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Der Ludwig lacht

elisabeth 30.06.2009, 11:19#1
Hallo,
habe eine Geschichte und Kommentar gefunden, in der es um eine "verhinderte Spätabtreibung" eines behinderten Kindes geht, der mich doch sehr betroffen macht und den ich jetzt auch nicht weiter kommentieren möchte aber euch auch nicht vorenthalten möchte:


http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,druck-631869,00.html

http://faz-community.faz.net/blogs/biopolitik/archive/2009/06/28/ein-kind-ist-keine-zeitbombe-spiegel-und-behinderung.aspx

LG
Elisabeth
Andreas 30.06.2009, 12:48#2
AW: Der Ludwig lacht

Hallo Elisabeth,

danke für diese Lesetipps.

Gut dass du auch den Kommentar verlinkt hast ... Nach dem ersten Text bin ich schon etwas betröppelt hier gesessen - und tu es auch immer noch.

Gruß
Andreas
Kirsten 02.07.2009, 00:19#3
AW: Der Ludwig lacht

Hallo,

mir fehlen im Moment die Worte. Besonders persönlich betroffen bin ich dadurch, dass ich in der gleichen Klinik war, dort beim Ultraschall die schwere Hirnfehlbildung mitgeteilt bekommen habe. Das war 6 Wochen vor dem Geburtstermin. Das Personal der Klinik hat mir sehr geholfen. Schreckliche Stunden voll Ungewissheit wie das Leben weiter geht, ob es weitergeht. Man hat in der Klinik auf mich aufgepasst. Ich durfte und dafür war ich froh, bis zur Entbindung und auch danach noch auf der normalen Station bleiben. Ich hatte alte, junge, schwangere, nichtmehrschwangere, verzweifelte nicht schwanger werdende Mütter und auch Frauen mit Krebs um mich herum. Wir haben uns gegenseitig geholfen. Ich hätte damals mit keiner tauschen wollen. Solange mein Kind in meinem Bauch war, ging es ihm gut und mir eigentlich auch. Ich durfte mein Kind auf natürlichem Weg zur Welt bringen, da man gar nicht wusste, ob es lebensfähig ist. Ich wollte es so, denn ich wollte dabei sein und wenn mein Kind nur 1 Minute gelebt hätte, so hätte ich sie mit ihm teilen können. Es waren jede Menge Schwestern, Hebammen und ein Ärzteteam um mich herum. Sie haben sich alle sehr bemüht. Der Oberarzt streichelte meinem Kind über die Wange und meinte: er sieht doch ganz gut aus. Ich liebe mein Kind unendlich und es ist mir durch mich selbst anvertraut worden. Ich weiß, dass ich viel von meinem Leben abgebe, dass mein Leben vollkommen anders verläuft, als ich es mir erträumt habe. Ich habe dafür noch nie die Schuld bei meinem Kind gesucht. Mein Kind wäre auch lieber gesund zur Welt gekommen. Ich habe ganz bewusst von ich und mein Kind geschrieben. Es ist eine ganz "verzweifelte" Situation, wenn man ein Baby im Bauch hat und plötzlich sieht einer durch Ultraschall, dass es schwere Missbildungen hat, niemals eine normale Entwicklung durchlaufen wird.
Ich bin der Uniklinik in der Maystraße noch heute sehr dankbar für die gute Betreuung und Beratung. Das war vor nunmehr fast 19 Jahren. Mit dem Tag der Geburt fing unser anderes Leben an. Stefan lacht viel und gerne und oft lachen wir mit ihm mit.
**Claudia** 02.07.2009, 07:11#4
AW: Der Ludwig lacht

Guten Morgen zusammen,

ich habe den Artikel mal durchgelesen und habe da so einiges entdeckt, das mir "dramaturgisch aufgepuscht" vorkommt.

Da ich Pflegemutter eines schwerbehinderten Kindes bin, die sich willentlich und wissentilch für das behinderte Pflegekind entschieden hat, greife ich diese Passage auf:

"Sie gehen zur Adoptionsstelle. Auf dem Amt ist man entgeistert: Hochschwanger und das Kind nicht wollen? Schon für ein Kind mit Down-Syndrom finden sich extrem selten neue Eltern. Aber für ein Kind, wie die Senges es erwarten? Nicht mal mit einer Pflegefamilie könne man bei schweren Behinderungen dauerhaft rechnen, bestenfalls mit einer Übergangspflege. Danach bliebe nur ein Heim. Ein Sachbearbeiter auf dem Sozialamt rät: Machen Sie doch eine anonyme Geburt."


