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Artikel im Spiegel zur Spätabtreibung

Inge 29.03.2010, 08:14#1
[....] Mama Simone ist nicht die Frau, die Tim geboren hat. Papa Bernd ist nicht sein leiblicher Vater. Sie sahen ihren Sohn zum ersten Mal vor zwölf Jahren, auf einer Frühchenstation. Kurz vor Weihnachten rief das Jugendamt an: "Wir suchen Pflegeeltern für einen Säugling." Nicht für irgendeinen Säugling.
Tim hatte seine eigene Abtreibung überlebt. [...]

Quelle: Spiegel-Online
**Claudia** 29.03.2010, 09:33#2
AW: Artikel im Spiegel zur Spätabtreibung

Danke für den berührenden Artikel.

Es ist gut, dass Tim lebt und seine Geschichte immer wieder aufzeigt, was "ein paar Zellenklumpen" sind, die man getrost abtreiben darf, wenn sie nicht "richtig funktionieren" --- so wie es ja sehr gerne suggeriert wird.

Was mich noch interessiert:
wie wurde eigentlich die Mutter beraten?

Wurden ihr jemals Möglichkeiten aufgezeigt, welche Unterstützung sie mit ihrem Sohn erhalten kann?
Bierchen 19.06.2010, 17:08#3
AW: Artikel im Spiegel zur Spätabtreibung

Aufgrund des aktuellen Zeitungsartikels in der Süddeutschen bin ich hier auf diesen Artikel gestoßen. Oh Mann, das hat mich jetzt wirklich zu Tränen gerührt.
Dass sich dann eine Familie explizit für ein behindertes Pflegekind entscheidet, da zolle ich soviel Respekt, das macht mich wirklich sprachlos. ***Claudia***, Dir gegenüber auch!
Kirsten 25.06.2010, 00:36#4
AW: Artikel im Spiegel zur Spätabtreibung

Hallo miteinander,

eigentlich wollte ich längst im Bett sein. Aber neugierig wie immer, habe ich noch mal ein wenig im Forum gestöbert, was es denn so Neues gibt. Jetzt habe ich deinen Beitrag entdeckt, liebe Inge und bin ganz schön am grübeln.

Ich bin mir nicht sicher,ob es nicht der Fall Tim war, der auch schon einmal in der Lebenshilfe Zeitung stand. All die Jahre habe ich an dieses beschriebene Kind denken müssen und vor allem habe ich mich immer wieder gefragt, wie die Mutter dieses Trauma verkraftet hat. - Sie hat es nicht und was der Vater dabei für eine Rolle gespielt hat, geht aus dem Artikel nicht hervor. Es war einfach nur die Mutter, die verzweifelt war und gar nicht erst das Kind bekommen wollte und dann bis in den Tod hinein mit der Entscheidung überhaupt nicht fertig wurde.

Spätabtreibung - letzthin im Fernsehen war in einem Bericht zu sehen, dass Frauen, die im Krieg vergewaltigt wurden, auch das Recht auf Spätabteibung hatten. Eine Frau beschrieb es auch so, dass man einfach gezwungen war, das Kind abzutreiben. Sie hatten lange Bedenkzeit und eben das Recht auf eine Abtreibung. Wollten sie gesellschaftlich nicht ausgegrenzt sein, entschieden sie sich auch zum Teil schweren Herzens dazu. Die Frau von damals hat es auch bitter bereut. Sie konnte keine weiteren Kinder bekommen.

Die Kriterien, die ausschlaggebend für die Erlaubnis einer Spätabtreibung sind, wer legt diese denn mit was für ein Gewissen fest? Wer trägt die Verantwortung und wer wird bei Reue zur Rechenschaft gezogen? Wann fängt vorsätzlicher Todschlag an? Berät der Frauenarzt die Mutter und sie bekommt das Kind, vielleicht auch gegen ihren inneren Willen, verklagt sie ihn, weil sie das Kind bekommen hat. Sie verklagt ihn, weil ihr Kind lebt,einen Anspruch hat, das Leben -sein Leben- mit ihr zu teilen. Berät der gleiche Arzt die Frau, dass Kind nicht zu bekommen, das Kind als Spätabtreibung aber überlebt, verklagt die Frau den Arzt, weil das Kind lebt, aber nicht bei ihr und mit ihr.

