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Tagesspiegel: Unter Ausschluss

zippe 10.03.2013, 13:52#1
[...] Es ist ungemütlich hier, nackter Boden, kaltes Licht, kahle Wände. Die Blätter der Yuccapalme hängen saftlos am Stamm. Angekommen im Pflegeheim Bethanien Radeland in Berlin-Spandau. Ein Auffangbecken für die Kranken, Alten, die geistig Behinderten – und Abstellkammer jener, die keiner mehr haben will: chronisch psychisch Kranke, Schizophrene, Manisch-Depressive, solche mit Zwangshandlungen, insgesamt 171 an der Zahl.

Die alten Menschen sterben hier. Die geistig Behinderten leben hier. Und die psychisch Kranken vegetieren hier nach einer langen Irrfahrt in den Wahnsinn. Nicht, weil die Heime versagen oder die Pfleger. Sie mühen sich nach Kräften. Das ist zu wenig. Viel zu wenig. In den Gängen riecht es nach Urin, nach Schweiß, nach Trostlosigkeit. Jene, die noch auf ihren Beinen stehen können und nicht in ihren Betten auf den Tod warten, gehen wie ferngesteuert umher. [...]
Quelle und kompletter Text: Tagesspiegel
Tschull 11.03.2013, 19:42#2
AW: Tagesspiegel: Unter Ausschluss

Es ist schon unglaublich, dass es im wohlhabenden Deutschland solche Zustände gibt. Anzunehmen, dass die beschriebene Situation sinnbildlich für die Mehrzahl der deutschen Heime ist, ist sicherlich falsch. (Und auch die Schreibweise des Artikels ist für mich etwas zu emotional, zu fokussiert auf das Erzeugen einer beklemmenden Stimmung.) Aber schon die Tatsache, dass es überhaupt solch tragische Fälle gibt, macht traurig.

Immer wieder muss ich zudem an Janines Erzählungen denken...
Lazarus 12.03.2013, 15:22#3
AW: Tagesspiegel: Unter Ausschluss

Wirklich zu emotional geschildert? Sind diese Geheim-Heime ein Überbleibsel einer geteilten Stadt und wenn ja, warum gibt es diese nach 22 Jahren Wiedervereinigung noch? Warum baut man in Berlin einen Großflughafen, der noch nicht einmal in Betrieb genommen werden kann, feiert riesige jährlich wiederkehrende Befreiungsfeste und in den Heimen vegetieren die Verlierer einer Weltstadt wie Berlin vor sich? Konsum und Verderben liegen nah beieinander. Kennen wir nicht alle das Buch "Christiane F" und denken wir nicht alle, dass es sowas bei unserem heutigen sozialen System gar nicht mehr gibt?

Nackte Tatsachen werden hier ausgebreitet. Es stinkt nach Urin, weil das Geld für eine adäquate Inkontinenzversorgung nicht reicht. Die Menschen entwickeln den wahrhaft erschreckenden "durch einen hindurch schauenden Blick" und warum? Könnte fehlendes deutsch sprechendes Personal die Ursache sein? Oder knapp kalkulierte Kostensätze seitens der Geldgeber, die allenfalls ein Verwahren ermöglichen? Wird diesen Menschen nicht das Lebensrecht abgesprochen? Es wird scheinbar nur noch geduldet, oder?

War das Meinungsbild in den Jahren, wo die Herrenmenschen in Deutschland das Sagen hatten anders? Ist man da nicht genauso mit den Menschen umgegangen? Werden pharmazeutische Versuche nicht weiterhin an Betroffenen durchgeführt? Stinkt es in Pflegeeinrichtungen nach Urin (das ist Fakt! ), weil den Menschen nur abgezählte Windeln zugestanden werden?

Und haben wir nicht schon einmal von so einem Fall gehört, wo ein Mensch fast nackt in einem völlig kahlen Raum mit zugenagelten Fenstern untergebracht war und sich kein Pfleger ihm nähern durfte? Wo nicht nur die Wände mit einem Wasserstrahl mal schnell zwischendurch abgespritzt wurden, damit der Kot nicht so stinkt und es hygienisch einigermaßen vertretbar war? Ist es nicht so, dass dieses der Realität in Deutschland im 21. Jahrhundert ziemlich nahe kommt?