-> SO kann ich mir das mit 12 Jahren "Praxis"erfahrung nur schwer vorstelllen.
Vorstellbar, dass der zuständige Mitarbeiter darauf hingewiesen hat, dass es schwierig ist, Pflegefamilien für schwerbehinderte Kinder zu finden - aber ich kann mir in keinster Weise vorstellen, dass es zu der "entgeisterten" Bemerkung "Hochschwanger und ein Kind nicht wollen..." gekommen ist.
Die Vermittlungsstellen leben davon, dass es Mütter gibt, die ihre Kinder nicht behalten - in diesem Amt werden wohl schon mehrere Schwangere gewesen sein, die ihr Kind nicht wollten und sich daher Beratung gesucht haben.



Was ich sehe ist der Trend, dass die Abtreibung von behinderten Kindern immer mehr zum guten Ton in der Gesellschaft gehört.
Eine erwachsene Frau, die sich für ihr behindertes Kind entscheidet, wird ganz schnell verurteilt "dem Kind und der Gesellschaft etwas Unzumutbares anzutun" - der moralische Stab wird ganz schnell über sie gebrochen.

Insofern drängt sich bei mir die Frage auf:
haben erwachsene Frauen noch das Recht, sich bewusst für ein behindertes Kind zu entscheiden?

Es gibt zwar kein gesetzliches Recht, das das verbietet - aber es gibt eine grosse Erwartungshaltung in der Gesellschaft, dass "gute Mütter" bei behinderten Kindern eine Spätabtreibung vornehmen lassen.

Darin sehe ich ein grosses Problem, denn ich sehe die Denkweise "Wer freiwillig ein behindertes Kind bekommt, ist selbst Schuld und soll schauen wo er bleibt." bereits in den Köpfen verankert, die Eltern, die sich willentlich und wissentlich für ihr behindertes Kind entscheiden ins Abseits gedrängt.
**Claudia** 02.07.2009, 07:44#5
AW: Der Ludwig lacht

Nachtrag

Was mir noch aufgefallen ist, ist dieser Satz:
Claudia Senge ist eine gewissenhafte Mutter, sie hat in der Schwangerschaft alles richtig gemacht. Ihr erster Sohn ist gesund.

So eine Aussage klingt in meinen Ohren einfach nur anmassend.
Soll das im Umkehrschluss heissen, dass Mütter von behinderten Kindern in der Schwangerschaft "nicht alles richtig" gemacht haben?


Wir reden hier nicht von FAS-Babies oder von Drogenbabies.....


Dann:
Als es in die Kinderklinik verlegt wird, braucht es einen Namen. Die Eltern nennen es Ludwig, nach der Ludwig-Maximilians-Universität, deretwegen es auf die Welt gekommen ist.

Hat die Klinik das Kind gezeugt? Ich glaube nicht.


Und:
Dann wär der Ludwig jetzt nicht da. Es würde immer was fehlen", überlegt Herr Senge. "Das wär schon genug Leid. Aber das Kind wär eingeschlafen von der Spritze, davon hätt er wahrscheinlich wenig gemerkt. Es wäre doch eine Erleichterung gewesen."

Auffallend finde ich insgesamt die Verniedlichungen, wenn es um behinderte Kinder geht.
Ich habe das neulich auch mal mit einer Fachkraft besprochen - ist aber ein anderes Kapitel. Eine Spätabtreibung kann ich nicht mit "Einschlafen lassen" gleichstellen.
"Einschlafen lassen" heisst für mich, dass mein Kind wieder aufwacht.
Ich verstehe nicht, warum man sich immer eines so verniedlichenden Vokabulars bedienen muss, nur um sich die Realität schön zu reden?
Kirsten 02.07.2009, 09:19#6
AW: Der Ludwig lacht

Hallo,

ich finde, das der ganze Bericht vollkommen aufgesetzt und unnatürlich wirkt. Die Eltern bemitleiden sich und ihren gesunden Sohn ohne auf die Würde ihres behinderten Sohnes Ludwig zu achten.

