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Ist ein behindertes Kind ein Scheidungsgrund ? ?

Gast 02.01.2004, 21:24#1
Hallo,

Mein Name ist Belinda und ich bin 24 Jahre alt. Ich besuche die Fachschule für Heilerziehung in Hamburg. Für meine Facharbeit suche ich Frauen und Männer die sich getrennt haben oder verlassen wurden. Auch über Buchtipps würde ich mich freuen.

Meine E-Mail lautet :

Ich möchte mich hier schon einmal bedanken.
Gruß Belinda
Wolfgang 03.01.2004, 16:20#2
Hi Belinda,
ich habe mich am Rande mit dem Thema beschäftigt. Es scheint so zu sein, dass unter Eltern von Kindern mit Behinderung die Scheidungsrate niedriger ist, im Vergelich zur Allgemeinbevölkerung. Allerdings ist die Datenlage eher dünn.
Hier ein Auszug aus der Zulassungsarbeit von Frau Rösch (S. 55 f., verfügbar unter "Forschungsprojekt Pränataldiagnostik"):
Die besonderen Veränderungen der familiären Anforderungen und Aufgaben können dazu führen, “... dass eventuell zuvor bestandene Absprachen hinsichtlich der Rollenaufteilung im gemeinsamen Leben plötzlich keine Gültigkeit mehr haben können und eine erneute Revision stattfinden muss” (Eckert 2002, 43). Fehlen im Kontext des Lebens mit einem behinderten Kind jedoch die Möglichkeiten der Angleichung der Rollenerwartungen (z.B. geringes faktisches Ausmaß der Väterbeteiligung und damit der Aufteilung der Pflegeaufgaben zwischen den Eltern), so kann eine Trennung die Auswirkung sein.
An dieser Stelle stellt sich nun die Frage, ob die Scheidungs- bzw. Trennungsrate von Eltern eines behinderten Kindes im Vergleich zu Eltern ohne ein behindertes Kind erhöht ist.
Die Forschungslage zeichnet hier ein relativ uneinheitliches Bild (vgl. auch Hinze 1993, 36): Einerseits finden sich Hinweise darauf, dass die eheliche Qualität abnimmt und höhere Scheidungsraten zu erwarten sind (Engelbert 1989, 106). Andererseits stehen diesem jedoch auch andere Befunde gegenüber: Nippert (1988, 16) fand in ihrer Untersuchung zur Belastung und Bewältigung der Geburt eines behinderten Kindes “... keinerlei Anhaltspunkte für eine auffällige Trennungs- oder Scheidungsrate ...”. Roesel und Lawlis (1983, 46) kommen sogar zu dem Ergebnis, dass Eltern geistig/genetisch bedingt behinderter Kinder eine signifikant niedrigere Scheidungsrate im Vergleich zur Normalpopulation aufweisen.
Clemens (1979, 32f) befragte 38 Elternpaare geistig behinderter Kinder u.a. auch daraufhin, wie sich das behinderte Kind auf die Ehe auswirkt: In 15 Fällen gingen die Eltern nicht auf die Frage ein, 13 Elternpaare berichteten, dass der Zusammenhalt in der Ehe durch das Kind noch verstärkt wurde, bei 5 Paaren scheint keine wesentliche Veränderung eingetreten zu sein und in weiteren 5 Fällen wirkte sich das geistig behinderte Kind anscheinend disruptiv auf die Ehe aus.
An dieser Stelle lässt sich also aufgrund der Uneinheitlichkeit der Forschungsergebnisse keine eindeutige Aussage zur Scheidungs- bzw. Trennungshäufigkeit von Eltern mit einem geistig behinderten Kind machen. Krause (1997, 79) zieht allerdings nach Durchsicht verschiedener Untersuchungen den Schluss, “... daß ein linearer Zusammenhang zwischen Behinderung des Kindes und Destabilisierung der Ehe nicht gegeben ist.”
Es steht wohl außer Zweifel, dass Ehen und Partnerschaften zerbrechen – mit Seifert (1997, 241) ist aber festzustellen, dass die Ursache in der Regel nicht allein das als Belastung erlebte behinderte Kind ist: “Sehr häufig war die Partnerbeziehung schon vorher nicht mehr intakt, und die Behinderung des Kindes hat den letzten Anstoß für die Trennung gegeben”. Auch Görres (1987, 58) untermauert diese Aussage: “Bei manchen Eheschwierigkeiten, die scheinbar durch ein behindertes Kind entstehen, zeigt sich, dass die Beziehung der Partner schon lange voneinander weg, statt aufeinander zu, ohne einander, statt miteinander verlief.” Von einer unidirektionalen Kausalitätsbeziehung auszugehen, wäre demnach also unzulässig vereinfachend.
Daneben ist auch nicht zu vergessen, dass viele Eltern von einer Stärkung ihres Zusammengehörigkeitsgefühls berichten: Manche Partnerbeziehungen werden gerade in Krisen fester und gemeinsam lässt sich die Behinderung des Kindes besser tragen (Seifert 1997, 241). Es ist also auch möglich, dass die Partnerschaft an der gemeinsamen Aufgabe wächst. Silvia Görres (1987, 61), selbst Mutter von zwei Kindern mit einer geistigen Behinderung, beschreibt dies eindrucksvoll: “Viele Ehen gewinnen durch eine gemeinsam ertragene Last eine tiefere Dimension, werden aus einer unbeschwert begonnenen Liebesbeziehung zu einem Rücken-an-Rücken-Stehen im Bewußtsein gemeinsamer Verpflichtungen.”

Viele Grüße,
Wolfgang Lenhard

P.S.: Die Literaturangaben findest Du in der vollständigen Arbeit.