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Am Fenster

Löwenkind 10.01.2011, 22:30#1
Am Fenster

Sie steht am Fenster und schaut hinaus. Blumen leuchten ihr in vielen Farben entgegen.
Tränen glitzern auf ihren Wangen und Sonnenstrahlen brechen in ihnen.
Sie träumt vom verlorenen Leben. Jede Träne ein Abschied von einem Traum.
Der Traumbaum verliert die Blätter. Mit jedem Blatt verliert er etwas Kraft und Farbe.
Sie fragt sich, wer sie eigentlich ist? Wo ist ihr inneres Ich geblieben? Ist es noch sie selbst? Sie, die als Kind fröhlich und voller Lebensfreude über die Wiesen und Felder gesaust ist? Die den Kopf voller Pläne und Flausen hatte? Für die kein Pferd zu hoch, kein Graben zu tief und keine Gefahr zu groß war?
Wer ist die Frau hinter dem Gesicht, das sich im Fenster widerspiegelt? Sie ist ihr fremd. Es ist kein vertrauter Blick der ihr entgegenblickt. Sie betrachtet die Frau und sieht die feinen Linien, die sich um den Mund einen Weg gesucht haben. Die Frau schaut ihr stumm entgegen. Sie selbst ist versucht die Frau anzusprechen. Sie hebt die Hand um das Gesicht im Fenster zu berühren. Auf halber Höhe jedoch hält sie inne, lässt kraftlos ihre Hand sinken. Sie merkt, sie ist es selbst. Es sind ihre Augen, die ihren Blick suchen. Sie erschrickt über ihr Aussehen. Warum ist sie sich selbst so fremd? Sie hat Angst. Angst vor der Zukunft, Angst vor dem Leben das sie noch vor sich hat, Angst vor dem Tod, egal wie er zu ihr kommen wird. Sie fragt sich, wo sie selbst geblieben ist. Warum spürt sie sich nicht mehr? Warum hört niemand ihren Ruf nach Leben? Sie sieht keinen Ausweg aus dem Labyrinth der Gefühle. Sie bewegt sich in einem Strudel von täglichen Abläufen, Ausbrüchen, Aufbrüche und dem Alltag. Der Strudel reißt sie mit. Sie kann sich schon lange nicht mehr festhalten. Zu glatt sind die Wände, zu schnell dreht sich der Kreis, zu wenig Kraft ist ihr geblieben.
Eine Hülle steht am Fenster und schaut hinaus. Verwelkte Blumen, die man vergaß zu gießen knistern im lauen Abendwind. Regentropfen saugt der trockene Boden auf, als ob sie nie zur Erde fielen. Die Hülle bläht kurz im Abendwind auf und seicht trägt sie ein Hauch mit sich fort.
Am Platz wo sie stand, ein leeres Blatt Papier .

Löwenkind