Wenn sich jemand gegen sein behindertes Kind entscheidet ist es allein seine private Angelegenheit und darf auch nicht von außen verurteilt werden. Auch Mütter von gesunden Kindern darf man keinesfalls verurteilen, wenn sie sich nicht in der Lage fühlen, ihrem Kind eine gutes Aufwachsen ermöglichen zu können und sich für eine Freigabe zur Adoption entscheiden.

Man darf aber Menschen nicht einfach als Sondermüll entsorgen, wenn sie aus dem Rahmen der Normalität fallen. Das hat man im letzten Jahrhundert vollzogen und sollte bei unserem heutigen sozialen Entwicklungsstand allmählich aus den Köpfen gehen.

Wenn die beschriebene Familie ihr Kind nicht hätte mit nachhause nehmen wollen, dann hätten sie einfach gehen können - ohne ihren Ludwig. Das geschieht öfter, als man denkt. Diese Fälle präsentieren sich aber nicht so der Öffentlichkeit. Vielleicht weil der Schmerz zu groß ist, vielleicht weil auch eine Art Scham dabei ist, eben von der Außenwelt dafür verurteilt zu werden. Dann würde heute keiner obigen (Spiegel) Artikel lesen und keiner würde die Familie bemitleiden (ich bin überzeugt, dass mehr Leser dieses tun, als Interesse an Ludwig und seiner Entwicklung zu haben) Dann wären sie eine ganz "normale" Familie geblieben.
Ludwig hätte vielleicht Eltern wie Claudia gefunden und wäre nicht so schamlos seiner Würde beraubt worden. Auf die hat er nämlich das gleiche Recht wie seine Angehörigen. Das ist im Grundgesetz verankert. In dem Artikel wird auch mehr das unendliche Leid des Vaters beschrieben. Was die Mutter wirklich fühlt, gefühlt hat, kommt das überhaupt rüber?
Vor Jahren habe ich die Bekanntschaft mit einer ganz lieben Familie gemacht. Sie haben ein Kind mit Trisomie 21 adoptiert. Gleich nach der Geburt. Die Mutter musste es freigeben, mit ihrem Kind hätte sie nicht mehr nachhause kommen dürfen. Von außen verurteilt und innen hat sie so sehr gelitten und die Familie ermöglichte ihr geheime Kontakte. Und auch wenn jetzt viele beim Lesen denken werden, das hätte ich nie gemacht, ich wäre dann mit meinem Kind ausgezogen, diese Praxis geschieht heute so, wie vor vielen Jáhren. Zwischen denken, wollen und tun liegen viele Abgründe. Ich bin deswegen eigentlich sehr vorsichtig im Umgang mit Situationen der Art des Berichtes. Mich stört nur dieses fürchterliche Selbstmitleid. Das haben wir nämlich alle am Anfang und ist ein natürlicher Prozeß. Man ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Entweder bemitleidet man sich weiter, oder man ergreift die Initiative und geht seinen Weg. Den muss man halt erst finden. Mit einem solchen Bericht, den auch der gesunde Sohn in ein paar Jahren ganz anders verstehen wird und bestimmt noch viele Diskussionen mit seinen Eltern führen wird, verändert man die Welt nicht zum Positiven.


Viele Grüße
Kirsten
Fine 02.07.2009, 09:30#7
AW: Der Ludwig lacht

Guten Morgen zusammen,

liebe Kirsty, danke für diesen Beitrag, der sicher sehr vielen Lesern (Mamas+ Papas) aus den Herzen spricht. Ich kann Deine Ansicht nur teilen.:-)
**Claudia** 02.07.2009, 10:56#8
AW: Der Ludwig lacht

Spannend ist für mich die Frage:
was ist das "Ziel" des Artikels?
Spannend ist für mich auch die Beobachtung, dass dieser Artikel genau in dem Zeitraum erschienen ist, in dem es ein neues Gesetz im Bezug auf Spätabtreibungen gibt.