Eine Abtreibung, auch eine ganz frühe Abtreibung hinterlässt sicher immer irgendwelche Spuren im Leben einer Frau. Spätestens, wenn man im Alter zurück denkt und sich fragt, was wäre gewesen, wenn......... - das hätten wir doch auch geschafft.
Eine Spätabtreibung, egal aus welchem Grund, ein vielleicht lebensfähiges Kind abzutreiben, das vielleicht erst nach langen Qualen stirbt, oder auch überlebt, aber mit noch mehr Einschränkungen, als es sowieso schon als Prognose hatte, kann man so etwas je mit seinem Gewissen verkraften?

Das Leben mit einem behinderten Kind ist bestimmt nicht das, was sich werdende Eltern so mal vorstellen. Es verändert auch alles im Leben und bringt Leid, aber auch viel Freude mit sich. Es hat sich entschieden bei mir, in meinem Bauch zu wachsen, weil es leben will, genau wie alle anderen Menschen, die mal so im Bauch angefangen haben, zu leben. Warum wird der Wert behinderter Menschen immer so auf den Prüfstand gestellt? Wer gibt sich das Recht zu glauben, diese Menschen fühlen keinen Schmerz, kein Leid, keine Wärme, keine Kälte, keine Ausgrenzung?

Wie drücke ich den Wert eines Menschen aus?

Es grüßt eine sehr nachdenkliche Mutter eines gesunden Sohnes und eines schwerstmehrfachbehinderten Sohnes, die für beide von der ersten Minute, wo sie wusste, dass ein Leben in ihr wächst, bis heute ganz und gar, voll und ganz und mit inniger Liebe da ist.

Kirsten
Inge 25.06.2010, 07:57#5
AW: Artikel im Spiegel zur Spätabtreibung

Hallo zusammen,

Tim ("Das Oldenburger Baby") ist bei dem Thema Spätabtreibung wohl der bekannteste "Fall".
Noch mehr Infos (leider nicht mehr aktuell) gibt es auf der HP Tim lebt
Bierchen 25.06.2010, 23:35#6
AW: Artikel im Spiegel zur Spätabtreibung

Hallo Kirsten, hallo zusammen,

auch ich war überrascht, dass mir in der 21. SSW noch ein Schwangerschaftsabbruch "angeboten" wurde. Die Begründung war wohl, dass meine Gesundheit durch ein sehr hohes Infektionsrisiko sehr gefährdet war. Natürlich wurde mir die drohende Behinderung der Kinder ebenfalls dargelegt. Aber ehrlich gesagt dachte ich vorher immer, man dürfe nur auf Grund einer Behinderung so spät gar nicht abtreiben.
Begründet werden Spätabtreibungen wohl mit der Gefährdung der Mutter, in irgend einer Hinsicht. Vielleicht sollte man sich mehr Gedanken machen, wie gefährdet die Mutter NACH einer solchen Abtreibung ist.

Ich habe in den 3 Monaten, die ich jetzt schon ins Krankenhaus gehe, verschiedene Frauen kennengelernt, die schwer kranke und behinderte Kinder ausgetragen und geboren haben, OBWOHL sie es schon Monate wußten, obwohl sie hätten die Schwangerschaft beenden können. Die Sorgen und Ängste und alles, was man so mitmacht im Vorfeld haben alle durchgemacht. Und alle waren überglücklich, dass sie ihre Kinder haben. Und alle liebevollste Mamis ohne Berührungsängste. Wie muss es einer Mutter gehen, die solche Mütter kennenlernt oder sieht und sie selbst hat ihr Kind töten lassen?

