Hallo zusammen,
ich habe gestern diesen Artikel hier entdeckt - mein aufrichtiges Mitgefühl gilt der Mutter und dem Kind.
http://www.sueddeutsche.de/panorama/brasilien-schwangere-muss-foetus-ohne-gehirn-austragen-1.960071
Vielleicht ergibt sich ja eine Diskussion, die die verschiedenen Aspekte dieses Dramas beleuchtet.
Ich werde auch noch meine Ansicht dazu schreiben.
AW: Verbot v. Abtreibung/Fötus ohne Gehirn
Hallo Caudia,
ein sehr heikles und schwieriges Thema und Herausforderung für unsere Plattform. Es gab ja schon einmal eine Diskussion hierzu.
Pränataldiagnostik
In der heutigen Zeit ist aus medizinischer Sicht ein Vorabaussortieren von lebenswerten Leben schon in vielen Fällen möglich. Im Dritten Reich wurden die als geistlos bezeichneten Menschen auch schon gegen die mit noch verwertbarem Geist auf den Listen zum Abtransport aussortiert. Nur da waren es ja schon "menschenähnliche" Wesen, weil sie halt so vom Körperbau aussahen und das macht heute Betroffenen ein schlechtes Gefühl. Siehe Buch: Als
Menschenleben noch gegen Sachwerte aufgewogen wurden"
Nichtbetroffene und da machen wir uns mal nichts vor, sehen das bestimmt aus einem anderen Blickwinkel. So wird aus das Denken der Mehrheit der Gesellschaft zum "Thema Austragen eines Kindes ohne Gehirn" stehen.
Kann ein ungeborenes Kind, welches kein Gehirn hat, Schmerzen spüren?
Wie geht es einer Mutter, die ein Kind mit Gehirn im Bauch trägt, wie geht es einer Mutter, die ein Kind ohne Gehirn im Bauch trägt?
Ich wußte in der Schwangerschaft, dass ich ein Kind mit ganz wenig Gehirn im Bauch trage. Ich hätte es am liebsten im Bauch behalten, weil ich es da beschützen konnte, gegen den Rest der Welt. Es wollte aber raus und in die Welt hinein und das auch sehr schnell. Ich glaube auch schreiben zu können, dass er glücklich ist. Zumindest so lange glücklich, wie Menschen um ihn herum sind, die es gut mit ihm meinen.
Es gibt eine Examensarbeit eines Herrn Felix Heinrich. Schaut mal bei Amazon mit Klick ins Buch Vorwort 1.1.3 letzter Absatz. Ich finde es hochinteressant, wie er es beschreibt, wie die Möglichkeit der Pränatalendiagnostik auf die Gesellschaft wirkt.
Felix Heinrich:
Väter behinderter Kinder - Situation, Beratungs- und Hilfsangebote
Soviel erst mal von mir zu diesem wie gesagt sehr schwierigem Thema.
L.G.
Kirsten
AW: Verbot v. Abtreibung/Fötus ohne Gehirn
Hallo Kirsten,
vielen Dank für Deinen Beitrag.
Ja, es ist ein heikles und herausforderndes Thema - das ich der Plattform aber absolut zutraue (sonst hätte ich es nicht eingestellt).
Bin im Moment noch ein bisschen im "Vorbeihuschen", aber ich werde auch noch etwas dazu schreiben.
Ich finde diese ethischen Themen unendlich wichtig und ich setze darauf, dass sich hier eine fruchtbare Diskussion entwickelt.
AW: Verbot v. Abtreibung/Fötus ohne Gehirn
Hallo zusammen,
in diesem Fall handelt es sich wohl ein Kind mit Anencephalie.
Ich finde, man muss die Entscheidung den Eltern überlassen.
Ich persönlich würde auch in diesem Fall keine Abtreibung in Betracht ziehen, sondern dem Kind soviel Zeit schenken wie möglich.
Auch über Möglichkeiten von Organspende würde ich mich genau informieren und darüber nachdenken.
Ich glaube es wäre sehr tröstlich für mich zu wissen, dass mein Kind, das nicht überlebensfähig wäre und nicht zu heilen, anderen Kindern Leben schenken könnte. Zudem sind gerade Organe für Kinder sehr selten.
Hier eine Seite mit Infos zum Thema Anencephalie:
http://www.anencephalie-info.org
LG, amai
AW: Verbot v. Abtreibung/Fötus ohne Gehirn
Hallo amai,
ja, man sollte es den Eltern überlassen und sich wünschen, dass es dann auch zu einer gemeinsamen Entscheidung kommt. Manchmal werden ja die Mütter leider auch erpresst und müssen sich zwischen Kind oder Partner entscheiden.