Was will oder soll dieser Artikel erreichen?
Andreas 02.07.2009, 11:05#9
AW: Der Ludwig lacht

Hallo Claudia,

im Kommentar von Oliver Tolmein heißt es:
Beate Lakotta ging es mit ihrem Text darum, in der Debatte um Spätabtreibungen und die Veränderungen durch die kürzlich beschlossene Reform des Schwangerschaftskonfliktgesetzes einen Akzent gegen die Gesetzesreform zu setzen

weiter heißt es aber auch
Beakte Lakotta [...] hat nichts gegen Menschen mit Behinderung. Ihr liegt es mit Sicherheit fern, sie zu diskriminieren und sie wird wohl der Behauptung, ihr Text wirke ausgrenzend, im Gespräch entschlossen entgegentreten. Aber es ist dennoch so. Der Text bestärkt Vorurteile, er ergreift Partei für die Nichtbehinderten, die sich gegen einen Menschen wie Ludwig entscheiden - aus, wie in dem Text deutlich wird, freien Stücken.

Und dem letzten Satz wird sicher jeder hier zustimmen!

Gruß
Andreas
**Claudia** 02.07.2009, 11:10#10
AW: Der Ludwig lacht

Oooops, das habe ich überlesen!:schaem:
Aber so ähnlich habe ich es mir schon zusammengereimt.

Und das untermauert ja meine Befürchtung...oder auch Beobachtung, die ich heute morgen schon geschildert habe:

Darin sehe ich ein grosses Problem, denn ich sehe die Denkweise "Wer freiwillig ein behindertes Kind bekommt, ist selbst Schuld und soll schauen wo er bleibt." bereits in den Köpfen verankert, die Eltern, die sich willentlich und wissentlich für ihr behindertes Kind entscheiden ins Abseits gedrängt.
elisabeth 02.07.2009, 12:28#11
AW: Der Ludwig lacht
Darin sehe ich ein grosses Problem, denn ich sehe die Denkweise "Wer freiwillig ein behindertes Kind bekommt, ist selbst Schuld und soll schauen wo er bleibt." bereits in den Köpfen verankert, die Eltern, die sich willentlich und wissentlich für ihr behindertes Kind entscheiden ins Abseits gedrängt.

Ja Claudia, dieses Gefühl der Denkweise hat mich auch schon manches beschlichen im "Kampf" mit den Behörden.....und manch "unsensiblen" Zeitgenossen (auch in der Familie/Verwandschaft)..

Als unser Sohn geboren wurde, galt er als "kerngesund". Erst nach etlichen Monaten merkten wir bewußt, dass was nicht ganz paßt. Bis zur Diagnose (Fragiles-x-Syndrom) vergingen 12 Jahre. In dieser ganzen Zeit wären wir doch nie im Leben auf die "Schnapsidee" gekommen, ihn "umzutauschen" oder nicht "gewollt zu haben", nur weil er den "AGB´s" der Gesellschaft da draußen und unseren "reinproduzierten" Wünschen vielleicht nicht ganz entspricht.
Im Gegenteil, er hat unser Leben doch massiv umgekrempelt und wir haben eine viel bewußtere und intensivere Lebenseinstellung.. . Es gibt ja nicht nur schwarz und weiß, sondern soviele bunte Farben dazwischen.... Mit einem Lächeln durch den Tag gehen..es wird!! (ich weiß, geht nicht immer, aber hilft!)
"Wenn sich jemand gegen sein behindertes Kind entscheidet ist es allein seine private Angelegenheit und darf auch nicht von außen verurteilt werden. Auch Mütter von gesunden Kindern darf man keinesfalls verurteilen, wenn sie sich nicht in der Lage fühlen, ihrem Kind eine gutes Aufwachsen ermöglichen zu können und sich für eine Freigabe zur Adoption entscheiden.

Man darf aber Menschen nicht einfach als Sondermüll entsorgen, wenn sie aus dem Rahmen der Normalität fallen. Das hat man im letzten Jahrhundert vollzogen und sollte bei unserem heutigen sozialen Entwicklungsstand allmählich aus den Köpfen gehen. "

Danke, Kirsty, das hast du sehr treffend auf den Punkt gebracht!

