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Betreuung in der Klinik

zippe 15.04.2012, 13:55#1
Hallo miteinander,

vor ein paar Tagen bin ich von der Arbeit nach Hause gekommen und musste gleich wieder los. Meine Große war in der Betreuung gestürzt und weinte! Sie kann vor Wut brüllen, vor Übermut kreischen und vor Freude wunderbar lachen. Aber sie hatte seit über 20 Jahren nicht mehr geweint...
Als ich ankam, saß sie im Rolli und zeigte beim Anfassen - besonders beim linken Arm – sofort Panik und starke Schmerzreaktionen. Aufstehen ging gar nicht mehr, also musste der Rettungsdienst kommen, denn 55 Kilo bekomme ich dann nicht mehr ins Auto. Die Sanis wollten der Arm schienen/fixieren, aber das ging nicht: Schmerz und dicke Tränen. Die Sanis waren zum Schluss rat- und hilfloser als ich, bis ich irgendwann mal gesagt habe, sie sollen sie jetzt einfach auf der Transportliege lagern. Dort hat meine Tochter sich nach ein paar Sekunden sichtbar beruhigt.
Dann ab ins Klinikum (ich musste im RTW mitfahren); zu meiner Verblüffung wurde sie sofort versorgt und geröntgt. Dann hatten wir eine lange Wartezeit, die meine Tochter aber sehr ruhig verbracht hat.
Zum Glück hatte sie nichts gebrochen, sondern "nur" ein dickes blaues Hämatom am linken Ellenbogen, ansonsten noch einige "leichtere" Prellungen und Panik ohne Ende.
Nach der Versorgung gab es noch ein Schmerzmittel und nach insgesamt knapp drei Stunden wurden wir kurz vor Mitternacht mit dem RTW nach Hause gefahren.

Auch wenn es meiner Großen inzwischen wieder besser geht (sie hat zwar noch sichtbare Hämatome und regelrechte Angst-Attacken, läuft aber wieder alleine), bleiben doch einige Fragen in meinem Kopf hängen:
Was passiert mit unseren Kindern in einer Krisen-Situation, wenn wir persönlich das nicht mehr bewältigen können?
Wer kümmert sich um unsere Kinder, wenn sie ohne uns ins Krankenhaus müssen?
Wer kümmert sich um die medizinische und psychische Nachsorge?
gero 16.04.2012, 07:45#2
AW: Betreuung in der Klinik

Hallo!

wenn unsere Kinder in einem Heim wohnen, ist die Situation leider ganz miserabel, denn die personelle Ausstattung der Wohnheime ist schon im Normalbetrieb ganz schlicht und einfach völlig unzureichend und darauf ausgerichtet, dass auch alte Eltern weiterhin zur Verfügung stehen.
Ich habe sogar schon Heimverträge gelesen, in denen die Eltern verpflichtet werden, sich in Notfällen um ihr Kind zu kümmern und den Einrichtungsträger völlig aus der Verantwortung herausnehmen. Was geschieht, wenn die Eltern dazu nicht mehr in der Lage sind oder nicht mehr leben, steht hier gar nicht zur Debatte. Da zählt es anscheinend nur noch, dass der Einrichtungsträger juristisch (und finanziell) abgesichert ist. Es ist einfach nur :wuerg:
Inge 16.04.2012, 08:02#3
AW: Betreuung in der Klinik
[...] Das System hat viele Kritiker

Ein Patient mit geistiger Behinderung benötigt oft mehr Zeit, findet vielleicht nicht allein den Weg in die Röntgenabteilung. Die Untersuchung kann länger dauern, wenn ein Patient verängstigt ist oder sich nicht verbal ausdrücken kann, und auch die Dauer eines Krankenhausaufenthaltes liegt über dem Durchschnitt. Doch wie erfasst und vergütet man den höheren „behinderungsbedingten Mehraufwand“? Und wer tritt für die Kosten ein?
Da geht es um Diagnosen von Behinderungen, Krankheiten und „ressourcenrelevanten“ Nebenerkrankungen, und um die Tücken der sogenannten Diagnosebezogenen Fallgruppen. Das DRG-System (von Diagnosis Related Groups) ist das Klassifikationssystem, mit dem Patienten anhand ihrer Diagnosen und der durchgeführten Behandlungen in Fallgruppen eingeteilt werden. Damit soll die Finanzierung von Krankenhausbehandlungen gesichert werden. Doch das System hat viele Kritiker und ist für Eltern und Patienten kaum durchschaubar. Für sie zählt eine gute medizinische Versorgung. Ihnen nützt es auch wenig, „wenn ein Kostenträger die Verantwortung auf den anderen schiebt“, wie eine Mutter kritisierte.

