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Autoaggressionen

Gast 31.07.2004, 21:47#1
Wunderschönen guten Abend!
Wie an dieser Stelle kürzlich schon beschrieben arbeite ich in einem Kinderheim für geistig behinderte Kinder und bin dort für Kevin (13, rechtsbetonte Tetraspastik, geistige Behinderung spricht nur 2-3 Worte) zuständig und hätte da mal eine Frage. Als wir Kevin im April letzten Jahres aus einem anderen Kinderheim (er kam mit 1 1/2 Jahren ins Heim) übernahmen wurde er uns als das verhaltenauffälligste Kind der Welt beschrieben: Er schrie dort von Morgens bis Abends, musste mit Sitzhose, Hosenträgergurten und Fussfesseln am Rolli fixiert werden, machte alle Dinge die er in die Finger bekam sofort kaputt, schlug andere Kinder, schaukelte so lange bis er mit dem Rolli umkippte, steckte sich die Finger bis zum erbrechen in den Hals und konnte keine einzige Sekunde aus den Augen gelassen werden. In relativ kurzer Zeit hat er sich mit Hilfe von sehr klaren Regeln, Konsequenz und viel Bewegung (er krabbelte und lernte auch schnell frei zu laufen was er bei Ankunft nicht konnte) gelang es uns all diese Verhaltensweisen unter Kontrolle zu bekommen. Er ist ein sehr nettes, ausgeglichenes Kind, daß sich alleine Beschäftigen kann, immer gut gelaunt ist und schon sehr viele regeln befolgen kann... solange alles läuft, wie er es plant! Wenn er z.B. auf seinem Haverich Dreirad fährt, nach einiger Zeit anfängt Blödsinn zu machen, ich ihm einige Male androhe ihn vom Dreirad zu holen wenn er nicht aufhört und es dann auch tue, fängt er sofort an zu schreien, beißt sich heftig in den Arm (bis es stark blutet) und läßt sich nicht beruhigen. Da er ein sehr gutes Sprachverständnis hat weiß ich, daß er versteht was ich von ihm möchte. Es ist mir auch klar, daß es da stark an geeigneter Kommunikation mangelt aber ich habe echt schon alles ausprobiert. Ignorieren, beruhigend auf ihn einreden, festhalten.. Es hilft alles nicht. Die Wunden an seinem Arm bekommen garnicht die Möglichkeit wieder zu heilen. Solange ich Ihn auf seinem Rad, bei seinem Ventilator oder anderen Dingen die er mag lasse, ist alles in Ordnung...
Manchmal muß er aber in seine Schranken gewiesen werden oder es gibt einfach essen oder wir müssen zur Therapie o.ä.
So, genug geschwafelt...

Hat jemand ähnlliche Erfahrungen gemacht, kann mir davon berichten oder hat gar eine Möglichkeit gefunden damit umzugehen? Die Sache macht mir wirklich sehr zu schaffen!

Liebe Grüße,
Tina
Anhang
Kevin___Ventilator.jpg
chinarolle 01.08.2004, 07:33#2
Liebe Tina,
als ich Deinen Bericht gelesen habe, konnte ich alles, aber auch wirklich alles auf meine kleine Krabbe übertragen. Die Wutausbrüche wurden auch hier immer schlimmer und führten zur "Selbstverstümmelung": Pascal hat immer mit dem Kopf aufgehauen und auch Kanten waren kein Hinderniss für ihn. Seit langer Zeit arbeite ich nun intensivst mit der Schule zusammen (in Deinem Fall Du selber) und muß eine Linie durch ziehen, die mir als Mutter sehr weh tut, aber es hilft !!! Sobald ein "Anfall" im Anmarsch ist, z.b. er muß aufhören zu spielen, weil wir los müssen und er mit seinem Schreikonzert anfängt, sollen wir ihn in den Wiegeschritt nehmen (egal wo, das ist wichtig). Also Beine anwinkeln und Kopf sichern. Leichte Hin- und Herbewegungen und wenn er langsam aufhört, dann ruhig erklären, warum er nun aufhören muß - vorher keine Diskusion . Am Anfang hat er sich richtig "eingeschrieen" und wurde vor Wut richtig blau, aber mittlerweile akzeptiert er auch zu Hause Regeln und die Anfälle hören gaaannnnzzz langsam ganz auf. Im Endeffekt bekommt man nur das wieder was man selber falsch gemacht hat. Wenn ich kurz auf uns beziehe... Pascal hat von Anfang an alles bekommen (ist doch mein Sonnenschein), dann kam die Schule und er mußte Regeln einhalten. Erst dacht ich, meine Güte, was tun die meinem Sohn an und mit der Weile mußte ich erkennen, das Pascal in der Schule der liebste und beste Junge ist. Viel hilft also bei Deiner Krabbe nicht, ausser ein striktes durchziehen der aufgestellten Regeln und das immer und auch überrall (beim Einkaufen, beim Spaziergang und auch unter den blöden Blicken mancher Leute, die nicht wissen was unsere Kinder in dem Moment haben, leider gibt es davon hier zumindest wirklich viele) ! Diese besonderen Kinder können alles verstehen und merken auch bei wem sie wie weit gehen können. Du hast erwähnt, daß er versteht, was Du willst, aber sich kaum äussern kann (genau wie Pascal). Versuch mal den Weg über einzelne Gebärden !!! Das hilft und hat meinen Sohn nach 8 Jahren aus seiner Isolation befreit und auch den Druck aus dem Gehirn genommen. Vielleicht wäre auch das was für Euch beide. Das Buch von Makaton hat uns da sehr geholfen. Wenn Du magst, kannst Du Dich gerne Mal bei mir privat melden, denn auch ich bin froh endlich jemanden gefunden zu haben, der genau das gleiche durch macht. Vielleicht könnte man die beiden "Streithähne" auch mal zusammen führen.
Hier mal meine E- Mail : , würde mich echt freuen, von Euch beiden zu hören.

