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Behinderung

rosifi 22.05.2012, 11:14#1
Behindert
Über die Enteignung von Körper und Bewußtsein

AutorIn: Ernst Klee
Themenbereiche: Theoretische Grundlagen
Schlagwörter: Stigmatisierung, Eltern, Gesellschaft, Selbstbestimmung, Sexualität, Entwicklung, Begleitung, Ethik, Behindertenarbeit, Behindertendefinition, Diskriminierung, Isolation, Sterbehilfe, Kritik, Normalisierung, Gleichstellung, Geschichte, Heim, Psychologie, Gewalt, Erwachsenenbildung, Euthanasie, Selbstbestimmt Leben
Textsorte: Buch
Releaseinfo: Erschienen in: S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 1980, http://www.s-fischer.de/
Copyright: © S. Fischer Verlag 1980
Es gibt eine Untersuchung, wonach 90 Prozent der Bevölkerung nicht wissen, wie sie sich Behinderten gegenüber verhalten sollen, wonach 63 Prozent der Bevölkerung Behinderte ins Heim verbannen und 56 Prozent der Bevölkerung mit Behinderten nicht unter einem Dach wohnen wollen.[2] Ich habe mich immer gewundert, wie inbrünstig Politiker diese Untersuchung zitieren. In der praktischen Arbeit - in Verhandlungen mit Politikern und Behörden - wurde mir klar, welche Funktion solche Zitate haben: "Wir würden ja gerne etwas für die Behinderten tun", heißt es, "aber die Bevölkerung ist dagegen."

Jetzt verstand ich die Inbrunst, mit der sie diese erschreckenden Zahlen rezitierten: Sie kommen ihnen entgegen, nichts tun zu müssen. Es ist bequem, auf die behindertenfeindliche Einstellung der Bevölkerung hinzuweisen. Dabei fallen Vorurteile nicht vom Himmel.[3] Einstellungen gegen Behinderte haben eine lange Geschichte und basieren auf politischen Entscheidungen: Wenn man Behinderte in Sondereinrichtungen isoliert, kann sich ernsthaft wohl niemand wundern, daß 90 Prozent der Bevölkerung nicht wissen, wie sie sich Behinderten gegenüber verhalten sollen. Wo sollten sie den Umgang denn gelernt haben!
"Berkson (1973) beobachtete, daß behinderte Affenkinder selbst unter ungünstigen sozialen Bedingungen nicht getötet, sondern von der Gruppe besonders aktiv unterstützt wurden. In die gleiche Richtung weisen Ergebnisse experimenteller Untersuchungen, die Rumbaugh (1965) durchführte. Sowohl ein totgeborenes wie ein (experimentell) körperbehindertes Affenkind wurden von der Mutter und den anderen Mitgliedern der Gruppe aufopferungsvoll gepflegt. Ganz offenkundig erfolgte hier eine Anpassung an die durch das Ereignis veränderten Bedingungen.

Angesichts dieser Tatsachen müssen wir davon ausgehen, daß negative Reaktionen auf physische Abweichungen im wesentlichen eine auf die menschliche Spezies beschränkte Verhaltensform sind."




Hier findet Ihr Ausführliches zum Buch:
http://bidok.uibk.ac.at/library/klee-behindert.html#id303304
zippe 22.05.2012, 14:20#2
AW: Behinderung

Liebe Rosmarie,

danke für diesen Artikel, der sehr erschreckend, aber bestimmt auch sehr realistisch ist :-(
rosifi 22.05.2012, 17:44#3
AW: Behinderung
Zitat von zippe
Liebe Rosmarie,

danke für diesen Artikel, der sehr erschreckend, aber bestimmt auch sehr realistisch ist :-(

Hallo Zippe,

ja, vielleicht ist der Artikel/das Buch erschreckend. Aber erst wenn einem bewußt wird, wie "unterschwellig" behindertenfeindlich unsere Gesellschaft noch immer ist, kann man dazu beitragen, dass sich die Situation für Menschen mit Behinderung bessert.

Dieser Teil hat mich besonders berührt:
7. Entmündigung im Namen der Pflege: Heime

Behindertenheime sind wie Gefängnisse. Die Heimleitung regelt die Bedürfnisse genauso rigoros wie die Gefängnisleitung, sie bestimmt, was für den Bewohner gut oder schlecht ist, förderlich oder schädlich. Im Heim sind die Zimmer nur von außen abzuschließen und nicht selten auch von außen einzusehen - bei der Gefängniszelle ist das nicht anders, nur daß hier dicke Riegel und Schlösser einen Fluchtversuch verhindern. Behinderte flüchten nicht. Sie sind auf Hilfe angewiesen. Das ist der Unterschied: Im Heim geschieht die Entmündigung im Namen der Pflegebedürftigkeit, im Gefängnis wird sie mit der Gefährlichkeit und Sozialschädlichkeit der Eingesperrten legitimiert.