Wolfgang Zöller, Patientenbeauftragter der Bundesregierung, kann die Kritik verstehen: „Man versucht alles unter Fallpauschalen zu erfassen, aber das wird behinderten Patienten nicht gerecht.“

Sein Kollege Hubert Hüppe, der Behindertenbeauftragter der Bundesregierung, forderte in der Diskussion die Eltern auf, sich an ihn zu wenden, wenn sie mit ihrem behinderten Kind von Krankenhäusern abgewiesen oder nicht zufriedenstellend versorgt werden.

Prof. Dr. Jeanne Nicklas-Faust, stellvertretende Bundesvorsitzende der Lebenshilfe, appellierte in ihrer Zusammenfassung an alle Akteure ihre Verantwortung zu erkennen, an Verbesserungen zu arbeiten, sich untereinander zu vernetzen. „Gefragt sind wir alle, Krankenhäuser, Ärzte, Angehörige, Mitarbeiter in der Behindertenhilfe. Wir müssen dicke Bretter bohren. Denn Menschen mit schwerer Behinderung und ein auf Effizienz ausgerichtetes Krankenhaussystem passen eigentlich nicht zusammen.“ [...]
Quelle und kompletter Text: Lebenshilfe - Der vergessene Patient
Löwenkind 16.04.2012, 10:35#4
AW: Betreuung in der Klinik

Hallo zusammen,

das Thema Krankenhaus und überhaupt medizinische Versorgung ist ein sehr zermürbendes Thema. Der einfache Kassenpatient bekommt mit 72 gesagt, dass er sich überlegen solle, wie teuer eine neue Hüfte käme und man doch überlegen solle, wie lange denn die Lebenserwartung noch ist? Zwar hätte man dann hinterher keine Schmerzen mehr, aber was das halt kostet. Die Kassen sparen schon an lebenswichtigen Medikamenten und Nichtwissende experimentieren damit, Vorgaben über die Vergabe von bestimmten Herstellermedikamenten in Rabattverträgen auszuhandeln.
Wissen wir, wie viele Todesfälle auf solche Praktiken zurückzuführen sind? Macht sich da mancher nicht zur rechten Hand Gottes?
Unwissend, wie er Lebensqualität zerstört, aber wissend um die Aussicht seines Arbeitsplatzes und aussichtsreicher Beförderung?
Wo sind unsere Behindertenbeauftragten und wie helfen sie und unterstützen sie uns? Sind auch sie nicht nur eine Art Wasserträger, ihrer Dienstherren und verpacken uns Anweisungen in eine Art Geschenkpapier? Und schaut man sprichwörtlich einem Geschenkten Gaul nicht ins Maul?
Oh was wird mir das Herz schwer, wenn ich daran denke, wie mit schwerstbehinderten und nichtsprechenden Menschen umgegangen wird, wenn sie ihre Eltern nicht mehr an ihrer Seite haben.
zippe 19.04.2012, 10:18#5
AW: Betreuung in der Klinik

Hallo miteinander,

es ist einfach bitter, dass wir uns weder hier noch in vielen anderen Bereichen auf nichts und niemanden verlassen können. Sobald wir Eltern nicht mehr in der Lage sind, uns für das Recht unserer Töchter und Söhne einzusetzen, bleiben diese auf der Strecke. Das macht mir Angst!
miau 19.04.2012, 11:00#6
AW: Betreuung in der Klinik
Zitat von zippe
Hallo miteinander,

es ist einfach bitter, dass wir uns weder hier noch in vielen anderen Bereichen auf nichts und niemanden verlassen können. Sobald wir Eltern nicht mehr in der Lage sind, uns für das Recht unserer Töchter und Söhne einzusetzen, bleiben diese auf der Strecke. Das macht mir Angst!

Hallo zippe,

mir geht es ähnlich.

Micha
Sanne40 20.04.2012, 15:05#7
AW: Betreuung in der Klinik

Mein Sohn sagte mit 6 Jahren mal zu mir: Mama, verspricht mir, daß Du erst stirbst, wenn ich groß bin und für mich alleine sorgen kann.

Kein wirklicher Trost groß und erwachsen zu sein und trotzdem auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein.
LG v. Sanne