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Wir möchten uns vorstellen-Polymicrogyrie

Anjalena 18.08.2006, 00:40#1
Hallo,

ich bin Mama von 2 Kids. Mein Sohn ist 12 und meine Tochter, Lena, 9 Jahre alt. Lena ist mit einer Hirnfehlbildung auf die Welt gekommen. Die ersten Wochen waren noch voll ok. ...doch dann merkte ich, daß mit meiner Tochter etwas nicht stimmte. Es folgten unzählige Untersuchungen und Krankenhausaufenthalte. Als Lena 14 Monat alt war bekamen wir dann die Diagnose "Polymicrogyrie". Das ist eine Verklumpung der Gehirnzellen und diese "arbeiten" dann nicht mehr, wie sie eigentlich sollten.

Die Diagnose war niederschmetternd. Der damalige Arzt im Sozialpädiatrische, Zentrum sagte mir damals, Lena werde nie sprechen und laufen können und wir könnten froh sein, wenn sie eines Tages lernt, sich mittels eines Bildcomputers verständlich zu machen. Für uns brach eine Welt zusammen. Desweiteren bestünde für Lena ein hohes Risiko epileptische Anfälle zu bekommen...

Wir begannen mit Krankengymnastik. Wir hatten eine tolle Therapeutin.....sie begleitete uns sogar zu verschiedenen Zentren und Ärzten uns setzte alle Möglichkeiten in Bewegng um Lena zu helfen. Später gingen wir zur Frühförderung, bzw. die Frau von der Frühförderung kam zu uns nach Hause.
Ich schaute immer genau zu und machte mit Lena viele Übungen, immer in der Hoffnung, daß es ihr hilft....

Lena konnte ihren schweren Kopf nicht halten, da durch die verklumpten Gehirnwindungen ihr Kopfumpfang wesentlich grösser war als "normal". Sie hatte eine unglaubliche Muskelschwäche, daß jede Bewegung für sie zur Qual wurde...sie konnte sich mit 16 Monaten weder drehen noch sitzen.

Lena hat an ihrem 3. Geburtstag die ersten Schritte gemacht und als sie 8 Jahre alt war, konnten wir endlich die ollen Windeln weglassen. Ich war sehr glücklich...

Mittlerweile ist Lena 9 Jahre alt. Wir gehen nach wie vor einmal in der Woche zu KG und einmal die Woche zum Logopäden. Sie versteht ,fast, alles wenn wir mit ihr reden, doch ist Lena nur in der Lage höchstens 3-Wort Sätze zu bilden. Sie hat aber Ihre eigenen Möglichkeiten gefunden sich verständlich zu machen und jeder , noch so Kleine, Vortschritt macht uns sehr Stolz :-)

Dennoch sitzte ich auch oft und frage mich, wie sie wäre, wenn sie "ganz normal" wie ein 9-Jähriges Mädchen wär......
Aber Lena ist ein kleiner Sonnenschein. Sie ist ein glückliches Kind uns meistens gut gelaunt. Sie kann weder rechnen, noch schreiben oder lesen....dafür ist sie unglaublich mitfühlend, sensibel und hilfsbereit.... und sie nimmt ihre Umwelt ganz genau wahr und bemekt jede Kleinigkeit sofort, die wir "Normalos" sicherlich übersehen würden.......

Ich schwanke sehr oft zwischen einem gewissen Stolz, so ein tolles, einzigartiges Kind zu haben und ....warum musste das ausgerechnet mir passieren.

Besonders schlimm empfinde ich es, wenn wir irgendwo sind (man sieht Lena ihre Behinderung nicht an) und dann sprechen Leute mein Kind an und es antwortet ihnen nicht oder gibt "komische" Laute von sich. Dann wechseln die Bliche von Mutter zu Kind und zurück und man wird angegafft, als käme man von einem anderen Planeten..... da kann ich immernoch nicht so gut mit umgehen.