Pränataldiagnostik ist aber kein Freibrief für eine 100% Diagnose.
Mein Junge hat einen wunderschönen Chromosomensatz ohne jegliches Zeichen für eine Fehlbildung. Der ganze Mutterpaß zeigt eine völlig normale Entwicklung.
Die Geburt war spontan und man könnte sagen, den Umständen entsprechend normal. Und doch ist mein Sohn ein schwerstmehrfachbehindertes Kind. Wenn ich ihn so lauthals und voller Freude lachen höre, wenn er dann "glicklich bin" sagt und auch "musste lachen" dann denke ich, gut, dass er nicht weiß, wie ernst es manchmal um ihn steht. Gleichwohl wird mir aber immer wieder bewußt, dass es sein Leben ist und ich mich gar nicht so sehr mit ihm identifizieren darf, sondern ihm das Recht auf ein eigenständiges Leben mit seinen Höhen und Tiefen ermöglichen muss.
Ich kann ihn eigentlich nur unterstützen und helfen, bzw. seine Schwächen versuchen auszugleichen und/oder zu stärken.
L.G.
Kirsten
AW: Verbot v. Abtreibung/Fötus ohne Gehirn
Ich denke auch, dass man diese Entscheidung den Eltern überlassen muss und man kann nur hoffen, dass die Eltern bei der Entscheidungsfindung übereinkommen.
Wenn ich mit dem Gedanken spiele, dass ich in der Situation der Schwangeren wäre:
persönlich wäre es mein Wunsch, das Kind zu gebären und bei ihm zu sein, wenn es stirbt.
Ich wollte mein Kind sehen, Körperkontakt haben und es bis zum letzten Atemzug begleiten. Ich wollte die Chance haben, es kennenlernen zu dürfen und aktiv Abschied nehmen zu dürfen.
Ich glaube aber, dass mein Mann das vielleicht nicht so tragen könnte - ich denke, er würde meinen Wunsch respektieren und mich nicht zu einer Abtreibung zwingen.
Aber ich kann mir vorstellen, dass er keinen aktiven Abschied nehmen könnte.
Ich würde mir auf jeden Fall spirituelle Begleitung aus den Reihen meiner Religionsgemeinschaft wünschen (ich habe eine nicht-christliche Religionszugehörigkeit), das wäre mir ganz wichtig.
Ich kann aber den Wunsch der Schwangeren nach einer Abtreibung in diesem Fall voll und ganz akzeptieren, was ich nicht akzeptieren kann ist die Entscheidung des Richters.
AW: Verbot v. Abtreibung/Fötus ohne Gehirn
Guten Abend liebe Claudia,
weißt du, ich habe genau das, was du beschreibst erlebt. Die Geburt eines -meines- Kindes von dem man eben nicht wusste, inwieweit das Gehirn ausreichte, überhaupt lebensfähig zu sein. Ich hatte das große Glück, dass es nicht meine erste Entbindung war und alles recht schnell ging und mein Oberarzt Nachtdienst hatte. So durfte ich mein Kind ganz normal gebären. Ich wollte bei vollem Bewußtsein bei ihm sein, wenn es lebend geboren würde, um dann vielleicht gleich wieder von uns gehen zu müssen. Ich wollte die Wärme spüren,ich wollte mit ihm reden können und nicht irgendwann aufwachen und hören, was passiert ist. Ich hatte so viel Angst, als er geboren wurde, die Sekunden als er zur Welt kam habe ich vor lauter Not aufgeschrien, weil es der entscheidene Moment über Leben und Tod war. Ich konnte in diesem Moment nur loslassen und gar nichts mehr tun.
Aber wie auch schon beschrieben, mein Stefan war lebensfähig. Der Oberarzt strich über seine Wange und sagte: er sieht doch ganz gut aus!" Mein Mann war an meiner/unserer Seite und wich dann auch nicht in Folge des Tages von Stefans Seite. Nach der Diagnose, damals ca 6 Wochen vor der Entbindung hat er eine Zeit für sich alleine gebraucht, um damit fertig zu werden. Die fand er am selben Tag, weil ich gleich im Krankenhaus bleiben musste. Schon am Abend baute er das Babybett auf und damit war seine Entscheidung für unser Kind da zu sein, gefallen. Manchmal tut es mir weh, wenn ich ihn anschaue und die Leichtigkeit des Seins vermisse, die früher in ihm war. Andererseits kann ich nur froh sein, so einen tollen Vater für mein Kind zu haben. Wir beide lieben unseren Sohn von ganzem Herzen und unendlich. So,wie er eben ist. Vielleicht kann er deshalb auch so herzhaft lachen und sagen:"glicklich bin"
Eine gute Nacht für alle,
Kirsten
AW: Verbot v. Abtreibung/Fötus ohne Gehirn
Hallo zusammen,
Zitat von **Claudia**
Ich kann aber den Wunsch der Schwangeren nach einer Abtreibung in diesem Fall voll und ganz akzeptieren, was ich nicht akzeptieren kann ist die Entscheidung des Richters.