Als ich damals tagelang mit trüben Gedanken zu Hause lag, da habe ich folgenden Artikel im Internet gefunden:

http://www.mehrlinge.com/Reduktion/dreisind1zuviel.pdf

Das trifft jetzt zwar nicht genau das Thema. Aber mich hat es ebenso sehr berührt.

Viele Grüße
Sandra
**Claudia** 26.06.2010, 11:09#7
AW: Artikel im Spiegel zur Spätabtreibung

Hallo Sandra,

das mit der "Mehrlingsreduktion" ist mir aus der Repromedizin ein Begriff (ich habe viel mit ungewollt kinderlosen Paaren zu tun).
Für mich ist das schon fast ein "ethisches Dilemma": auf der einen Seite wird nachgeholfen, dass eine Schwangerschaft entsteht und wenn dann "drei einer zuviel" sind, wird das Kind, das "zuviel" ist eben vorgeburtlich getötet.

Was mir auch immer wieder auffällt ist das "Bagatellisieren der Sprache".

Bevor ein Kind, bei dem eine Behinderung per PND festgestellt wird, geboren wird, suggeriert man dass das Kind ja "sanft im Mutterleib einschlafen kann" ("sanft einschlafen" durch Tötung per Injektion ins Herz).

Dazu wird zusätzlich subtiler Psycho-Druck auf die Mutter ausgeübt, in dem man ihr sagt, dass sie ja nicht so "egoistisch" sein und an dem Kind "klammern" soll: ihre Aufgabe wäre es, das Kind "gehen zu lassen."
Es wäre der Gesellschaft und ihr selbst gegenüber ein Akt der Liebe und Verantwortung, das Kind "gehen zu lassen", in dem man es "sanft im Bauch einschläfert".

Übersetzt heisst das: "Tun Sie sich und der Gesellschaft keinen behinderten Menschen an, töten Sie in vorgeburtlich und dann ist das Problem erledigt!"

Nach der Geburt ist das behinderte Kind dann aber auch kein "behindertes Kind", sondern ein "besonderes Kind".

Ich frage mich: warum darf ein Mensch nicht einfach behindert sein? An etwas gehindert....
das ist nicht abwertend, nicht diskriminiert, das ist einfach Realität.


Und wenn eine Behinderung im Mutterleib festgestellt wird: warum kann man das nicht benennen und der Mutter Adressen geben, wo sie Ansprechpartner und Unterstützer findet, um so die Behinderung ihres Kindes in ihrem eigenen Leben und in der Gesellschaft zu integrieren?

Es geht doch!
Wir alle hier wissen, dass es geht und ich kann für meinen Teil sagen: wir leben zwar zeitweise ein anstrengendes, aber durchaus lebenswertes Leben.
Bierchen 27.06.2010, 16:20#8
AW: Artikel im Spiegel zur Spätabtreibung

Hallo Claudia,

in der Repromedizin ist es gang und gäbe, dass - sofern vorhanden - 3 Eizellen transferiert werden. Ob den Frauen vorher solche möglichen Konsequenzen, die Belastungen für den Körper und die Kinder usw. im Vorfeld tatsächlich dargelegt werden wage ich zu bezweifeln. Ich finde auch, dass dies ein ethisches Dilemma ist und hier wäre sicher großer Aufklärungsbedarf. Aber das ist ein weites Feld. Auf keinen Fall glaube ich, dass die „Föten“ – wie sie ja bis zur ichweißnichtwievielten SSW immer genannt werden – friedlich einschlafen, wenn sie im Bauch getötet werden.