Ist es nicht mutig, wenn eine Tageszeitung solch ein Artikel veröffentlicht?
zippe 13.03.2013, 08:16#4
AW: Tagesspiegel: Unter Ausschluss

Hallo Tschull,

leider muss ich Lazarus Recht geben, und den "leeren Blick" habe ich selbst schon mehrmals gesehen. Und zwar immer in den Einrichtungen, in denen schwerstbehinderte Menschen in homogenen Gruppen untergebracht sind.

Ansonsten empfehle ich Dir, das Thema schon wieder Negativ-Schlagzeilen durchzulesen. Die meisten Links funktionieren zwar nicht mehr, aber einzelne Passagen wurden in den Beiträgen ja zititiert.
Und eine Aussage ist mir seitdem im Gedächtnis geblieben, vermutlich weil meine Große auch betroffen sein könnte.
Zitat:
"Dass aber die Aufsichtsbehörden nicht genauer hinschauten, dass der Heimbetreiber womöglich - woher auch immer - Hinweise auf unangemeldete Heimkontrollen erhielt, das ist erbärmlich. Und das macht Angst. Angst, wie es wohl in vergleichbaren Einrichtungen zugehen mag, aus denen derzeit nichts nach außen dringt."
Tschull 13.03.2013, 11:22#5
AW: Tagesspiegel: Unter Ausschluss

Hallo Ihr zwei,

selbstverständlich glaube ich Euch Eure Eindrücke und kann Eure Befürchtungen nachvollziehen. Mit meinem kurzen Beitrag wollte ich nur ausdrücken, dass der Großteil der Heime sicherlich saubere Arbeit (im Vergleich zu dem beschriebenen Fall) leistet und dass der Artikel durch seine Schreibweise einfach wachrütteln und einzelne Missstände aufzeigen soll, aber nicht verallgemeinert interpretiert werden sollte.

Die Tragik des Falles ist unbestritten. Die Hoffnung, dass darauf reagiert wird, bleibt.
Lazarus 13.03.2013, 11:44#6
AW: Tagesspiegel: Unter Ausschluss

Hallo Tschull,

darf ich dich mal etwas Fragen? Wie viele Wohnheim hast du schon besichtigt und dich dabei gefragt, ob es eine Heimat für dich oder dein Kind werden könnte? Wenn überhaupt, war es eine Alternative für dich oder dein Kind?
Weißt du, wie der personelle Schlüssel der einzelnen Einrichtungen ist und wir reden hier nicht von ABW oder AUW, auch nicht von Wohnheimen, wie sie die Lebenshilfe vielerorts am liebsten betreibt, nämlich Wohnheime für relativ fitte Werkstattgänger, nein wir reden hier von den Schwächsten und den Hilflosen unter uns. Die für die wir den Mund aufmachen und reden. Und da wo die sind, geht keiner freiwillig nachschauen. Soviel Interesse gibt es nicht unter unserer Bevölkerung. Damit will sich keiner identifizieren. Und für die Betroffenen bleibt nur der Rest im Geldtopf. Der Rest des Geldes, der nach Einhaltung und Durchsetzung der Forderungen nach Inklusion noch übrig bleibt. Und langt denn überhaupt das Geld für Inklusion?

Diese Heime gehören sofort geöffnet und die Menschen gehören sofort mitten rein unter die Bevölkerung und in kleine freie adäquat betreute Wohneinheiten. Mittendrin heißt z.B. ins Nachbarhaus einziehen, oder in die Wohnung auf der gleichen Ebene, oder in eine Wohnung ein Stockwerk höher. Das ist Lebensqualität. Diese Menschen sind dort untergebracht, weil sie kein anderer um sich herum haben will.