Außerdem, was ist denn überhaupt "Normal"?? Es gibt ja diesen Button von "die Gesellschafter.de" mit dem Aufdruck: "Sind Sie etwa normal?"
Also sollte doch bitte jeder seine Daseinsberechtigung haben und Jeder hat seine Aufgabe im Leben, sehe ich jedenfalls so.
LG
Elisabeth

hmmm, mit der blauen Zitatumrandung hat das leider nicht funktioniert.....
**Claudia** 02.07.2009, 13:08#12
AW: Der Ludwig lacht

Nochmal hierzu eine Beobachtung/Bemerkung:
Darin sehe ich ein grosses Problem, denn ich sehe die Denkweise "Wer freiwillig ein behindertes Kind bekommt, ist selbst Schuld und soll schauen wo er bleibt." bereits in den Köpfen verankert, die Eltern, die sich willentlich und wissentlich für ihr behindertes Kind entscheiden ins Abseits gedrängt.

Ja Claudia, dieses Gefühl der Denkweise hat mich auch schon manches beschlichen im "Kampf" mit den Behörden.....und manch "unsensiblen" Zeitgenossen (auch in der Familie/Verwandschaft)..

Erschreckend finde ich zudem auch die "schwarz-weisse" Denkweise:
trete ich als Mutter eines behinderten Kindes auf, die sich bewusst dafür entschieden hat, diesem Kind das Leben zu schenken und zu gebären, trifft man auf Aussagen, wie:
"Ja, hätte man das nicht vorher wegmachen können? Warum tun Sie sich und dem Kind sowas an? Denken Sie doch mal an die Gesellschaft, die das alles zahlen soll.....das ist doch kein lebenswertes Leben..." - usw. usw.::-P

Trete ich als Pflegemutter eines behinderten Kindes auf, die sich bewusst für die Aufnahme des Kindes entschieden hat, höre ich Kommentare wie:
"Menschen wie Sie braucht die Welt, ach, was Sie alles leisten! Ich finde das ja so toll..." usw. usw.:-P


Ich empfinde das so sagenhaft ungerecht!
Manche versuchen mich dann noch in ihr Boot zu holen, mit "Stammtischparolen", wie:
"Sagen Sie doch mal im Vertrauen? Wer ist denn da Schuld? Ich meine, hätte man die Mutter nicht sterlisieren können - dann wäre sowas doch gar nicht passiert..."

Auch "biologischen" Müttern gebührt die Anerkennung, die sich bewusst für ihr behindertes Kind entscheiden - oder ihnen erst Recht!

- Sie müssen den Trauerprozess durchleben,
- sie werden nicht in Seminaren und Einzelgesprächen auf ihr behindertes Kind vorbereitet,
- sie bekommen kein Pflegegeld dafür, dass sie ein behindertes Kind erziehen (Pflegestufe mal ausgenommen),
- sie hatten nicht die Wahl, die ich hatte,
- sie können nur zwischen "Leben und Tod" entscheiden (mein Pflegekind war schon da....)
- sie quälen sich oft mit unnötigen Schuldfragen usw. usw.

Als Pflegemama sitze ich hier noch vergleichsmässig paradiesich gebettet - ich habe hier ein hochkompetentes Jugendamt, an das ich mich wenden kann.
Dort kann ich mich beraten lassen, dort bekomme ich Supervision, dort kann ich mich mal ausk**** --- ich fühle mich anerkannt, angenommen....es geht mir gut mit meinem behinderten Pflegekind.
Ich muss keine Angst haben, soziale Kontakte zu verlieren - ich bin so gesellschaftlich eingebunden, schon alleine weil "mein" JA nicht nur Pflegekinder vermittelt, sondern sich auch drum bemüht, soziale Kontakte zu vermitteln...usw. usw.


Wo bleibt denn aber die Anerkennung für all die Mütter, die ihr Kind nicht vorgeburtlich "einschlafen" (....:grantel:....) haben lassen, sondern die sich dem stellen, dass sie ein behindertes Kind zur Welt bringen???
Kirsten 02.07.2009, 15:24#13
AW: Der Ludwig lacht
Zitat von **Claudia**
Spannend ist für mich die Frage:
was ist das "Ziel" des Artikels?
Spannend ist für mich auch die Beobachtung, dass dieser Artikel genau in dem Zeitraum erschienen ist, in dem es ein neues Gesetz im Bezug auf Spätabtreibungen gibt.

Was will oder soll dieser Artikel erreichen?


