Voller FürsorgeQuelle und kompletter Text: Tagesspiegel
Unser Umgang mit behinderten Menschen hat sich stark verändert und geöffnet. Glauben wir. Stimmt das wirklich? Tatsächlich behindern wir diejenigen, die wir für behindert halten und denen wir unsere Fürsorge unter die Nase reiben wie einen gültigen Fahrschein. [...]
Voller Fürsorge
Keine Selbstbestimmung ohne Fürsorge
Hallo zusammen,
mein Eindruck: für die "fitten Behinderten" scheint "Fürsorge" das absolute Reizwort zu sein. Aber ich sehe den Artikel genau deshalb sehr zwiespältig.
Auf der einen Seite finde ich ihn absolut hervorragend, weil er wirklich die "Normalität der Behinderung" darstellt.
Auf der anderen Seite fehlen mir Menschen wie meine Tochter, die komplett auf fremde Hilfe angewiesen sind. Nennt sich das Fürsorge (= für jemanden sorgen)?
Es gibt einen Artikel von Prof. Klaus Dörner. Er trifft meine Ansichten schon sehr deutlich, und er kann meine Gedanken besser und vor allem feinsinniger formulieren als ich selbst.
Besonders gut gefällt mir:
Quelle und kompletter Text: Keine Selbstbestimmung ohne Fürsorge
Hallo zusammen,
mein Eindruck: für die "fitten Behinderten" scheint "Fürsorge" das absolute Reizwort zu sein. Aber ich sehe den Artikel genau deshalb sehr zwiespältig.
Auf der einen Seite finde ich ihn absolut hervorragend, weil er wirklich die "Normalität der Behinderung" darstellt.
Auf der anderen Seite fehlen mir Menschen wie meine Tochter, die komplett auf fremde Hilfe angewiesen sind. Nennt sich das Fürsorge (= für jemanden sorgen)?
Es gibt einen Artikel von Prof. Klaus Dörner. Er trifft meine Ansichten schon sehr deutlich, und er kann meine Gedanken besser und vor allem feinsinniger formulieren als ich selbst.
Besonders gut gefällt mir:
[...] Denn hier stellt sich schnell heraus, dass die Wirklichkeit nicht nur aus den Extremvarianten der Selbstbestimmungsfähigkeit oder der Fürsorge-Abhängigkeit besteht, und dass vielmehr sowohl der absolut selbstbestimmte Körperbehinderte bei der Katheterpflege oder der Dekubitusprophylaxe zum Objekt meiner Fürsorge wird als auch umgekehrt meine Wachkoma-Enkeltochter mittels dreier Muskelpartien ihren Selbstbestimmungsanspruch durchaus zum Ausdruck bringen konnte. [...]
Quelle und kompletter Text: Keine Selbstbestimmung ohne Fürsorge
AW: Voller Fürsorge
Hallo Inge,
oben habe ich mal aus Herrn Dörner´s Text zwei Passagen kopiert, die mir besonders aufgefallen sind. Ich kenne diese Argumente zuhauf: "Der Behinderte möchte selbständig leben." sagen Eltern von schwerer Behinderten.
Und ich kann es bestätigen: Meine Tochter möchte auch eine Bedeutung haben. Nur haben das außenstehende noch nicht kapiert. Weil sie sich ja so verhalten wie im ersten Artikel: "Ich habe nichts gegen Behinderte." und dann sind sie auch schon weg. (fluchtartig heißt es im Artikel)
Seit immer mehr Wohnheime geschaffen werden, geht es rückwärts mit der Integration und mit der Akzeptanz durch nicht-Behinderte. So meine Beobachtung. (Aber diese kann auch sehr subjektiv gefärbt sein.)
Danke für die Artikel. Micha
... Als ich diese meine Aufklärerin nach 25 Jahren Heimaufenthalt erstmals
in ihrer neuen Wohnung besuchte, sie begeistert von ihrer lange
vermissten und jetzt wiedergewonnenen Selbstbestimmung schwärmte
und dann aber doch monierte, dass immer noch etwas fehle, antwortete
sie mir auf meine durchaus befremdete Anfrage: "Leben Sie mal in einer
zwar so schönen Wohnung, aber nicht nur Tage und Wochen, sondern
Monate und vielleicht Jahre - immer nur allein mit ihrer Selbstbestimmung!"
