Kind abhängt, sondern von der eigenen Einstellung zum Leben.
Allerdings wirkt sich die Behinderung unseres Kindes auf unser Leben aus:
Negativ auf das "Glücklichsein mit dem behinderten Kind" wirkt sich bei mir der Ärger durch die ganze Bürokratie aus.
Positiv auf das "Glücklichsein mit dem behinderten Kind" wirkt sich bei mir die Gewissheit aus, dass mich das Zusammenleben stark gemacht hat.
Und manchmal stelle ich mir die Frage: wie zufrieden und glücklich würde ich mich fühlen, wenn meine Tochter nicht behindert wäre, sondern richtig "Karriere und Kohle machen" würde?
AW: Glück gerade wegen / trotz Kinder mit Beinderu
@Löwenkind:
ich hatte das damals übrigens auch hier bei "Intakt" thematisiert:
http://www.intakt.info/forum/showpost.php?p=35037&postcount=3
http://www.intakt.info/forum/showthread.php?t=7831#post34903
Und hier "Integration behinderter Kinder durch Eltern":
http://www.intakt.info/forum/showthread.php?t=7706#post34144AW: Glück gerade wegen / trotz Kinder mit Beinderu
Hallo Inge,
das sehe ich ganz genauso

.
Ich persönlich glaube, dass das Glücklichsein der Eltern im Großen und Ganzen nicht vom (behinderten) Kind abhängt, sondern von der eigenen Einstellung zum Leben.