Ich habe aufgrund Deines Beitrags überlegt, inwiefern mir bei meinen zwei Arztterminen irgendetwas bezüglich Hilfen (Kontaktadressen, Beratungsstellen o.ä.) angeboten würde, das mir im Vorfeld die Entscheiden "JA, ich kann mit einem (oder zwei) behinderten Kind leben" erleichtert hätte. Und da muss ich sagen, dass ich dies - rückwirkend betrachtet - schon vermisst habe. Wohl wurde mir ein Flyer ausgehändigt von der örtlichen Caritas-Stelle. Die beraten wohl aufgrund von PND mit drohender Behinderung. Mehr aber nicht und ich bin dort auch nicht vorstellig geworden. Abgesehen davon war ich ja ständig zur Schonung auf der Couch gelegen. Aber so richtig insistiert hat die Ärztin nicht, dass ich mich doch darüber informieren solle. Vielleicht hätte sie es getan, wenn ich einen Abbruch gewünscht hätte. Denn im Grunde hatte ich das Gefühl, dass sie sich gefreut hat, dass ich meinen Kindern eine Chance geben möchte.

Erst als ich nach der Geburt und Marlies' Diagnose das ganze Ausmaß vor Augen hatte, da habe ich ein dickeres Heftchen in der Klinik ausliegen sehen, wo SÄMTLICHE Anlaufstellen im gesamten Regensburger Raum aufgelistet waren. Und da hatte ich dann so etwas wie Hoffnung, dass ich das schaffen könnte. Und jetzt natürlich noch mehr, nachdem ich mich immer mehr damit auseinander gesetzt habe.

Ich glaube, diese Hoffnung, es schaffen zu können und auch die Tatsache, dass man ja nicht allein ist, fehlt vielen betroffenen Eltern in der Situation.

Gerade eben habe ich mich mit Eltern unterhalten, die ich von der Intensivstation kenne. Wir haben uns ein wenig über die Zeit kurz nach der Geburt und wie es uns ergangen ist ausgetauscht, wie es jetzt ist, unsere Hochs und Tiefs usw. Und sie haben mir von einem anderen Elternpaar erzählt, bei ihnen im Zimmer. Den Kindern geht es nicht besonders gut (ebenso Hirnblutung usw.). Sie sind 4 Wochen alt. Aber die Eltern können offensichtlich überhaupt nicht mit der Situation umgehen. Sie können kaum in den Inkubator greifen – obwohl sie es dürfen. Sie „trauen“ sich nicht sondieren. Die Mutter hat Angst vor dem Kängurun. Sie haben offenbar Angst, die Kinder so anzunehmen, wie sie sind. Das ist schon sehr schlimm. Natürlich für die Zwergerln, die doch mehr als alles andere Liebe brauchen. Und sicher auch sehr, sehr schlimm für die Eltern, die wahrscheinlich irgendwie nicht aus ihrer Haut können und offensichtlich auch keine Hilfe diesbezüglich haben.

Da wäre sicher noch viel Handlungsbedarf.....

Schöne Grüße

Sandra
Inge 12.07.2010, 15:34#9
AW: Artikel im Spiegel zur Spätabtreibung

Erschreckend und emotional sehr aufwühlend....
Spätabtreibung: Eine Frau und ihre schwerste Entscheidung

Soll unser Baby leben? Es wird stark behindert sein, aber eigentlich ist es zu spät für eine Abtreibung. Eine Mutter erzählt von den quälendsten Tagen ihres Lebens - und ihrem Entschluss: Spätabtreibung. [...]
Quelle und kompletter Text: Brigitte
**Claudia** 12.07.2010, 17:20#10
AW: Artikel im Spiegel zur Spätabtreibung

Da steht die Frage im Raum:
mit was möchte man in der Situation leben?
Mit einem schwerstbehinderten Kind oder der Tatsache, sein Kind bewusst getötet haben zu lassen.
Ich frage mich aber auch, wie sich die Ärzte fühlen, die dem Kind die Todesspritze setzen und wie lange es noch dauern wird, bis man schwerstbehinderte Kinder auch noch nach der Geburt per Injektion töten darf (und welcher beschönigende Begriff dafür kreiert wird? Nachgeburtlich sanft einschlafen lassen?)