Es ist doch so, dass Eltern von Werkstatt-Gängern noch nicht einmal wollen, dass ihre Kinder mit Tafö-Gängern in einer Einrichtung leben. Geschweige denn in einer offenen Wohnform. Die lehnen dann die freien Plätze ab.........das ist Realität und fernab von dem von ihnen selbstgeforderten Inklusionsgedanken.
Tschull 13.03.2013, 12:53#7
AW: Tagesspiegel: Unter Ausschluss

Hallo Lazarus,

du ahnst richtig, dass ein Wohnheim unter keinen Umständen für mich geeignet wäre. Wie du aus anderen Beiträgen von mir entnehmen kannst, bin ich sogar ein ziemlich extremer Gegner von Heimen, Sonderschulen etc. und ein knallharter Verfechter von Inklusion.

Dennoch weiß ich, dass Inklusion kein Zustand ist, sondern nur ein Prozess sein kann und zwar ein sehr langwieriger. Leute, die fordern, der Staat müsse angesichts der UN-BRK mit einem Schlag Milliarden von Euro für die Inklusion freimachen, verärgern mich, weil sie in meinen Augen die Realität verkennen. Missstände müssen angesprochen werden, Missstände müssen bekämpft werden, sukzessive und immer wieder. Nur so kann meiner Meinung nach Inklusion funktionieren, mit Hauruck-Aktionen geht da nichts. Findest du nicht auch?

In der Tat kenne ich nur Wohnheime in München und Würzburg. Ich würde sie sicherlich nicht als Optimum einstufen, jedoch als Verbesserung im Vergleich zu vor 20 Jahren und als durchaus annehmbare Wohnform für MmB, die sich selbst oder deren Eltern sich nicht so stark engagieren können.
Der Personalschlüssel ist in jedem Wohnheim miserabel und die medizinische Versorgung meistens suboptimal. Auch ich habe meinen besten Freund durch eine Erkältung verloren, weil in seinem Wohnheim Niemand die Dringlichkeit eines Beatmungsgerätes für ihn erfasst hat.
Von Gestank nach Urin und Kot an den Wänden habe ich allerdings in diesem Zeitungsartikel zum ersten Mal erfahren. Dies ist mir in meinen Heimbesuchen und Gesprächen mit Bewohnern nicht begegnet, daher meine Warnung bezüglich einer Verallgemeinerung.

Also nochmal: Man muss für die Rechte kämpfen, klar! Auch solche Zeitungsartikel sind wichtig, das hatte ich nicht bestritten. Selbst wenn es sich irgendwo um einen Einzelfall handelt, muss man ihn erwähnen. Doch bei all den Mühen darf man nicht vergessen, dass es nicht von jetzt auf dann besser werden kann. Ein Schritt nach dem anderen! Die Integration von Körperbehinderten hat durch die zahlreichen Initiativen schon große Fortschritte gemacht und die Inklusion von Geistig- oder Seelischbehinderten wird auch weiter vorankommen, ganz sicher.

In diesem Sinne
Optimistische Grüße
Julian
gero 13.03.2013, 14:08#8
AW: Tagesspiegel: Unter Ausschluss

Hallo Julian,
Zitat von Tschull
. Ein Schritt nach dem anderen! Die Integration von Körperbehinderten hat durch die zahlreichen Initiativen schon große Fortschritte gemacht und die Inklusion von Geistig- oder Seelischbehinderten wird auch weiter vorankommen, ganz sicher.

leider wird es auf diese Weise nicht funktionieren, denn sobald die (ich nenne sie mal pauschal) "fitten Behinderten" die Großeinrichtungen verlassen haben oder in Wohngruppen mitten in der Gesellschaft wohnen, wird die Inklusion als gelungene Umsetzung gefeiert werden. Diejenigen, die am meisten Unterstützung brauchen, werden dann in den Großeinrichtungen als "Rest" vergesen.

Professor Dörner hat (in Bezug auf Kant) dagegen gesagt "Handle in deinem Verantwortungsbereich so, dass du mit dem Einsatz all deiner Ressourcen stets beim jeweils Letzten beginnst, bei dem es sich am wenigsten lohnt“. Von ihm stammt auch das Zitat "Entweder alle oder keiner".

Auch ich bin der Überzeugung, dass Integration und Inklusion nur gelingen, wenn wir von Anfang an Alle mitnehmen. Ansonsten wird das eine Mogelpackung.