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Hyperaktiv

Gast 09.07.2003, 15:44#1
Guten Tag an alle Mitglieder,

ich bin durch Zufall auf diese Seite gestoßen, und möchten gern den Erfahrungsaustausch mit anderen Mütter suchen. Ich heiße Britta bin 38 Jahre alt alleinerziehend und habe einen Sohn(7) der Hyperaktiv ist. Unser Problem ist, er braucht halt Tag und Nacht noch seine Windeln. Wir haben es schon oft ohne probiert, doch ohne jeglichen Erfolg. Und dann immer dieses Drama beim Wickeln, er zappelt und schreit. Wer kennt dieses Problem? Leider gibt es noch eine Sache die mich tierisch nervt, da man meinem Sohn die Hyperaktivität nicht ansieht, werde ich ständig von fremden Frauen(besonders jetzt im Sommer) z.B. beim Einkaufen, am Badesee oder beim spazieren gehen gefragt, "ihr Großer braucht wohl noch Windeln" und so. Ich fühle mich so erniedrigt. Hat jemand von Euch ähnliche Erfahrungen gemacht?
Wer möchte kann mir gern schreiben.
Bis bald Britta
Wolfgang 09.07.2003, 17:14#2
Hallo Britta,
ich kann Dir leider keine Tipps geben, wie mit blöden Sprüchen umzugehen ist, aber vielleicht hilft Dir ja das untenstehende Training. Es basiert auf einer verhaltenstherapeutischen Vorgehensweise und ist eine der effektivsten Formen, dass das Kind lernt die Blase zu kontrollieren. Nebenbei gibt es auch sehr effektive verhaltenstherapeutische Maßnahmen bei Hyperaktivität, die nach neuen Untersuchungen mit einer Wahrscheinlichkeit von 70% die Behandlung mit Medikamenten überflüssig machen. Auf jeden Fall sollte aber auch die Hyperaktivität behandelt werden, weil sie unter Umständen bei der Einnäss-Problematik sogar im Vordergrund steht.
Anhang 15.2.2: Training der Blasenkontrolle

Diese Behandlung ist indiziert bei allen Formen der Enuresis. Sie sollte mindestens 2mal täglich praktiziert werden. Für berufstätige oder alleinstehende Eltern ist diese Form der Behandlung sehr schwer durchführbar. Manchmal empfiehlt es sich, dann die Kindertagesstättenerzieher einzubeziehen.

So verstärken wir am Tage:
Das Kind soll tagsüber so oft wie möglich (mindestens 2mal) Blasenkontrolle üben, indem es jedesmal, wenn es Harndrang verspürt und auf die Toilette muß, Ihnen sofort Bescheid sagt.

Sie belohnen es, wenn es schafft, das Harnlassen aufzuhalten, und zwar
- in den ersten 3 Tagen für 3 Minuten,
- in den folgenden 3 Tagen für 5 Minuten,
- in den folgenden 3 Tagen für 10 Minuten
- in den folgenden 3 Tagen für 15 Minuten
- in den folgenden 3 Tagen für 20 Minuten
- in den folgenden 3 Tagen für 25 Minuten
- in den folgenden 3 Tagen für 30 Minuten,
(Minutenzahl bei Beginn nach "Probeanhalten" im Einzelfall variieren. Vorschlag: Stellen Sie die jeweilige Zeit mit Ihrem Küchenwecker ein.)

Regeln für die Durchführung
1. Erklären Sie Ihrem Kind vor Beginn, daß es jedesmal, wenn es die vorgeschriebene Zeit "anhält", 10 Cent bekommt.
2. Sprechen Sie den gesamten Plan (auch, welchen Sinn er hat) vorher in Ruhe mit Ihrem Kind durch.
3. Geben Sie die Belohnung sofort nach Ablauf der Zeit (also wenn der Küchenwecker klingelt) vor dem Harnlassen und ohne daß das Kind Sie dazu auffordern muß.
4. Schafft Ihr Kind es nicht, die Zeit einzuhalten, bekommt es keine Belohnung (auch nicht weniger!). Es wird ihm auch von den vorher erhaltenen Belohnungen nichts abgezogen. Schimpfen Sie bitte nicht, zeigen Sie keine Enttäuschung, sondern sagen Sie lediglich ruhig: "Nächstes Mal wirst Du es schon schaffen, es ist auch nicht so einfach!" oder ähnliches.
5. Erreicht Ihr Kind eine neue Anhaltestufe 2 Tage lang überhaupt nicht, müssen Sie für den 3. Tag die Dauer des "Anhaltens" verkürzen, und zwar nach folgendem Schema (3 Minuten werden nicht unterschritten!):
- statt 5 Minuten nur 4 Minuten
- statt 10 Minuten nur 7 Minuten
- statt 15 Minuten nur 12 Minuten,
- statt 25 Minuten nur 22 Minuten,
- statt 30 Minuten nur 27 Minuten,
- schließlich auch 30 Minuten.
In den auf die Verkürzung folgenden 3 Tagen gehen Sie wieder nach dem ursprünglichen Programm, und zwar mit der im Programm vorgesehenen Anhaltezeit, vor.

Beispiel: Ihr Kind kann den Harndrang schon 10 Minuten anhalten, schafft jedoch in der nächsten Woche 2 Tage hintereinander die 15 Minuten nicht. Sie gehen daher für den 3. Tag auf 12 Minuten hinunter, besprechen dies mit Ihrem Kind und belohnen es, wenn es 12 Minuten schafft. (Die folgenden 3 Tage beginnen wieder mit der Übung von 15 Minuten.)