... Denn grundsätzlich alle Menschen wollen einerseits natürlich Selbstbestimmung.
Aber andererseits wollen alle Menschen ebenso grundsätzlich
über das Zugehörigsein der Teilhabe auch: Bedeutung für Andere, für Andere
da sein, für Andere notwendig sein, sich durch Arbeit, vielleicht auch
nur stundenweise, verwirklichen, Anderen, z. B. Nachbarn, helfen, sich mit
Anderen belasten, von Anderen fremdbestimmt oder abhängig sein, für
Andere sorgen, selbst fürsorgen - zwar von alledem nicht zu viel, aber
doch so viel, um sich als Mensch ausgeglichen, ausgelastet und daher
gesund zu fühlen, ungeachtet des Grades der Behinderung oder NichtBehinderung....
Hallo Inge,
oben habe ich mal aus Herrn Dörner´s Text zwei Passagen kopiert, die mir besonders aufgefallen sind. Ich kenne diese Argumente zuhauf: "Der Behinderte möchte selbständig leben." sagen Eltern von schwerer Behinderten.
Und ich kann es bestätigen: Meine Tochter möchte auch eine Bedeutung haben. Nur haben das außenstehende noch nicht kapiert. Weil sie sich ja so verhalten wie im ersten Artikel: "Ich habe nichts gegen Behinderte." und dann sind sie auch schon weg. (fluchtartig heißt es im Artikel)
Seit immer mehr Wohnheime geschaffen werden, geht es rückwärts mit der Integration und mit der Akzeptanz durch nicht-Behinderte. So meine Beobachtung. (Aber diese kann auch sehr subjektiv gefärbt sein.)
Danke für die Artikel. Micha
AW: Voller Fürsorge
Hallo zusammen,
meine Bedenken gehen dahin, dass viele behinderte Menschen, die Selbstbestimmung - zu Recht! - vehement einfordern und Fürsorge genau so vehement ablehnen, leider nicht an die Menschen mit schweren und mehrfachen Behinderungen denken.
Deshalb habe ich die Befürchtung, dass dadurch neue Begriffe wie Teilhabe, Inklusion und Selbstbestimmung – bewusst oder unbewusst - falsch interpretiert und dazu missbraucht werden, um die (finanzielle) Unterstützung für Menschen mit Behinderung zu reduzieren oder zu verweigern.
Denn Selbstbestimmung darf nicht so (fehl-)gedeutet werden, dass hilfsbedürftige Menschen sich selbst überlassen werden, oder dass sie keine Beschränkungen und keinen Halt mehr erfahren.
Und gewisse Beschränkungen sind einfach nötig, um in einer Gemeinschaft leben zu können – obwohl ich gut verstehen kann, dass meine Tochter sich dagegen auflehnt (mir passen diese Beschränkungen und die Rücksichtnahme ja auch nicht immer).
Hallo zusammen,
meine Bedenken gehen dahin, dass viele behinderte Menschen, die Selbstbestimmung - zu Recht! - vehement einfordern und Fürsorge genau so vehement ablehnen, leider nicht an die Menschen mit schweren und mehrfachen Behinderungen denken.
Deshalb habe ich die Befürchtung, dass dadurch neue Begriffe wie Teilhabe, Inklusion und Selbstbestimmung – bewusst oder unbewusst - falsch interpretiert und dazu missbraucht werden, um die (finanzielle) Unterstützung für Menschen mit Behinderung zu reduzieren oder zu verweigern.
Denn Selbstbestimmung darf nicht so (fehl-)gedeutet werden, dass hilfsbedürftige Menschen sich selbst überlassen werden, oder dass sie keine Beschränkungen und keinen Halt mehr erfahren.
