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Leben mit schwerer Behinderung: Eine Herausforderu

Inge 30.01.2010, 14:47#1
Vor einiger Zeit wurde über ein Projekt berichtet, das Grundschulkinder in Theorie und Praxis an die Welt von Menschen mit Behinderung heranführen sollte: Mittels eigener Erfahrungen und deren Reflexion sollten die Kinder im Ansatz nachempfinden können, auf welche Schwierigkeiten und Barrieren Menschen mit einer Körperbehinderung stoßen: Wie ist es, nicht sehen, hören, laufen zu können? Und: Welche Vorstellungen haben sie selbst vom Leben mit Behinderung?

Mir scheint beides gleich wichtig: eigene Erfahrungen machen und eigene Vorstellungen reflektieren. Dabei ist es gewiss wertvoll, selbst einmal in die Rolle eines Menschen zu schlüpfen, der nicht sehen, hören, laufen kann. Aber das kann nur ein Anfang sein, der hoffentlich ermutigt, Menschen mit Behinderung zu begegnen und Erfahrungen mit diesen zu machen, und zwar nicht nur zum »Helfen«, sondern auch zum Hören und Lernen. [...]

den kompletten Artikel von Jutta Flatters (und einige Kommentare dazu) gibt es bei: die Gesellschafter
miau 30.01.2010, 15:04#2
AW: Leben mit schwerer Behinderung: Eine Herausfor

Hallo Inge,

beim Blindeninstitut können Eltern sich in die Lage eines Blinden begeben. Dort erfahren sie am eigenen Leib, wie es ihrem Kind geht.

Ist ein Kind geistig behindert, da gibt es solche Angebote nicht. (mir nicht bekannt)

Mit einem Rollstuhl durch die Gegend fahren, kann auch mal ganz amüsant sein.

Vielleicht hat ja bald die "Grüppchenbildung" in der Gesellschaft ein Ende, und sie tendiert dann wieder in Richtung Solidarität und Gemeinschaft.

lg Micha

P.S. ich kann nur die Antworten auf den Artikel lesen.
quietschteddy 30.01.2010, 19:06#3
AW: Leben mit schwerer Behinderung: Eine Herausfor

Hallo Inge und Miau,
es gibt schon einige Erlebnisräume, wo versucht wird, die Erlebniswelt eines Blinden nachzustellen.Ich habe mal im Dialog im Dunkeln gearbeitet, wo es z. B. einen Wald, eine Stadt und eine bar zu erleben gibt, ohne zu sehen. Dabei kamen von den Besuchern alle möglichen Reaktionen von "Blinde sind bessere enschen, die sich nicht durch das Äußere ablenken lassen." über "Ich wusste ja gar nicht, dass man auch so viel von der Welt ohne Augen mitkriegt" bis zu "Ich danke dem Herrn, dass ich sehen kann !(Das habe ich wirklich so gehört. als ich Bardienst hatte.)" Ich hatte auch mal eine Frau geführt, die in einem Tandemclub mitgemacht hat. Dort kamen ihr die Blinden immer ziemlich normal vor.
als sie dann aberselbst im denkeln war, hatte sie in diesem Moment eher die Schwierigkeiten der Blinden gesehen und da hatte ich eher den Eindruck, dass das Mitleid im vordergrund stand und nicht die Normalität des Andersseins.
Es ist schwer bis unmöglich, den Besuchern zu vermitteln, dass es für mich ganz normal ist, die Welt so zu erleben, dass es für mich gar nicht dunkel ist und dass ich noch nie gesehen habe, dies darum auch nicht vermisse und mir das Sehen gar nicht vorstellen kann. Wenn die Besucher einen Gegenstand ertastet haben, hatten sie immer ein Bild im Kopf. Das habe ich nicht, sondern nur das Wort bzw. den Namen des Gegenstandes. Wenn ich mir z. B. einen Tisch vorstelle, dann fasse ich ihn in Gedanken an. Jetzt im augenblick liegt meine geistige Hand gerade auf der Tischplatte, es ist eine Tischplatte aus Holz und aus irgendwelchen gründen weiß ich, dass der vorgestellte Tisch viereckig ist. aAußerdem benutze ich auch normale Alltagssprache wie "im Augenblick", weil ich nicht extra in einer Blindensprache reden möchte.

Wir können viele Einschränkungen zumindest so simulieren, dass wir einen kleinen Eindruck davon haben. Wir können uns (bzw. Ihr könnt Euch) die Augen verbinden, die Ohren verstopfen oder schallisolierende Kopfhörer aufsetzen, uns in einen Rollstuhl setzen und nicht bewegen, Gegenstände in unerreichbarer Höhe anbringen, motorische Einschränkungen durch Gewichte oder einschränkende Handschuhe nachstellen. Man kann auch mal versuchen, ohne Sprache auszukommen und nonverbal zu kommunizieren.
alles das habe ich mal irgendwo gehört oder gelesen.


