AW: ADHS?
Hallo Roswitha,
da ihr so lange auf das Testergebnis warten müsst, gehe ich mal davon aus, dass ihr bei einem Facharzt seid, z.B. bei einem oder Kinder- und Jugendpsychiater, oder?
Das ist eine gute Basis für eine medizinisch effektive Behandlung. Uns wurde in der Uni in der Kinder- und Jugendpsychiatrie immer klar gemacht, dass eine vernünftige AHDS-Behandlung mit Medikamenten und ein schnelles Verschreiben von Ritalin o.ä. OHNE Diagnostik etwas ganz anderes sind. Ich habe dir hier mal einen Auszug aus der Stellungnahme der Bundesärztekammer zu ADHS eingefügt, wo es um deine Frage geht:
5.2.3 Unerwünschte Wirkungen, Wechselwirkungen und Kontraindikation von Stimulanzien
Die sorgfältige regelrechte Medikation von Methylphenidat und Amphetaminen hat bei Per-sonen mit ADHS in der Regel keine schädlichen unerwünschten Wirkungen. Unerwünschte Wirkungen sind dosisabhängig, in der Regel vermeidbar und bei Beginn der Therapie vorübergehend. Häufige und in der Regel vorübergehende unerwünschte Wirkungen sind Appetitminderung (auch über Jahre unter Medikation anhaltend), abdominelle Beschwerden, klinisch unbedeutsame Puls- / Blutdrucksteigerungen sowie innere Gereiztheit. Alle übrigen unerwünschten Wirkungen sind selten oder extrem selten. Dazu gehören Übelkeit, Schwin-del und bei zu später nachmittäglicher Gabe (z. B. nach 15 Uhr) Schlafstörungen. In Einzelfällen kann eine Spätgabe zur Verbesserung von Ein- und Durchschlafen indiziert sein (129, 130, 131). Depressive Verstimmungen (Weinerlichkeit, sozialer Rückzug) sind Zeichen der Überdosierung. Dies gilt insbesondere auch für psychotische Symptome (Halluzinationen). Tics können in Einzelfällen mit Methylphenidat-Medikation ausgelöst oder verstärkt, in anderen Fällen jedoch auch abgeschwächt werden. Im Einzelfall können Tics Anlass sein, die Indikation der Stimulanzien-Medikation oder die einer Ticspezifischen Zusatz-Medikation (z. B. Tiaprid) zu überprüfen. Obwohl nach bisherigen Studien die Endgröße des Körperwachs-tums durch Methlyphenidat nicht beeinflusst zu werden scheint, legen mehrere Studien nahe, dass das Wachstum unter der Behandlung beeinflusst werden kann. Daher sind engmaschige Kontrollen von Körpergröße und -gewicht erforderlich, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen im unteren Perzentilenbereich von Körpergröße und -gewicht (132, 133) (vgl. Kap. 6.6.1).
Die Entwicklung von Stimulanzien-Missbrauch und -Abhängigkeit ist bei sachgemäßer störungsspezifischer Einnahme nicht zu erwarten. Eine Dosis-Steigerung ist auch bei Dauermedikation meist nicht notwendig. Katamnestische Befunde sprechen dafür, dass Kinder und Jugendliche mit ADHS, die mit Stimulanzien behandelt wurden, seltener und später zu Tabak-, Alkoholkonsum und Konsum illegaler Drogen kommen (134, 135) (vgl. Kap. 6.6.2). Unsachgemäße Anwendung (z. B. Injektion der Substanz in den Blutkreislauf) und mangelhafte Kontrolle der Verordnung in einem „Drogenmilieu“ können eine missbräuchliche Verwendung ermöglichen. Zur Kontrolle des Gebrauchs sollte bei Verdacht auf Missbrauch das Verhältnis der verordneten Menge zum Verbrauch bei gegebener Tagesdosierung bei jeder Weiterverschreibung überwacht werden.
Eine Überdosierung, insbesondere von Amphetaminen, kann zu zentralnervösen und kardio-vaskulären Schäden führen und cerebrale Anfälle, Bewegungsstörungen, Schweißausbrüche, delirante Zustände, Erbrechen und Halluzinationen auslösen. Dies ist bei einer Dosierung im therapeutischen Bereich nicht der Fall. Trizyklische Medikamente können kardiale Arrhythmien bewirken, Pemolin kann Leberschädigungen hervorrufen. Mögliche Wechselwirkungen des Methylphenidats sind in Tabelle 2 (s. Tab. 2: Wechselwirkungen von Methylphenidat mit anderen Medikamenten) angeführt. (Quelle: http://www.bundesaerztekammer.de/downloads/ADHSLang.pdf)
Mögliche Nebenwirkungen kannst du bei fast jedem Medikament im Beipackzettel lesen, das ist klar. In dem Auszug oben wird jedoch auch immer wieder klar, dass bei der notwendigen Kontrolle und Begleitung durch den Facharzt diese Gefahr nicht groß ist. Bei einer verantwortlichen Behandlung nach den Vorgaben halte ich die Aussage, dass Kinder reihenweise tot umfallen, für sehr unrealistisch.
Aber gerade beim Thema ADHS werden dir viele extreme Meinungen Begegnungen begegnen, einschließlich der Frage danach, ob es diese Krankheit (wenn es denn eine wäre) überhaupt gibt und wie sie behandelt werden muss.
Das was ich mitbekommen habe, bringt mich zu der Ansicht: Es wird bisweilen vorschnell von ADHS ausgegangen, wenn ein Kind zu unaufmerksam ist und wohl auch bisweilen vorschnell eine entsprechende Behandlung angesetzt, die gelegentlich auch ohne die angeratene Diagnostik vor sich geht. Wenn du aber bei jemandem bist, der diese Diagnostik ordentlich durchführt, dann ist die Gefahr, dass dein Kind "einfach mal Tabletten verschrieben" bekommt - und aufgrund dessen vielleicht anfälliger für Nebenwirkungen ist - nicht so groß, wie wenn das nicht der Fall wäre.
Außerdem ist es natürlich so, dass ADHS nicht nur mit Tabletten behandelt wird. Angeraten ist eine sog. "multimodale Therapie", in der sonderpädagogische Maßnahmen, übende Verfahren, verhaltenstherapeutische Maßnahmen und medikamentöse Therapie auf die jeweiligen Notwendigkeiten des Kindes mit ADS / ADHS abgestimmt werden.
Selbsthilfegruppe zu diesem Thema findest du u.a.
unter diesem Link.
Viele Grüße und viel Erfolg bei eurem weiteren Weg!
Holger