So verstärken wir nachts
Das Kind soll allmählich lernen, nachts bei Harndrang aufzustehen und zur Toilette zu gehen, bevor es naß ist. (Die Vorbereitung für die Wahrnehmung des Harndranges nachts schaffen wir durch das Tagestraining, bei dem das Kind zweierlei lernt: die Wahrnehmung des Harndrangs zu schulen und bei Harndrang mit Blasenkontrolle zu reagieren.) Das Kind soll für ein trockenes Bett belohnt werden.

Regeln für die Durchführung
1. Sie erklären Ihrem Kind, daß es in jeder Nacht, in der es schafft, von selbst aufzustehen und auf die Toilette zu gehen, bevor es naß ist, unmittelbar danach zu Ihnen kommen darf und Ihnen diese erfreuliche Nachricht überbringen darf. (Da das nächtliche Aufstehen für Ihr Kind die höchste Schwierigkeitsstufe darstellt, soll es von Ihnen dafür ganz besonders viel Zuwendung erhalten. Wie Sie wissen, ist die sofortige Verstärkung die wirkungsvollste, deshalb kommt es darauf an, daß Sie Ihrem Kind zeigen, daß Sie sich bei einer so großartigen Leistung gern wecken lassen.) Bitte stehen Sie kurz auf und lassen Sie sich von Ihrem Kind das trockene Bett vorführen. Seien Sie (auch, wenn Sie noch so müde sind - Ihr Kind ist ja auch müde) sehr stolz, und verstärken Sie Ihr Kind ganz intensiv sozial!

2. Ist Ihr Kind morgens trocken (d. h., es hat entweder trocken durchgeschlafen oder ist selbständig
zur Toilette gegangen), darf es Ihnen das trockene Bett zeigen und erhält dafür eine Belohnung von 20 Pfennig (noch beim Anblick des trockenen Bettes!).

Das Kind braucht viel Mühe und Anstrengung, um sich die Belohnung zu verdienen. Es soll daher auch frei über das Geld verfügen dürfen.
Bitte haben Sie keine Angst, zuviel Geld auszugeben! Denken Sie an die Ausgaben für neues Bettzeug, Waschmittel oder Windeln beim nassen Kind!

Vergessen Sie nicht, daß Sie die materielle Verstärkung nur zum Aufbau der Blasenkontrolle anwenden und nicht lebenslang!


Erläuterungen zur Liste über Einnäßhäufigkeit

1. Bitte tragen Sie vom _ bis _ jeden Morgen sorgfältig in die anliegende Liste
ein, ob Ihr Kind naß oder trocken war (l Kreuzchen). Sollten Sie der Meinung sein, Ihr Kind habe in einer Nacht mehrmals eingenäßt, machen Sie bitte entsprechend mehr Kreuzchen.
2. Näßt Ihr Kind tags und nachts ein, führen Sie bitte je eine Liste für tags und nachts.
3. Abends geben Sie Ihrem Kind bitte nach seinem Bedarf zu trinken. Schränken Sie die Trinkmenge bitte keinesfalls ein!
(Eine Einschränkung der Trinkmenge führt nicht zu weniger Einnässen und ist außerdem für die Kinder nur schwer zu ertragen.)
4. Nehmen Sie Ihr Kind nachts nicht mehr hoch, schicken Sie es nur noch einmal vor dem Zu-Bett-Gehen auf die Toilette.
(Ihr Kind muß lernen, das Hamdranggefühl nachts wahrzunehmen und davon aufzuwachen. Das ist nur möglich, wenn die Blase voll ist. Bei nächtlichem Wecken kann aber nicht regelmäßig der Zeitpunkt von den Eltern abgepaßt werden, zu dem die Blase voll ist. Deshalb ist nächtliches Wecken für Ihr Kind keine Hilfe.)
5. Äußern Sie sich morgens nicht mehr besonders zu dem Bettnässen, geben Sie keine Belohnung oder Bestrafung mehr!
6. Brechen Sie bitte jede andere Art von Behandlung (z.B. Medikamente gegen Bettnässen!) ab!
Ihr Kind darf von der Eintragung nichts merken!!!

Die Beachtung dieser 6 Punkte ist unbedingt erforderlich. Ihr Kind wird in dieser Zeit vielleicht häufiger als üblich einnässen.
Bitte lassen Sie sich dadurch keinesfalls abschrecken; erst durch diese Liste wird die tatsächliche Einnäßhäufigkeit erfaßt!
Die Kenntnis der tatsächlichen Einnäßhäufigkeit ist die wichtigste Voraussetzung für eine sorgfältige Planung und Durchführung der Behandlung Ihres Kindes.
(zitiert nach Steinhausen (1996): Psychische Störungen im Kindes- und Jugendalter)

Ciao, Wolfgang
Brigitte 08.08.2003, 10:49#3
Hallo, ich kann dich verstehen. Habe selber ein 12 jähriges Kind, was unter ADHS (Aufmerkssamkeit-Difizit-Syndrom mit Hyperaktiv) leidet. Höre selber auch die Vorwürfe von anderen. Habe mit Belohnungsplänen einiges erreicht. Ich kann dir das Buch "Wackelpeter und Trotzkopf" von Döpfner, Schürmann und Lehmkuhl, ISBN 3-621-27481-2 empfehlen.
Durch eine Therapie, bei der ich dieses Buch mir besorgen mußte, habe ich viel erreicht. Mein Sohn bekommt auch das Medikament "Ritalin". In dem Buch sind auch viele Beispiele und Belohnungspläne mit enthalten.