Wenn ich jetzt versuche, mir vorzustellen, ich könnte mich nicht wie sonst bewegen, nicht sprechen und auch nicht am Computer oder Handy schreiben, dann würde ich mir ziemlich besch* und traurig und hilflos vorkommen. Desweegen glaube ich aber noch lange nicht, dass alle auf diese art behinderten Menschen immer traurig sind. Es gibgt schwer körperlich behinderte Menschen, die nicht sprechen können und mit Hilfe von technischen Hilsfmitteln und Assistenten selbstbestimmt leben können.

Wie soll ich mir jetzt aber vorstellen, eine geistige Behinderung zu haben? Da hilft es glaube ich nicht, wenn ich Denken ausschalten könnte. Außerdem glaube ich nicht, dass geistig behinderte Menschen, auch wenn sie noch so schweer behindert sind, überhaupt nicht denken oder nichts mitkriegen. Meiner Meinung nnach macht sich jeder eine Vorstellung von "seiner er Welt". Es ist sowieso schwer zu sagen, welche Informationen bei wem wie aufgenommen werden., besonders dann nicht, wenn sich der Mensch, in den wir uns versetzen wollen, nicht selbst dazu äußern kann, was er wie wahrnimmt. Wie wollen wir das denn dann simulieren?
@Miau:
den Link zum Originalartikel habe ich nk über den Antworten gefunden. Da steht bei mir sowas wie "Diese Antworten beziehen sich auf Link disen Beitrag". So zeigt mir mein Darstellungsprogramm für Internetseioten, dass da ein Link ist. Alerdings werden mit diesem Programm die Seiten wie ein Text dar5gestellt. Deshalb weiß ich auch nicht, wo der Link zum Originalartikel bei Dir steht.

LG
HHelmutS 30.01.2010, 19:13#4
AW: Leben mit schwerer Behinderung: Eine Herausfor

In Sachen.. sich in die Rolle eines behinderten oder Blinden zu begeben... :

Es gibt hier ein Restaurant, das bietet ein Candelout-Dinner... = Essen in völliger Dunkelheit.

Eine "leichte Abwandlung" davon ist.-.... sich Taub u. Blind ... = man sieht u. hört nix.. füttern zu lassen... oder umgekehrt... sich sehend, aber fixiert, von einem Blinden ( verbundene Augen tuns auch)... füttern zu lassen. Einerseits ein Spaß.... andererseits kann einem dabei fürchterlich deutlich werden, wie ein Behinderter sich fühlen kann wenn er "wie" gefüttert wird.

:-) Helmut
miau 30.01.2010, 19:16#5
AW: Leben mit schwerer Behinderung: Eine Herausfor

Hallo Quietschteddy,

Danke, jetzt habe ich den Artikel gefunden. :-)

Vielleicht indem man, wie meine Tochter keine Sprache hat, und versucht sie nachzuahmen (wie sie sich verhält) - bei dir halt dein Kind. Sich windeln lässt und immer jemand dabei ist, wenn man gebadet wird, zur Toilette geht, usw. Nie alleine sein können. Sich anziehen lassen müssen, die Kleider aussuchen lassen, das Fernsehprogramm, den Tagesablauf bestimmen lassen, das Essen aussuchen lassen. Zu meiner Tochter würde mir schon so einiges einfallen. Aber das gilt halt nur für sie, die extrem geistig behindert ist.

lg Micha
quietschteddy 30.01.2010, 19:41#6
AW: Leben mit schwerer Behinderung: Eine Herausfor

Hallo Miau,

ich gehöre zu den paar Leuten hier, die keine Kinder haben. Ich bin selber von Geburt an blind und habe dieses Forum mal beim Surfen im Netz gefunden. Weil ich mich nicht wirklich in die Lage eines Elternteiels eines behinderten kindes hineinversetzen kann und auch bei den meisten Themen hier immer eher was dazulerne, als dass ich was dazu weiß, gehöre ich hier nicht gerade zu den fleißigen Schreibern. Das Forum gibt mir eindeutig zuviel der Ehre, wenn es mich von einen erfahrenen Benutzer nennt.

Wie weißt Du, ob Dichtige u Deiner Tochter das Fernsehprogamm ausgesucht hastm, das ihr gefält? Beim Fernseher kann man ja noch umschalten, aber wenn mir das heutige Essen nicht schmeckt oder ich einfach keinen Apetit darauf habe, kann ich es nur ausspucken und muss im Zweifelsfall ja doch etwas essen. Zu Hause kann man da vielleicht noch etwas anderes kriegen, aber im Heim, wo das Personal nicht viel Zeit hat? Das ist wirklich keine schöne Vorstellung.