Ich war vor 3 Jahren mit meinen Kids im Urlaub und habe Lena in einer speziellen Karre geschoben, da kam tatsächlich ein völlig Fremder auf mich zu und meinte: " Da wüsste ich aber was, so ein grosses Kind noch durch die Gegend zu fahren.....dem würd ich aber das Laufen beibringen"....in so einem Moment bist Du echt sprachlos.....

Nun stehen wiieder einige Probleme bevor. Es dauert noch einige Zeit, aber ich mache mir schon jetz viele Gedanken darüber, wie es wird, wenn Lena in die Pubertät kommt. Was mache ich, wenn sie zum ersten mal ihre Regel bekommt. Das versteht sie nicht..... und sie hat auch ein Problem damit, Blut zu sehen und wenn sich überhaupt mal jemand, oder gar sie selber, weh getan hat......dann gibt es den ganzen Tag fast kein anderes Thema mehr....

Ich würde mich sehr freuen ein paar Erfahrungen zu lesen ...

einen lieben Gruß

Anja
Holger 14.09.2006, 09:08#2
Hallo Anja,

erst mal herzlich willkommen hier bei uns! Kommt zwar von mir etwas spät, aber ich war nun einige Zeit im Urlaub...

Was du schreibst, gerade die Probleme, wenn die Behinderung nicht sichtbar ist, habe ich ähnlich erlebt. Als ich noch studiert habe und häufiger Betreuung beim FeD gemacht habe, gab es auch Kinder und/oder Erwachsene, denen man die Behinderung eben nicht angesehen hat. Irgendwann hab ich gemerkt, dass ich in der Öffentlichkeit unbewusst so reagiere, dass ich gerade diese Leute immer deutlich so angesprochen habe, dass jeder um uns herum merken muss, dass "da irgend etwas nicht stimmt" bzw. sie behindert sind, um so vielleicht mehr Verständnis zu bekommen für ihr Verhalten. Das war ziemlich unfair damals, da ich so die Situation für mich angenehmer machen wollte... als mir das aufgefallen war, hab ich das bewusst anders gemacht und versucht, das einfach auszuhalten. Das ist natürlich nicht das selbe, wie bei dem eigenen Kind, klar... und vor allem nicht jeden Tag, sondern nur zwei, drei Tage im Monat...

Viele Grüße,

Holger
mutti 16.09.2006, 15:50#3
Hallo Anja, ich kann Dich nur zu gut verstehen. Mein Sohn ( 8) hat ICP ( Spastische Diparese) ,d.h er ist Spastiker ( Beine sind betroffen). Wenn er irgendwo sitzt/steht und spielt oder sich mit anderen fremden Menschen unterhält ist alles in Ordung, steht er dann auf und geht, gaffen die Leute ihm hinterher manche drehen sich weg, andere tuscheln. Mir gibt das jedes mal ein Stich ins Herz. Till nimmt es Gott sei Dank meist ziemlich gelassen hin und hat oftmals noch ein lockeres Sprüchlein auf den Lippen, ich lasse ihn dann auch. Leute mit gesunden Kindern sollten sich Bewußt sein, das sie selbst schneller als sie denken auch mal in so Situationen ( z.b. durch einen Autounfall)kommen können. Gruß Sandra.
Gast 29.01.2007, 10:57#4
Hallo Anja,
ich bin heute zum ersten mal hier im Forum und habe mit großem Interesse Deinen Beitrag gelesen.
Ich habe auch zwei Kinder: Carla-Maria (fast 7) und Max 4. Bei Max hat man auch eine Polymicrogyrie der fast ganzen linken Hemisphäre festgestellt.
Mit 9 Monaten ist das erste MRT gemacht worden. Uns wurde auch gesagt, dass man uns nicht sagen könnte, ob Max jemals laufen lernen würde.
Max hat dann durch intensive KG das Laufen dann mit 23 Monaten gelernt. Die Hemiparese ist auch kaum noch zu sehen, aber mit den Sprechen haben wir immernoch starke Probleme.
Wir machen 2 mal die Woche Sprachtherapie bei der Lebenshilfe und man hat das Gefühl, es kommen mehr Wörter, aber oftmals kommen sie nur ein, zweimal und dann sind sie wieder weg. Max versteht alles.
E geht in einen ganz normalen Regelkindergarten und ist dort auch super beliebt. Die Kinder nehmen ihn so wie er ist und teilweise fällt ihnen gar nicht auf, dass Max gar nicht sprechen kann, da er immermehr Gebärten mit benutzt.