Heimordnungen und Gefängnisordnungen unterscheiden sich graduell. Aber auch im Behindertenheim wird der Tagesablauf von der Heimleitung und nicht von den Bewohnern bestimmt. Aufstehzeiten, Essenszeiten (in der Regel wird zu völlig anormalen Zeiten gegessen), Besuchsregelungen, Schlafenszeiten setzt die Anstaltsleitung fest und wie im Knast ist Sexualität verboten. Das alles geschieht natürlich nur zum Besten der Schützlinge, denn sie müssen geschont werden. Wer Pflege braucht, wird rechtlos. Und obgleich Behinderte, die im Heim leben müssen, sich gegen kein Gesetz vergangen haben, durch kein Gericht verurteilt wurden, werden ihre Rechte auf Entfaltung der Persönlichkeit resolut eingeengt.

Behinderte Heimbewohner sind zwar durch kein Gericht verurteilt, aber sie haben sich gegen ein ungeschriebenes Gesetz vergangen: Sie haben nur eine eingeschränkte oder gar keine Arbeitskraft, sie produzieren nichts, sie leben nur. Der Heimaufenthalt, die Internierung in Anstalten, weit außerhalb der Sozialgemeinschaft, ist die Strafe.

Das zeigt doch, dass wir noch immer nicht soweit sind, die Rechte unserer behinderten Mitbürger zu wahren. Der dreisteste Satz, der mir in den letzten Tagen zu Ohren gekommen ist: "Auch in Heimen kann man inklusiv leben". :wand:
miau 23.05.2012, 09:55#4
AW: Behinderung

Hallo Rosi,

hast du das Buch gelesen? Nach den Zitaten ist es noch offenkundiger realistischer geschrieben, als das Buch, das ich gerade lese. Darin geht es nur in Ausschnitten davon, wie ein schwerst-behinderter Mensch ohne Sprache "gepflegt" wird.

Ich werde mir das Buch durchlesen, und bin gespannt.

viele Grüße Micha
rosifi 23.05.2012, 10:44#5
AW: Behinderung

Hallo Micha,

ich weiss nicht, ob im Buch sehr viel mehr steht, als man
unter dem Link nachlesen kann:

http://bidok.uibk.ac.at/library/klee-behindert.html#id303304

Ich hoffe, Du kannst ihn aufrufen, denn ganz einwandfrei funktioniert er nicht .
Nach den Zitaten ist es noch offenkundiger realistischer geschrieben, als das Buch, das ich gerade lese. Darin geht es nur in Ausschnitten davon, wie ein schwerst-behinderter Mensch ohne Sprache "gepflegt" wird.

Wie heißt denn das Buch, das Du gerade liest?
miau 23.05.2012, 19:16#6
AW: Behinderung

Hallo rosi,

Das Buch werde ich noch extra vorstellen. Ich hatte es in einem anderen Thread schon mal erwähnt.

Bitte noch um ein bisschen Geduld. Danke.

Micha
miau 24.05.2012, 09:53#7
AW: Behinderung

Verleugnung der Behinderung

Zitate daraus:
Eine Technik, die Behinderung des Kindes zu leugnen, ist die, es zu verstecken. Immer noch leben Kinder, die vor der Umwelt versteckt werden,...

in dem Absatz geht es weiter mit "zu Hause". Heute werden sie "in Heimen" versteckt. Weit weg von zu Hause, damit ja keiner sieht, dass doch nicht alles perfekt ist.
Die einfachste Möglichkeit, allen Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen, ist dann die, die Behinderung aus dem Bewußtsein zu vertreiben, zu verdrängen, die Behinderung möglichst zu leugnen.

und so passt dieser Satz dann auch hierher. Ist der Behinderte fort, brauche ich mich ihr/ihm nicht wirklich zu stellen. Dann habe ich ein gutes Alibi. Und kann mich wieder darin "schwelgen" perfekt zu sein. (Perfekt = heil, ganz, gesund, ohne Makel)
Ich habe diesen Fall ausgesucht, weil er die Verlogenheit der Diskussion zeigt: Die Umwelt läßt die Eltern mit ihren Problemen allein, die Behörden tun nichts, aber die Schuldigen sollen dann die Eltern sein.