Die Mutter hätte auch die Möglichkeit gehabt, sich "Hilfe zur Erziehung" über das Jugendamt zu organisieren (Sonderpäd. Pflegestelle), denn:
das Kind war fast ausgetragen, sie musste ohnehin den Geburtsschmerz erleiden, die Bindung war auch da.
Inge 12.07.2010, 19:47#11
AW: Artikel im Spiegel zur Spätabtreibung

zu dieser Thematik hatte ich vor fast genau einem Jahr schon einen Beitrag geschrieben, den ich jetzt grad noch mal "ausgegraben" habe:
Beitrag aus dem Thema "der Ludwig lacht".
**Claudia** 12.07.2010, 21:02#12
AW: Artikel im Spiegel zur Spätabtreibung

Ja, an diesen Artikel kann ich mich auch noch gut erinnern, Inge!

Was mich übrigens am Ende der "Brigitte"-Erzählung ins Grübeln bringt, sind die letzten Aussagen der Mutter:
Ich schäme mich nicht dafür. Unser Sohn liegt jetzt in einem Kindergrab. Ich war nur einmal dort. Denn Max ist nicht da draußen, sondern in meinem Herzen.

Ich frage mich, ob es zur "emanzipierten Frau" gehört, so eine Spätabtreibung danach mal eben mit links wegzustecken, überhaupt keinen Gewissenskonflikt zu haben und das Kind "im Herzen" bei sich zu tragen.
Der Mann jedoch sitzt weinend am Ultraschallmonitor während er die Tötung seines Kindes mit ansieht.

Wirkt das jetzt nur auf mich total paradox???
Was auch nicht ganz klar für mich aus dem Artikel hervorgeht: wollte denn der Mann auch so unbedingt, dass das Kind stirbt?
Die Mutter hat ja klar ausgesagt, dass sie sich "das" nicht antun wollte....(und die beiden anderen Kinder mussten als Argumentationsgrundlage herhalten).
Kirsten 12.07.2010, 23:33#13
AW: Artikel im Spiegel zur Spätabtreibung

Hallo Inge,

es ist so, dass Menschen verschieden denken, fühlen, leiden, leben. Es ist gut, dass jeder das Recht hat, seine Meinung in der Öffentlichkeit kundzutun.
Ich habe mir den Artikel durchgelesen.

Mir fällt so viel dazu ein, ich werde aber trotzdem lieber ruhig bleiben. Das ist nicht meine Welt, war es auch noch nie und wird es (hoffentlich) nie sein.

Kirsten
Inge 13.07.2010, 09:11#14
AW: Artikel im Spiegel zur Spätabtreibung

Hallo zusammen,

Claudia, mir kommt das auch ziemlich wirr vor...
Aber "verurteilen" kann ich die Mutter absolut nicht! Das steht mir nicht zu - genau aus den Gründen, die Kirsten genannt hat: die Menschen und ihre Welten sind nun mal verschieden.
Und was noch zählt: wir haben auch den Wissensvorsprung durch das Leben mit unseren Kindern.
**Claudia** 13.07.2010, 09:16#15
AW: Artikel im Spiegel zur Spätabtreibung

Hallo Inge,

von meiner Wahrnehmung her, wirkt der Artikel sagenhaft "unterkühlt" und ich grüble schon die ganze Zeit, ob das irgendwie so zurechtgeschnitten wurde, um den Eindruck zu vermitteln: "Easy going....".

Ich habe wirklich ein heftigeres Problem mit der Darstellung ... oder Selbstdarstellung....
Inge 13.07.2010, 10:17#16
AW: Artikel im Spiegel zur Spätabtreibung

die Autorin würde es vermutlich "sachlich" nennen. Aber auch sie wird kaum ein behindertes Kind haben, denn dann würde der Artikel (auch ohne Verurteilung) wohl völlig anders rüberkommen...
**Claudia** 13.07.2010, 13:36#17
AW: Artikel im Spiegel zur Spätabtreibung

Inge, jetzt "hab' ich's" glaube ich was mich stört:
irgendwie komme ich immer wieder beim Lesen des Artikels in eine Art Schlaufe, dass sich das "Paradoxe" praktisch "selbst verurteilt".