Und gewisse Beschränkungen sind einfach nötig, um in einer Gemeinschaft leben zu können – obwohl ich gut verstehen kann, dass meine Tochter sich dagegen auflehnt (mir passen diese Beschränkungen und die Rücksichtnahme ja auch nicht immer).
AW: Voller Fürsorge
Hallo Inge,
eigentlich müsste ich jetzt neidisch sein, denn ich kann mein Leben nicht alleine selbstbestimmen. Ich muss mich an Regeln und Gesetze halten. Ich muss mich einschränken, um mit anderen Menschen Kontakt zu halten oder Freundschaft zu pflegen.
Irgendwie werden Behinderte Menschen auf besonders andere Art behandelt. Und daran sollen sie sich noch erfreuen und dankbar sein.
Zum Glück gibt es noch andere, die sich mal kritisch mit dem behinderten Menschen und allem Drumherum auseinander setzen.
lg Micha
Hallo Inge,
eigentlich müsste ich jetzt neidisch sein, denn ich kann mein Leben nicht alleine selbstbestimmen. Ich muss mich an Regeln und Gesetze halten. Ich muss mich einschränken, um mit anderen Menschen Kontakt zu halten oder Freundschaft zu pflegen.
Irgendwie werden Behinderte Menschen auf besonders andere Art behandelt. Und daran sollen sie sich noch erfreuen und dankbar sein.
Zum Glück gibt es noch andere, die sich mal kritisch mit dem behinderten Menschen und allem Drumherum auseinander setzen.
lg Micha
AW: Voller Fürsorge
Hallo Micha,
Hallo Micha,
genau so sehe ich das auch. Und ich deute Selbstbestimmung auch nicht so, dass ich tun kann was ich will. Persönliche Freiheit besteht für mich darin, dass ich das will, was ich tue. Und dass mich niemand zwingen kann, etwas zu tun, was ich nicht will. Hmmm... ist ein bisschen wirrZitat von miaueigentlich müsste ich jetzt neidisch sein, denn ich kann mein Leben nicht alleine selbstbestimmen. Ich muss mich an Regeln und Gesetze halten. Ich muss mich einschränken, um mit anderen Menschen Kontakt zu halten oder Freundschaft zu pflegen.

AW: Voller Fürsorge
Hallo Inge,
sehe ich ähnlich.
Nur wer kann mir sagen, was meine schwerst-behinderte Tochter wirklich will, wenn sie sich nur mit Körpersprache ausdrücken kann? Es ist alles Vermutung und jeder Erwachsene wird wohl was anderes sehen.
Viele Grüße Micha
Hallo Inge,
sehe ich ähnlich.
Nur wer kann mir sagen, was meine schwerst-behinderte Tochter wirklich will, wenn sie sich nur mit Körpersprache ausdrücken kann? Es ist alles Vermutung und jeder Erwachsene wird wohl was anderes sehen.
Viele Grüße Micha
AW: Voller Fürsorge
Hallo Micha,
wichtig ist in erster Linie die Bereitschaft, sich auf die "fremde Sprache" einzulassen. Das ist der erste große Schritt, auch wenn es dann doch noch zu (bewussten oder unbewussten) Fehldeutungen oder - wie Dörner beschrieben hat - zu Manipulationen kommt.
Wir müssen uns dieser Risiken bewusst sein, dürfen uns davon aber nicht abhalten lassen, Selbstbestimmung und Fürsorge selbst vorzuleben und von anderen Menschen einzufordern.
Hallo Micha,
wichtig ist in erster Linie die Bereitschaft, sich auf die "fremde Sprache" einzulassen. Das ist der erste große Schritt, auch wenn es dann doch noch zu (bewussten oder unbewussten) Fehldeutungen oder - wie Dörner beschrieben hat - zu Manipulationen kommt.
Wir müssen uns dieser Risiken bewusst sein, dürfen uns davon aber nicht abhalten lassen, Selbstbestimmung und Fürsorge selbst vorzuleben und von anderen Menschen einzufordern.