Das Beispiel war zwar extrem, es gibt auch feiner Abstufungen, womit die Eltern alleine gelassen werden. Ihnen wird sogar suggeriert, geholfen zu werden. Wie die Hilfe dann tatsächlich aussieht, darüber muss man dann schweigen, wenn es nicht so klappt, wie gewünscht.
Überbehütung, sagen viele Pädagogen und Psychologen, ist eine Form der Ablehnung des Behinderten. Die feindseligen Gefühle gegen das behinderte Kind, mögen sie noch so weit verdrängt sein, werden dem Gewissen gemeldet. Das Gewissen, als Instanz des Über-Ich, als Kontrollorgan der gelernten Normen, weiß, daß es falsch handelt und versucht die Fehlhandlungen auszugleichen. Es will den Schaden wiedergutmachen und dem Kind auch quantitativ zurückgeben, was ihm an Schaden zugefügt wurde - also übermäßig. Schuldgefühle werden durch übermäßige Zuwendung erstickt. Damit wird das Gewissen beruhigt: Ich tue ja alles für das Kind, was willst du Gewissen denn, du hast eine Falschmeldung bekommen, wenn du denkst, ich würde mein Kind ablehnen.

Diesen Absatz kann ich aus verschiedener Sichtweise lesen:
a) ich stimme ihm zu und erkenne meine Feindseligkeit meiner Tochter gegenüber in meinerÜberbehütung
b) wo werden Behinderte tatsächlich überbehütet? In Schulen und Heimen (kommt auf die Schwere der Behinderung an). Daraus kann ich die Feindseligkeit der Betreuer folgern, weil sie ja "etwas gutes" tun, aus einem Helfer-Syndrom heraus. Daraus entsteht jedoch weit mehr Schaden, als gewünscht.
c) Ich lehne diese Überlegungen komplett ab.
Ich habe mich oft gewundert: Eltern klagen über die Behinderung ihres Kindes häufig so herzzerreißend, daß man glaubt, sie seien behindert, sie seien blind, gehörlos, querschnittgelähmt, hätten Spasmen oder einen Wasserkopf. Es sind die Gefühle der Eltern, die in die Kinder hineingedrängt werden, projiziert werden. Die Kinder sehen sich selbst gar nicht so wehleidend. Eltern vergrößern unbewußt die Leiden ihrer Kinder, um die eigene Ablehnung plausibel zu machen. Dies ist kein bewußter Vorgang.

Darin finde ich mich wieder: Ich klage, und bekomme gesagt, es läge alles an mir selbst.
wir müssen Möglichkeiten schaffen, über alles frei reden zu können, offen zu werden, Schuldgefühle aufzuarbeiten und auch in schwierigen Situationen ichbestimmt zu handeln (ichbestimmt sind diese Schuldgefühle nicht, sie werden den Eltern aufgedrängt).

und dann diesesr Wunsch. Wie soll das denn gehen, wenn die Eltern abgefertigt werden wie in dem Zitat zuvor? Ich glaube, langsam verstehe ich, warum Eltern kaum über die Behinderung ihrer Kinder reden (können). Weil sie dann auch so abgefertigt werden, wie ich. Und damit mundtot gemacht werden.

Wenn ich die schwere Behinderung meiner Tochter annehmen möchte, dann muss ich drüber sprechen können und auch fühlen dürfen, wie es mir geht. Doch das ist heute auch noch verboten (nicht überall, zum Glück).

Micha
rosifi 30.05.2012, 11:37#8
AW: Behinderung

Hallo Micha,

Deine Gedanken zu diesem Buch haben mir sehr gut gefallen.
Überbehütung, sagen viele Pädagogen und Psychologen, ist eine Form der Ablehnung des Behinderten. Die feindseligen Gefühle gegen das behinderte Kind, mögen sie noch so weit verdrängt sein, werden dem Gewissen gemeldet. Das Gewissen, als Instanz des Über-Ich, als Kontrollorgan der gelernten Normen, weiß, daß es falsch handelt und versucht die Fehlhandlungen auszugleichen. Es will den Schaden wiedergutmachen und dem Kind auch quantitativ zurückgeben, was ihm an Schaden zugefügt wurde - also übermäßig. Schuldgefühle werden durch übermäßige Zuwendung erstickt. Damit wird das Gewissen beruhigt: Ich tue ja alles für das Kind, was willst du Gewissen denn, du hast eine Falschmeldung bekommen, wenn du denkst, ich würde mein Kind ablehnen.

Ich kann schon mit dem Begriff "Überbehütung" nicht viel anfangen. geschweige denn, was man dann daraus schließt.
Eltern haben meist ein sehr gutes Gefühl dafür, wann und wo ihr Kind Fürsorge, Zuwendung, Liebe und Schutz braucht. Nur wird einem diese Elternkompetenz von Fachleuten oft schon im Frühförderalter unserer Kinder abgesprochen.
Aber es gibt auch die Pädagogen, Therapeuten und Psychologen, die die Eltern in ihrer Erziehungsaufgabe stützen und stärken.
In der Entwicklungsneurologie der LMU in München haben wir solche Fachleute gefunden.