Puh, wie drücke ich es aus?
Mir fällt es zum Beispiel viel leichter zu akzeptieren, würde eine Situation in eine "klare" Richtung dargestellt.
Z.B. "Ich habe eine Spätabtreibung vornehmen lassen, weil ich es für richtig gehalten habe."

...und Punkt...

Was bei mir eine Beurteilung auslöst, ist einerseits das Benennen von sehr bewegenden Gefühlen, auf der anderen aber eine "eiskalt" wirkende (Achtung, bitte detailliert lesen: wirkende!!!) Sachlichkeit.

Damit komme ich schwer bis gar nicht zurecht.
Bierchen 18.07.2010, 17:46#18
AW: Artikel im Spiegel zur Spätabtreibung

Hallo Inge, hallo Claudia,

jetzt hab ich mich ein paar Tage ausgeklinkt. Ist schon eine Umstellung mit unserem Mäuschen zu Hause...

Ich merke, wie mich das Thema innerlich sehr aufwühlt, weil ich es selbst erst vor ein paar Monaten durchlebt habe.
Mit der Darstellung der Mutter, wie sie das alles erlebt und dann - zum Schluss - "weggesteckt" hat, habe ich auch meine Probleme. Was mich sehr betroffen gemacht hat ist, dass sie schreibt, sie musste "regelrecht um den Tod ihres Kindes kämpfen".

Hm, naja, dass sie am Grab ihres Kindes nur einmal war, das kann ich ebenso wenig nachvollziehen. Natürlich ist mein Sohn auch in meinem Herzen. Aber ich MUSS zu seinem Grab, ich habe immer das Gefühl, ich habe doch NOCH ein Kind. Dort am Friedhof, da kann ich mit ihm reden und dort kann ich auch weinen. Dort ist der Schmerz am Größten, am Realsten. Und das brauche ich, danach geht's mir besser.

Aber wie Kirsten schon sagte, jeder denkt und fühlt anders, jeder trauert anders.

Und ich weiß noch gut, wie ich mich nach Marlies' Hirnblutung gefühlt habe, nach allem, was mir die Ärzte darüber gesagt haben und dass es sehr kritisch ist und sie sterben kann. Mein Mann war wie versteinert vor dem Inku gestanden. Mein Mann und ich haben auch darüber gesprochen, ob es für sie nicht besser wäre, wenn sie sterben würde. Total leer im Kopf und lethargisch habe ich die nächsten Tage in meinem Krankenbett gelegen, die ersten Tage waren die kritischsten für sie. Im Nachhinein schäme ich mich für diese Gedanken. Gerade jetzt kräht der Kampfzwerg im Hintergrund, als würde sie mir nochmal deutlich sagen wollen, Mama, ich WILL leben.

Vielleicht kann die Frau so empfinden, weil sie es anders nicht kennt. Ich meine damit, sie hat ihren Sohn nicht leben gesehen, nicht kämpfen. Sie hat keine Vorstellung davon, dass Leben mit behindertem Kind nicht bedeutet, dass das eigene Leben vorbei ist. Vielleicht, wenn sie es genau anders gemacht hätte, sich schweren Herzens aber doch, FÜR das Kind entschieden, sie würde rückblickend anders denken.

Ich glaub, ich darf in diesen Thread nicht mehr schreiben. Ich bin so emotional. Vielleicht ist bei mir die Hormonumstellung auch noch nicht ganz abgeschlossen :-) . Wenn ich so Artikel wie den in der Brigitte lese, dann muss ich regelrecht weinen...

Viele Grüße
Sandra
**Claudia** 19.07.2010, 10:03#19
AW: Artikel im Spiegel zur Spätabtreibung

Hallo Sandra,
Ich glaub, ich darf in diesen Thread nicht mehr schreiben. Ich bin so emotional

Du bist ein Mensch :-) und Menschen haben Emotionen - und ich denke, die dürfen auch benannt werden.