Liebe Grüße
Eure chinarolle
Pauline 02.08.2004, 18:58#3
Hallo Chinarolle,
unsere Kleine ist zwar erst 6, aber Autoagression im Zusammenhang mit Wutanfällen kennen wir zur Genüge. Sie kann einfach nicht klein beigeben. Haben schon Rat gesucht bei unserem BKH, sowie Kinderzentrum München, und denen versucht klarzumachen, daß wir eine Handhabe brauchen, um jetzt schon einzugreifen und nicht erst wenn sie 1,80 groß und 80 kilo schwer ist. Der Rat ging hin zu einer abgespeckten Form von Festhaltetherapie. Leider wurde es uns nie gezeigt und ich habe keine Lust, herumzuexperimentieren.
Meine Frage: Wo habt Ihr die Anwendung des "Wiegeschritts" gelernt?

Mit Dank im vorraus
&may the force be with you
Pauline
Julia 02.08.2004, 23:59#4
Hallo zusammen!

Im Rahmen der Basalen Stimulation gibt es auch einge Dinge, die man machen kann um der Autoagression vorzubeugen. Leider weiß ich nicht genau wie der Titel des Buches lautet, es ist von Fröhlich und einem Mit-Autor und ist bei irgendeinem Sonderpädagogischen Verlag erschienen, hilft aber bei "Basaler Stimulation" natürlich nicht weiter...aber vielleicht kennt jemand das Buch oder weiß jemanden, der das Buch identifizieren könnte; bei Interesse: Wenn unsere Sozialpädagogin aus dem Urlaub wieder da ist, dann kann ich auch nochmal nachfragen und es dann hier posten.

Festhaltetherapie haben wir auch schon gemacht, hatte aber nicht gefruchtet...

Schönen Abend,
Julia.
chinarolle 03.08.2004, 06:33#5
Hallo Pauline,

den Wiegeschritt haben wir von den Lehrerinnen gelernt. Wir treffen uns mit den beiden nun alle zwei Wochen um die neuesten Gebärden zu besprechen (wie zeigt Pascal was usw) und dabei lernt man unwahrscheinlich viel über andere Sachen. Tja, wie machen wir das .....
Also wenn sich ein Aggrisionsanfall anbahnt müßt Ihr Eure Kleine mit dem Rücken zu Euch auf den Boden setzen und Ihre Beine anwinkeln. Mit den Armen greifft Ihr dann um die Beine und den Kopf an Eure Brust, so kann Euch und vor allem der Krabbe am wenigsten passieren. Dann wiegt Ihr Euch langsam hin und her. Ich fange meistens an langsam ein Lied zu singen um mich und Pascal etwas zu beruhigen, wenn ich noch die Puste habe, denn wie Du schon sagtest, man merkt den Unterschied schon jetzt bei dem Alter. Pascal wiegt nun 25 Kg und ist 9 Jahre. Bei uns hat es wirklich geholfen ! Er akzeptiert Regeln und ist viel ruhiger geworden. Wichtig ist ,find ich ,den Druck aus dem Kopf in den Momenten zu nehmen. Auch wichtig ist ganz klar, die Regeln überall zu setzen. In der Schule, beim spazieren gehen, oder bei Verwandten, was mir am meisten weh tat als Mutter, denn die Blicke anderer sind mächtig böse (obwohl die nicht wissen können, warum und wieso - aber muß ich mir das auf die Strin tätowieren ?). Wir wollen doch alle das unsere Kinder irgendwann ein "normales" Leben führen können und sich intregieren auch arbeitsmäßig. Die Lehrerinnen meinten auch wie Du, man muß früh anfangen, denn mit 18 Jahren halten wir die "Kinder" nicht mehr und dann Arbeiten ?
Ich wünsche Euch von ganzem Herzen viel Kraft und genügend Ausdauer. Ich hoffe ich konnte Euch etwas helfen und sage auf bald

Eure chinarolle