LG
Inge 31.01.2010, 11:14#7
AW: Leben mit schwerer Behinderung: Eine Herausfor
Zitat von HHelmutS
In Sachen.. sich in die Rolle eines behinderten oder Blinden zu begeben... :

Hallo zusammen,

besonders heftig ist es, sich die Zähne putzen zu lassen. Würgegarantie inbegriffen :wuerg:
Kirsten 31.01.2010, 12:02#8
AW: Leben mit schwerer Behinderung: Eine Herausfor

Hallo miteinander,

Zähne putzen ist für mein blindes Kind so ziemlich das Unangenehmste überhaupt. Wir haben auch schon öfters versucht uns vorzustellen, wie unser Kind die Welt "sieht". Wenn man versucht, es mit Hilfsmitteln nach zu stellen, wirkt das nicht so auf einen ein, als wenn man durch eine Verletzung oder ähnl. plötzlich selbst vorübergehend "behindert" ist. Dann hört man oft den Satz:"Jetzt weiß ich, wie es dir/euch geht." Wie schnell ist man dann wirklich lebensnah eingeschränkt und hilflos. Als ich einmal einen Rolli ausprobiert habe ist mir fast das Herz stehen geblieben, als ich nach hinten gekippt wurde. Das gab mir sehr zu bedenken. Seit dieser Zeit finde ich mein Kind und gleichbetroffene Menschen sehr sehr mutig. Mein Vater hatte Kehlkopfkrebs und konnte am Anfang nach seiner OP nicht mehr sprechen, danach nur noch mit einem Hilfsmittel. Er war oft verzweifelt, dass ihn die Mitmenschen nicht mehr für "voll" nahmen, weil sie auch gar nicht erst die Lust hatten, sich auf ihn einzulassen. Das hat ihn in eine soziale Einsamkeit geführt.
Unser Aufenthalt im Kurhotel für Sehbehinderte und Blinde Menschen hat mir aber die Realität auch sehr Nahe gebracht. Da wurde mir erst bewusst, in welcher Welt diese betroffene Personengruppe ganz normal lebt, aber mein blindes Kind mit seiner geistigen Behinderung auch hier ausgeschlossen ist. Sich vorzustellen, man sei geistig behindert gelingt vielleicht am einfachsten, wenn man sich vorstellt, dass man einfach nicht beachtet wird, übersehen wird, oder keinen eigenen Willen mehr haben darf.
Beiträge wie die von Daniela machen einem dann aber auch wieder Mut. Das ist es ja oft, dass wir die Menschen in ihrer Individualität behindern, oder denken, dass sie durch ihr anders sein auch anders sind. Dabei können sie auch mit guter Unterstützung von außen und mit Heranziehung ihrer Erfahrungen und ihres Wissens ein völlig lebenswertes und normales Leben führen.
Wenn die, die da oben Entscheidungen treffen, sich einmal in einen Rolli setzen, oder sich eine manipulierte Brille aufsetzen, oder die Ohren zustopfen, dann sollte da kein Mitleid und "aber die Kassen sind leer" aufkommen, sondern dann sollten die sich anhören, was der Betroffene oder seine Angehörigen/Betreuer dazu äußern und diese Erfahrung auch bei Entscheidungen hinzuziehen.
Wie es wirklich selbst erlebt wird, interessiert doch im Grunde nur uns, die Betroffenen. Und da auch oft nur in seinem eigenen begrenzten Bereich.
Ich finde schon, dass Menschen egal welcher Behinderung von uns der Gesellschaft "gehindert" werden, an einem normalen Leben teilzuhaben. Viele begleiten uns, gehen dann aber wieder in die eigene Normalität zurück. Erst wenn der Mensch egal mit welcher Behinderung mitten drin in der Gesellschaft lebt, dann gehört er auch dazu. Dazu wird man aber ganz unten anfangen müssen. Auf Entbindungsstationen, in Kindergärten und dann in den Grundschulen und auch die Eltern gehören von anfang an dazu. Es muss einfach völlig normal sein, wenn etwas nicht so perfekt ist, wie es sich die heutige "Gesellschaft" nun mal wünscht. Es gehört wohl zu unserer Charaktereigenschaft. Darum klappt es vielleicht in anderen Ländern besser.
Viele Grüße
kirsty
miau 31.01.2010, 14:30#9
AW: Leben mit schwerer Behinderung: Eine Herausfor
Zitat von Inge
Hallo zusammen,

besonders heftig ist es, sich die Zähne putzen zu lassen. Würgegarantie inbegriffen :wuerg:

und dann die Zahnpasta mit hinunterschlucken dürfen, so wie es meine Tochter immer durfte.
Guter Vorschlag Inge.

sich die Finger- und Fußnägel schneiden lassen. (Ich war mal vor einiger Zeit bei der Fußpflegerin. Als sie meine Nägel schneiden wollte, focht ich Kämpfe in mir. Sie bemerkte das sogar an meinen Füßen, denn sie reagierten mit Schweißbildung.)

Sich die Haare schneiden lassen, so wie es der Erzieher vorgibt.

lg Micha