Mir ist noch etwas zum Thema "Verurteilen" allgemein eingefallen:

ich differenziere da zwischen "einen Mitmenschen zu verurteilen" (und ich versuche, davon Abstand zu nehmen, wenn ich merke "es überkommt mich") und zwischen "Taten verurteilen" (da habe ich nicht immer einen Abstand).

Bei mir merke ich schon, dass ich die geschilderte "Tat" in ihrer Gesamtheit, wie sie im Artikel beschrieben wird verurteile, weil mir auch im Kopf herumgeht, dass es nur 8 Wochen später im juristischem Sinn "Mord" gewesen wäre.

Wenn ich eine "Tat" verurteile, dann versuche ich die ganzen Aspekte zu sehen und nicht den Menschen, der die "Tat" durchgeführt hat.
Ich versuche zu sehen, was zu dieser Tat geführt hat - und bei den geschilderten Hintergründen merke ich bei mir fehlendes Verständnis (im Sinne von "verstehen können", "nachvollziehen können").

Mir fehlt z.B. ganz klar der Aspekt, dass das Kind auch in eine Pflegestelle untergebracht hätte werden können.
Dann fehlt mir auch eine konkretere Sichtweise des Vaters, die nur gelegentlich mal angerissen wird usw.

Insgesamt habe ich aber ein ganz anderes "Problem", eine ganz andere Befürchtung:

wir lesen immer wieder oder bekommen immer wieder zu hören, dass man Mütter/Eltern, die eine Spätabtreibung aufgrund einer diagnostizierten Behinderung vornehmen lassen, nicht verurteilen darf. Da stehe ich dahinter (ich verurteile die Mütter nicht, stehe aber auch nicht hinter der Option der Spätabtreibung in diesem Stadium wie bei "Brigitte" beschrieben, dazu stehe ich ganz klar).

Ich befürchte aber, dass beispielsweise ganz leicht der Stab über Mütter gebrochen wird, die z.B. aus religiösen Gründen ein so schwerbehindertes Kind behalten wollen.

Ich hatte ja schon mal geschrieben: ich selbst bin kein Christ, ich gehöre einer anderen Religion an --- aber ich habe auch immer wieder erlebt, wie schnell z.B. der Stab über katholische Frauen in der Gesellschaft gebrochen wird, die aus Glaubensgründen einen nicht populären Weg gehen, wie z.B. bewusst ein schwerstbehindertes Kind austragen statt es abtreiben zu lassen.

Das können dann Menschen sein, die einerseits ganz laut schreien: "Ihr dürft niemanden verurteilen, der eine Spätabtreibung vornimmt.", aber genauso laut schreiend dabei sind, wenn eine religiöse Frau dem Kind das Leben schenken möchte --- aber das dann eben "laut schreiend" verurteilen.

Und diese "Kluft" dazwischen ist etwas, bei dem ich z.B. nicht mehr so ganz still sitzen kann.
Spätabtreibung wirkt auf mich wie etwas, das zum "guten Ton" in der Gesellschaft gehört, einem Kind z.B. aufgrund seiner eigenen Weltanschauung das Leben zu schenken, wird dann aber doch ganz gerne mal verurteilt.
Kirsten 19.07.2010, 23:40#20
AW: Artikel im Spiegel zur Spätabtreibung

Liebe Sandra,

mir sind beim Lesen des Artikels auch spontan die Tränen gelaufen. Ein Grund, warum ich mich auch nicht an diesem Thread unmittelbar beteilige. Es belastet mich emotional viel zu sehr. Hier treffen zwei Welten aufeinander. Auf der einen Seite Mütter, die um das Leben ihrer behinderten Kinder kämpfen und um den Wert eines jeden einzelnen wissen und auf der anderen Seite Mütter, die nicht emotional entscheiden, sondern rein vom Kopf und der Sachlage her.

So ist es halt, auch wenn es sehr traurig stimmt. Gerade wenn man die kleinen Racker so sehr um ihr Leben kämpfen sieht. - Als wenn sie es selbst schon ganz genau wissen, wie wertvoll sie sind, wie sehr wir sie, wenn wir sie bekommen dürfen und können, brauchen, weil sie unser Leben auf ihre eigene Art sehr wertvoll machen.

