Eingeschränkte BewegungsbilderQuelle und kompletter Text: jungle world
Anmerkungen zum neuerlichen Boom der Behindertenfilme
von Georg Seeßlen
Der japanische Dichter Kenzaburo Ôe, Vater eines geistig behinderten Sohnes, hat sich in seinen Arbeiten immer wieder mit der Frage beschäftigt, was der Umgang mit Behinderten über Kulturen und Gesellschaften aussagt. Seine große These lautet, grob gesagt, dass man den Charakter einer Gesellschaft an ihrem Umgang mit Minderheiten, Randgruppen und Behinderten genauer als an allem anderen erkennen könne. Es geht am Ende nicht um die Großzügigkeit des Mainstream, nicht um Mitleid, nicht um Integration, es geht vielmehr darum zu erkennen, dass es Behinderte nicht gibt. Es gibt nur Menschen. [....]
Wahrhaftige Filme über Behinderungen würden demnach zunächst nicht von Familien und Freundschaften, von Ängsten und Sehnsüchten, von Bewährungen und Versöhnungen handeln, sondern von alltäglichen, zermürbenden Kämpfen mit Bürokraten, von heimtückischen Formularen, von medizinischen Maschinerien ohne Empfindung, von einer Politik fortgesetzter Heuchelei, von ökonomischer Ausbeutung und neuerlicher Ausgrenzung: Beim Geld hört im Neoliberalismus institutionelle »Behindertenfreundlichkeit« auf (das heißt: sie fängt sehr häufig gar nicht erst an). Daher gehen die intimistischen Trost-Angebote der meisten Behindertenfilme, auch was dies anbelangt, an der Wirklichkeit vorbei. [....]
