AW: Artikel im Spiegel zur Spätabtreibung
Hallo Sandra,
Ich glaub, ich darf in diesen Thread nicht mehr schreiben. Ich bin so emotional
Du bist ein Mensch

und Menschen haben Emotionen - und ich denke, die dürfen auch benannt werden.
Mir ist noch etwas zum Thema "Verurteilen" allgemein eingefallen:
ich differenziere da zwischen "einen Mitmenschen zu verurteilen" (und ich versuche, davon Abstand zu nehmen, wenn ich merke "es überkommt mich") und zwischen "Taten verurteilen" (da habe ich nicht immer einen Abstand).
Bei mir merke ich schon, dass ich die geschilderte "Tat" in ihrer Gesamtheit, wie sie im Artikel beschrieben wird verurteile, weil mir auch im Kopf herumgeht, dass es nur 8 Wochen später im juristischem Sinn "Mord" gewesen wäre.
Wenn ich eine "Tat" verurteile, dann versuche ich die ganzen Aspekte zu sehen und nicht den Menschen, der die "Tat" durchgeführt hat.
Ich versuche zu sehen, was zu dieser Tat geführt hat - und bei den geschilderten Hintergründen merke ich bei mir fehlendes Verständnis (im Sinne von "verstehen können", "nachvollziehen können").
Mir fehlt z.B. ganz klar der Aspekt, dass das Kind auch in eine Pflegestelle untergebracht hätte werden können.
Dann fehlt mir auch eine konkretere Sichtweise des Vaters, die nur gelegentlich mal angerissen wird usw.
Insgesamt habe ich aber ein ganz anderes "Problem", eine ganz andere Befürchtung:
wir lesen immer wieder oder bekommen immer wieder zu hören, dass man Mütter/Eltern, die eine Spätabtreibung aufgrund einer diagnostizierten Behinderung vornehmen lassen, nicht verurteilen darf. Da stehe ich dahinter (ich verurteile die Mütter nicht, stehe aber auch nicht hinter der Option der Spätabtreibung in diesem Stadium wie bei "Brigitte" beschrieben, dazu stehe ich ganz klar).
Ich befürchte aber, dass beispielsweise ganz leicht der Stab über Mütter gebrochen wird, die z.B. aus religiösen Gründen ein so schwerbehindertes Kind behalten wollen.
Ich hatte ja schon mal geschrieben: ich selbst bin kein Christ, ich gehöre einer anderen Religion an --- aber ich habe auch immer wieder erlebt, wie schnell z.B. der Stab über katholische Frauen in der Gesellschaft gebrochen wird, die aus Glaubensgründen einen nicht populären Weg gehen, wie z.B. bewusst ein schwerstbehindertes Kind austragen statt es abtreiben zu lassen.
Das können dann Menschen sein, die einerseits ganz laut schreien: "Ihr dürft niemanden verurteilen, der eine Spätabtreibung vornimmt.", aber genauso laut schreiend dabei sind, wenn eine religiöse Frau dem Kind das Leben schenken möchte --- aber das dann eben "laut schreiend" verurteilen.
Und diese "Kluft" dazwischen ist etwas, bei dem ich z.B. nicht mehr so ganz still sitzen kann.
Spätabtreibung wirkt auf mich wie etwas, das zum "guten Ton" in der Gesellschaft gehört, einem Kind z.B. aufgrund seiner eigenen Weltanschauung das Leben zu schenken, wird dann aber doch ganz gerne mal verurteilt.