Liebe Sandra, Kopf hoch und nicht so traurig sein.
L.G.
Kirsten
Bierchen 20.07.2010, 11:33#21
AW: Artikel im Spiegel zur Spätabtreibung

Jetzt kann ich's doch nicht lassen... :-)

Wenn ich - wie gerade eben - so monotone Hausarbeit mache, dann kommen mir doch immer wieder die Gedanken.

Claudia, was Du zuletzt geschrieben hast, das ist auch ein Aspekt, der mir bisher nicht so bewusst war, dem ich aber zustimme. Ich hätte es aber nie so formulieren können.

Was mich jetzt noch beschäftigt, das ist die Tatsache, dass die Mutter ihrem Sohn sogar einen Namen gegeben hat. Also - irgendwie war es ihr wohl doch bewusst - war es ein Menschlein, das sie getötet hat. Ich schreibe es jetzt mal ganz krass. Und gerade das finde ich wieder zutiefst paradox. Ich kann es nicht in Worte fassen. So wie es Kirsten beschrieben hat. Es ist einfach nicht recht. Ich kann es nicht anders ausdrücken.

Abgesehen davon weiß ich, warum ich selbst beim Arzt im Wartezimmer lieber zum "Spiegel" oder zum "National Geographic" greife anstatt zur "Brigitte". Diese immerzu abgedroschenen, dahingeschmierten Artikel - soviele habe ich davon schon gelesen und immer habe ich das Gefühl, hier bleibt ganz, ganz viel Hintergrundinfo und mehrfache Beleuchtung auf der Strecke....

Ja, das alles stimmt traurig. Was mich aber sehr froh und glücklich macht ist, dass ICH mich für meine Süße entschieden habe.

Ganz liebe Grüße euch allen und einen schönen Sommertag!

Sandra
**Claudia** 20.07.2010, 13:23#22
AW: Artikel im Spiegel zur Spätabtreibung

Hallo Sandra,

persönlich wirkt für mich bei "Brigitte" (wenn ich mal online bei Brigitte.de stöbere) die (Selbst)darstellung der Frauen etwas zu "emanzipiert", zu selbstsicher, zu selbstbewusst.

Genauso wirkte ebendieser Artikel auf mich, wobei ich sicher auch meine Wahrnehmung und Bewertung von/über "Brigitte" da mit hineinprojeziere.

Ich denke auch, dass wir Mütter von behinderten Kindern es gewohnt sind, uns vor lauter "political correctness" oft stark mit unseren Ansichten zurückzuhalten, was derartige Themen betrifft.

Wie ich schon schrieb: Spätabtreibung gehört in Deutschland zum "guten Ton in der Gesellschaft" und wird allgemein doch anerkannt und respektiert, die Frauen, die durch Spätabtreibung signalisieren, ihr Kind "loslassen zu können" bekommen auch ein gewisses Maß an (Hoch)achtung und Respekt - ethische/weltanschauliche oder idealistische Gründe, sich als Schwangere für ein behindertes Kind zu entscheiden, meinem Gefühl nach eher nicht.

Ganz im Gegenteil habe ich die Vermutung, dass über diese Frauen viel schneller abewertend geurteilt wird.
"Ethische Gründe" klingen nun mal nicht so emanzipiert wir "Loslassen können" (wobei ich "Loslassen" als solches als eine erstrebenswerte Fähigkeit und Qualität empfinde, kommt nur manchmal auf den Zusammenhang an. "Loszulassen", um sich und der Gesellschaft einen behinderten Mitmesnchen zu ersparen, hat für mich einen schalen Nachgeschmack. Da sollte man lieber mal darüber nachdenken, die Vorstellung loszulassen, das jeder Mensch ein gesunder Leistungsträger zu sein hat und nur solange für die Gesellschaft tauglich ist, in der er diese Leistungsträger-Funktion erfüllen kann).