Mir ist in den letzten 2 Wochen einiges durch den Kopf gegangen, was hier irgendwie auch dazu paßt. Ich habe das Gefühl, der hochentwickelte Mensch fällt im sozialen Bereich wieder in seine Ursprünge zurück. Schauen wir uns mal im Tierreich um. Die Vögel werfen die schwachen und kranken Kinder aus dem Nest um die starken durchzubringen. Die Hunde und Katzen fressen ihre Kinder einfach mal auf und andere kümmern sich von vornherein gar nicht um ihren Nachwuchs. (Anmerkung: Soll nicht heissen, ich behaupte der Mensch stamme vom Affen ab)Mir kommt es vor, als wenn der Mensch außer Frage zwar lernfähig ist, das Wort Integration auch interpretieren kann, aber auch immer wieder neu von Generation zu Generation dazu angeleitet werden muss. Nimmt man ihm die Probleme im Umgang ab, fällt er nur zu gerne wieder in das alte Muster zurück. Würden wir die Menschen lassen, gäbe es keine Verbände wie VDK, Caritas, Diakonie usw. wäre die Lebenshilfe vor mehr als 50 Jahren nicht gegründet worden, wer weiß wie weit wir im Umgang mit unseren behinderten Menschen wären.
Darum ist es auch wichtig, dass wir solche Verbände haben. (auch wenn man denen ab und zu über die Schulter schauen muss.) Bei manchen Völkern werden die behinderten Menschen verehrt und bei manchen Völkern werden sie verachtet und ausgestoßen weil man glaubt, sie müssten in ihrem neuen Leben büßen, was sie im alten falsch gemacht haben.
Artikel wie dieser schüren und nagen in einer Leistungsgesellschaft wie der unseren, an einem ganz schwierigen und heiklem Thema.
Vielleicht sind wir bald in Kategorien bzw. Schubladen eingeteilt, was schreibe ich, wir werden ja schon so eingeteilt. Wir müssen eben immer unsere Füße dazwischen stecken, dann können die anderen die Schublade nicht schließen. Je mehr wir uns vernetzen und eine Gemeinschaft bilden umso stärker werden wir uns für unsere behinderten Menschen und Angehörigen einsetzen können.

Viele Grüße
Kirsten
Inge 02.07.2009, 17:34#14
AW: Der Ludwig lacht

Hallo zusammen,
Zitat von **Claudia**
Was will oder soll dieser Artikel erreichen?

es gab vor einiger Zeit den
ENTWURF EINES BERICHTS
über den Vorschlag für eine Empfehlung des Rates für eine europäische Maßnahme im Bereich seltener Krankheiten


[...] In einigen Fällen gibt es bereits Gentests, die vor Präimplantationsverfahren durchgeführt werden können, um solche Krankheiten bei Embryonen auszuschließen und letztlich einige dieser Krankheiten auszumerzen. Hier ist konzertiertes Handeln mit genetischer Beratung und Informationsnetzen gefragt. Dies ist in einigen Mitgliedstaaten bei bestimmten Krankheiten bereits gängige Praxis und sollte geprüft und in Erwägung gezogen werden, da so schließlich einige dieser Erkrankungen ausgemerzt werden können. [...]

Quelle und kompletter Text: Europäisches Parlament
Ausschuss für Umweltfragen, Volksgesundheit und Lebensmittelsicherheit


Vor allen Dingen der Begriff "ausmerzen" verursacht ein sehr ungutes Gefühl bei mir. Ist die "Empfehlung" bei der PID (Präimplantationsdiagnostik) vielleicht der Anfang? Danach kommen "Empfehlungen" für Embryonen, dann für schwerstbehinderte Neugeborene (siehe Singer, Nida-Rümelin und andere), und dann für alle anderen Menschen, denen gewisse Werte und Fähigkeiten (wirtschaftlicher Nutzen) abgesprochen werden?!?
Die Gefahr sehe ich derzeit ganz besonders, da die "Weltwirtschaftskrise" dazu ein ideales Klima bietet. Man könnte dahinter eine Art Versuch zur Lösung künftiger (volkswirtschaftlicher) Probleme sehen. Genau deshalb wird auch die Diskussion zum Thema "Sterbehilfe" derzeit wieder stark forciert.
Ich befürchte, irgendwann wird das Recht auf eine vorgeburtliche Untersuchung zur Pflicht werden - und das Recht auf den eigenen Tod bei (unheilbaren) Krankheiten oder.... ebenfalls zur Pflicht.
**Claudia** 02.07.2009, 17:54#15
AW: Der Ludwig lacht
Ich befürchte, irgendwann wird das Recht auf eine vorgeburtliche Untersuchung zur Pflicht werden - und das Recht auf den eigenen Tod bei (unheilbaren) Krankheiten oder.... ebenfalls zur Pflicht.
Ich habe das Gefühl, der hochentwickelte Mensch fällt im sozialen Bereich wieder in seine Ursprünge zurück. Schauen wir uns mal im Tierreich um. Die Vögel werfen die schwachen und kranken Kinder aus dem Nest um die starken durchzubringen. Die Hunde und Katzen fressen ihre Kinder einfach mal auf und andere kümmern sich von vornherein gar nicht um ihren Nachwuchs

