Behindert
Über die Enteignung von Körper und Bewußtsein
AutorIn: Ernst Klee
Themenbereiche: Theoretische Grundlagen
Schlagwörter: Stigmatisierung, Eltern, Gesellschaft, Selbstbestimmung, Sexualität, Entwicklung, Begleitung, Ethik, Behindertenarbeit, Behindertendefinition, Diskriminierung, Isolation, Sterbehilfe, Kritik, Normalisierung, Gleichstellung, Geschichte, Heim, Psychologie, Gewalt, Erwachsenenbildung, Euthanasie, Selbstbestimmt Leben
Textsorte: Buch
Releaseinfo: Erschienen in: S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 1980, http://www.s-fischer.de/
Copyright: © S. Fischer Verlag 1980
Hier findet Ihr Ausführliches zum Buch:
http://bidok.uibk.ac.at/library/klee-behindert.html#id303304
Über die Enteignung von Körper und Bewußtsein
AutorIn: Ernst Klee
Themenbereiche: Theoretische Grundlagen
Schlagwörter: Stigmatisierung, Eltern, Gesellschaft, Selbstbestimmung, Sexualität, Entwicklung, Begleitung, Ethik, Behindertenarbeit, Behindertendefinition, Diskriminierung, Isolation, Sterbehilfe, Kritik, Normalisierung, Gleichstellung, Geschichte, Heim, Psychologie, Gewalt, Erwachsenenbildung, Euthanasie, Selbstbestimmt Leben
Textsorte: Buch
Releaseinfo: Erschienen in: S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 1980, http://www.s-fischer.de/
Copyright: © S. Fischer Verlag 1980
Es gibt eine Untersuchung, wonach 90 Prozent der Bevölkerung nicht wissen, wie sie sich Behinderten gegenüber verhalten sollen, wonach 63 Prozent der Bevölkerung Behinderte ins Heim verbannen und 56 Prozent der Bevölkerung mit Behinderten nicht unter einem Dach wohnen wollen.[2] Ich habe mich immer gewundert, wie inbrünstig Politiker diese Untersuchung zitieren. In der praktischen Arbeit - in Verhandlungen mit Politikern und Behörden - wurde mir klar, welche Funktion solche Zitate haben: "Wir würden ja gerne etwas für die Behinderten tun", heißt es, "aber die Bevölkerung ist dagegen."
Jetzt verstand ich die Inbrunst, mit der sie diese erschreckenden Zahlen rezitierten: Sie kommen ihnen entgegen, nichts tun zu müssen. Es ist bequem, auf die behindertenfeindliche Einstellung der Bevölkerung hinzuweisen. Dabei fallen Vorurteile nicht vom Himmel.[3] Einstellungen gegen Behinderte haben eine lange Geschichte und basieren auf politischen Entscheidungen: Wenn man Behinderte in Sondereinrichtungen isoliert, kann sich ernsthaft wohl niemand wundern, daß 90 Prozent der Bevölkerung nicht wissen, wie sie sich Behinderten gegenüber verhalten sollen. Wo sollten sie den Umgang denn gelernt haben!
"Berkson (1973) beobachtete, daß behinderte Affenkinder selbst unter ungünstigen sozialen Bedingungen nicht getötet, sondern von der Gruppe besonders aktiv unterstützt wurden. In die gleiche Richtung weisen Ergebnisse experimenteller Untersuchungen, die Rumbaugh (1965) durchführte. Sowohl ein totgeborenes wie ein (experimentell) körperbehindertes Affenkind wurden von der Mutter und den anderen Mitgliedern der Gruppe aufopferungsvoll gepflegt. Ganz offenkundig erfolgte hier eine Anpassung an die durch das Ereignis veränderten Bedingungen.
Angesichts dieser Tatsachen müssen wir davon ausgehen, daß negative Reaktionen auf physische Abweichungen im wesentlichen eine auf die menschliche Spezies beschränkte Verhaltensform sind."
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http://bidok.uibk.ac.at/library/klee-behindert.html#id303304