Wir waren im November zwei Wochen in Vogtareuth zum neuen MRT und 8 Tage Dauer-EEG, da uns auch gesagt wurde, dass Max eine erhöte Anfallswahrscheinlichkeit hat und die Schlaf-EEGs nicht wirklich schön sind. Max ist nun seit einem Jahr medikamentös eingestellt, aber die SChlaf-EEgs werden nicht besser.
Unsere Hoffnung war natürlich, dass wir mit den Medikamenten die Sprachstörung hin bekommen, aber in Vogtareuth hat man jetzt festgestellt, dass er auch beim rechten Sprachzenrtum eine Polymicrogyrie hat.

Du hast geschrieben, dass Ihr mit 8 endlich die Windeln weg lassen konntet. Das Problem haben wir auch. Max trägt immernoch Windeln und ich weiß nicht wodran das liegt. Wenn ich ihn frage, ob er auf die Toilette gehen möchte, sagt er:"Nein, iiii". Ich weiß nicht, ob er es nicht merkt, denn wenn er sein "großes Geschäft" macht, denn verzieht er sich gern in eine Ecke oder will auf jeden Fall ungestört sein.
im Kindergarten findet er es wohl auch peinlich, dass er der einzige ist, der noch gewickelt werden muß.

Ich finde auch, es ist ganz schwer, mit der Situation umzugehe, dass man ja eigentlich die Behinderung nicht sieht und man stendig erklären muß. Ich selber sehe Max auch nicht als behindert an. Er ist ein ganz toller Kerl, der immer am lachen ist und immer Blödsinn macht.
Aber es ist schon einfacher den Leuten zu sagen, mein Kind hat eine Behinderung, denn dann hören sie oftmals auf zu fragen. Bei uns heißt es ja dann auch noch meistens: es ist halt ein Junge, die sind ja immer langsammer als Mädchen. Alsob Jungen auf Bäumen leben würden.

Du hast auch noch einen ältern Jungen, wie geht er denn mit der ganzen Situation um? Für ihn ist bestimmt seine Schwester ganz normal, aber wie ist er mit der ganzen Belastung umgegangen?
Ich habe immer das Gefühl, Carla-Maria muß hinten anstehen und das zerreißt mir mein Herz.

liebe grüße
Barbara
Kala 09.10.2008, 20:31#5
AW: Wir möchten uns vorstellen-Polymicrogyrie

Hallo, mein Patenkind hat auch Polymicrogyrie am
kompletten Hirn. Ich weiß leider nicht so genau, was
das bedeutet. Eure Beiträge haben mir dabei geholfen,
das etwas besser zu verstehen. Der kleine ist 2 Jahre
alt und eigentlich quicklebendig, immer gut gelaunt und
lacht immer! Meine Freundin geht mit dem kleinen auch
zur Frühförderung und zur KG. Die Polymicrogyrie wurde
erst jetzt festgestellt, ich habe gelesen, dass es bei
euch schon früher festgestellt wurde. Haben wir dadurch
jetzt zu viel Zeit verloren? Kann mir jemand sagen, ob
die Lebenserwartung bei so einer Krankheit sinkt? Ich
traue mich nicht, meiner Freundin solche Fragen zu
stellen, aus angst ich würde sie damit verletzen!
Vielen Dank für eure Antworten!!