Kirsten und Inge:
Ihr bringt genau auf den Punkt, was auch ich befürchte!

Das Wort "Sterbehilfe" interpretiere ich jedenfalls so, dass man zu einem würdigen Tod beitragen kann (Schmerztherapie, "dasein" für den Sterbenden, das Leben nicht künstlich verlängern, aber auch das Sterben nicht künstlich "beschleunigen").

Ich weiss gut, von was ich da schreibe:
der Cousin meines Mannes starb im Alter von nur 21 Jahren an Krebs - wir haben ihn fast bis zum letzten Atemzug mitbegleitet.

Er hatte das, was ich unter "Sterbehilfe" verstehe - nicht zuletzt durfte er zuhause bei seinen Eltern in seinem Bett sterben.
Line 06.07.2009, 22:33#16
AW: Der Ludwig lacht

Uff...der Text hat mich wirklich betroffen gemacht-der Kommentar der FAZ rückt da doch vieles in ein anderes Licht.
Unser dritter (gesunder) Sohn ist ganz geplant in der 35. SSW geholt worden und ich war froh, dass ich als Risikoschwangere so weit gekommen bin. Unser behindertes Kind ist behindert, was kein Mensch vorhersehen konnte-nämlich durch eine Frühgeburt. Selbst gesunde Kinder können durch einen Unfall Behinderungen davontragen. Ich habe auch diese Tripple-Untersuchungen nicht machen lassen, weil ich mich nicht verrückt machen wollte am Anfang der Schwangerschaft.
Manchmal wird dieser Wert einfach durch eine Grippe verändert.
Dann gibt es ja auch noch das Kind, dass diese Spätabtreibung überlebt hat.
Ein wirklich schwieriges Thema, über dass wohl auch-gerade mit Eltern eines behindertes Kindes nicht gesprochen wird.
Neulich erzählte mir eine Mutter, als sie auf einer Beerdigung eines behinderten Kindes war, sagte ein Besucher zur Mutter: Ab morgen fängt für dich ein neues Leben an....
Kirsten 06.07.2009, 23:35#17
AW: Der Ludwig lacht

Hallo Line,

ich habe damals eine Fruchtwasseruntersuchung durchführen lassen. Da ich ja schon in jungen Jahren einmal chemotherapeutisch behandelt werden musste, wollte ich sicher sein, dass es meinem Kind gut geht und/oder man ihm rechtzeitig helfen könnte.
Alles war bestens - nur mein Kind hatte da schon schwerste Behinderungen, die man noch nicht sehen konnte. Unvermeidbar durch die Toxoplasmose.
Lediglich eine Blutuntersuchung gezielt auf die Infektion hin, hätte vielleicht rechtzeitig Hilfe gebracht. Da man mich durch die Empfindlichkeit wegen meiner früheren Diagnose hin nicht für voll nahm, wurde alles verschleppt. Dann war es zu spät und ich stand irgendwann in München vor dieser im Bericht genannten Klinik mutterseelenallein auf der Straße mit dem Wissen, ich habe jetzt ein blindes und mehrfachbehindertes Kind. Es hat so weh getan.
Und doch, wenn es geklappt hätte, wir hätten auch gerne noch ein jüngeres Geschwisterchen für unseren Sohn gehabt und ich hätte niemals wieder eine Fruchtwasseruntersuchung durchführen lassen. Lediglich die Blutuntersuchung auf bestimmte Infektionen hin, die man beim normalen, von den Kassen finanzierten Screening noch nicht einmal bezahlt bekommt, hätte ich durchführen lassen.
Man mag da geteilter Meinung sein, aber ich hätte, habe und würde immer wieder genau meinen Sohn und nur meinen Sohn aus der Klinik mit nach Hause nehmen. Selbst wenn ich freie Wahl unter hunderten von perfekten kindern gehabt hätte oder habe. Ich bin auf ihn genauso stolz, wie auf meinen großen Sohn. Er steht seinem Bruder in nichts nach. Es ist eben eine andere Ausgangslage mit der wie uns alle irgendwie arangieren und zurechtkommen müssen. Darum ist es auch so wichtig, dass die Gesellschaft Menschen mit Behinderung teilhaben lässt. Teilhaben an einem Leben auf das wir alle das gleiche Recht haben. (sollten!)
Kirsten
**Claudia** 07.07.2009, 06:45#18
AW: Der Ludwig lacht
Darum ist es auch so wichtig, dass die Gesellschaft Menschen mit Behinderung teilhaben lässt.


....und dass auch Eltern behinderter Kinder ermutigt und gestärkt werden, ihre behinderten Kinder an der Gesellschaft teilhaben zu lassen.
In der letzten Zeit habe ich die bestürzende Erfahrung gemacht, dass das auch nicht selbstverständlich ist.:-(
Line 13.07.2009, 21:32#19
AW: Der Ludwig lacht

Hi Kirsty,
siehtst du-dass ist das, was ich meine. Nichts gibt einem eine Garantie auf ein gesundes Kind. Wenn ich hier so die Artikel lese, dann gibt es doch einige Eltern, die erstmal mit dem Schicksal hadern und sich aber dann doch der Aufgabe stellen. Am Anfang habe ich auch alles fürchterlich schwarz gesehen, aber man erkennt mit der Zeit, dass auch mit einem behindertem Kind vieles möglich ist. Der ganze "Lebensplan" den man so hatte, ist natürlich über den Haufen geworden, aber trotzdem: wir fahren in Urlaub, wir nehmen unseren Sohn überall hin mit.
miau 22.07.2009, 18:11#20
AW: Der Ludwig lacht

solche Artikel sind genau das, was die Gegner von Behinderten brauchen. Heute hat nämlich der Mensch ein Recht darüber zu entscheiden, was lebenswürdig ist und was nicht. :grins: :-( Und solche Artikel geben ihnen eine Bestätigung, dass doch gar nichts dabei ist, eine Abtreibung durchzuführen. Egal ob das Kind gesund ist oder nicht, es handelt sich um eine Abtreibung, die schlimme Folgen seelischer Art für die Mutter hat. Auch für die später geborenen Verwandten.

Dabei wird überhaupt nicht berücksichtigt, dass man auch durch Krankheit oder Unfall eine schwere Behinderung davon tragen kann. Und was machen die dann? am besten gleich vergiften oder sonstwie umbringen? Eine saubere Gesellschaft, das wär schon was??? Dann frage ich mich, wieso die Natur von sich aus Genmutationen eingerichtet hat, die nicht vorhersehbar und voraussagbar sind. Sie können jeden betreffen und hat mit Vererbung überhaupt nichts zu tun. Aber darauf kommt man erst, wenn man sich ganz ausführlich mit der Biologie des Menschen beschäftigt hat, um Menschen, die blöd daherreden, einmal ausührlich kontern zu können. (abr bei denen ist es es sinnlos)

LG Micha
Inge 22.07.2009, 19:08#21
AW: Der Ludwig lacht

Hallo Micha,
hallo zusammen,
Zitat von miau
Dann frage ich mich, wieso die Natur von sich aus Genmutationen eingerichtet hat, die nicht vorhersehbar und voraussagbar sind. Sie können jeden betreffen und hat mit Vererbung überhaupt nichts zu tun.

Es gibt einen guten Beitrag zu diesem Thema: Vom Defekt zur Vielfalt.

Oft sind auch kleine sprachliche Unterschiede von großer Bedeutung, deshalb rede ich auch immer von Genmutation und nicht von Genschaden.