Claudia, dem kann ich mich voll und ganz anschließen, auch wenn ich persönlich anders handeln würde als die Mutter. Aber dieser Zwang zum Austragen des Kindes ist unerträglich.
Ein Kind "muss" weder gesund noch geplant sein, aber es sollte meiner Ansicht nach auf dieser Welt erwünscht und willkommen sein.
AW: Verbot v. Abtreibung/Fötus ohne Gehirn
Hallo Claudia, hallo zusammen,
das ist wirklich ein schwieriges Thema. Ich kann nur sagen, wie es mir selbst ergangen ist:
Kurz vor Weihnachten 2009 habe ich bei der Routinekontrolle beim Gyn erfahren, dass eines meiner Babys viel zuwenig Fruchtwasser hat. Kurz darauf wurde dies bei der Pränataldiagnostik bestätigt. Ich war in der 16 SSW und hatte einen Blasensprung. Die Ärztin dort hat mir mit vorsichtigen Worten, nicht allzu beschönigend, aber auch nicht absolut aussichtslos meine Situation und die meines Kindes dargelegt. Dass sich die Lunge ohne Fruchtwasser nicht ausbilden kann, dass BEIDE Kinder durch eine Infektion sterben könnten, dass auch für mich durch eine Infektion ein hohes gesundheitliches Risiko besteht. Am Ende des Gesprächs hat mich die Ärztin dann auch darüber aufgeklärt, dass ich "die Schwangerschaft abbrechen" können, was jedoch bedeutet, dass BEIDE Kinder sterben würden, auch meine gesunde Tochter. 16. SSW, die Kleinen sind 18cm groß, wiegen ein halbes Pfund. Sie hat mir ALLES dargelegt, was passiert, wenn die Kleinen zu früh kommen, am Schlimmsten zw. 23. und 26. SSW., dass sie mit allergrößter Wahrscheinlichkeit behindert sein würden.
Ich war völlig fertig. Zum Einen natürlich die Diagnose, zum Anderen aber auch, darüber nachdenken zu müssen, zwei Leben einfach zu töten. Geweint hab ich ohne Ende. Zwei Wochen nach diesem Termin, nach unserem Silvesterurlaub, hab ich eines Morgens meinen dicken Bauch gestreichelt und zu meinem Sohn gesagt, er darf da drin bleiben, so lange es ihm gut geht, so lange er es aushält und so lange er will. Dabei hab ich wieder Rotz und Wasser geheult. Danach war das Thema Abtreibung für mich erledigt und ab da ging es mir deutlich besser.
Bei der nächsten Feindiagnostik, ich war in der 21. SSW, die Mäuse hatten ungefähr 25cm und 450g, sagte die Ärztin wieder, ich könne immer noch, quasi jeder Zeit, abtreiben. Da hab ich das sofort abgewürgt und gesagt, dass dies für mich bzw. uns (mein Mann hat diese Entscheidung voll mitgetragen) nicht in Frage kommt.
Ein paar Wochen später ist unser Sohn 7 ½ Stunden nach der Geburt gestorben. Ich wurde im Krankenbett zu ihm auf die Intensivstation gefahren, habe ihn noch getauft, habe es abgelehnt, dass er sinnlos reanimiert wurde, habe gesehen, wie er stirbt und als ich ihn, mein erstes Kind, zum ersten Mal in den Armen halten durfte, da war er schon tot. Das war eine schreckliche Erfahrung, ich wünsche das niemandem. Aber ich möchte diese letzten Momente mit ihm nicht missen. Und was für mich sehr wichtig ist: Mit seinem Tod kann ich umgehen. Er hat in meinem Bauch wochenlang durchgehalten und dann hat er mir signalisiert, dass er jetzt nicht mehr kann und ich habe ihn gehen lassen.
Wenn ich ihn und seine Schwester willentlich töten hätte lassen, damit hätte ich nicht leben können, das hätte ich wirklich nur schwer verkraftet. Ständig würde ich mir vorstellen, wie es wäre, wenn.
Und trotz Marlies’ schlechten Start ins Leben und ihrer ungewissen Zukunft: Mein Gott, wenn ich sie abgetrieben hätte! Ich kann’s mir nicht vorstellen!
Was ich mit meiner langen Rede eigentlich nur sagen wollte ist: Jede Frau sollte selbst entscheiden, ob sie mit einer Abtreibung leben kann oder nicht. Aber ich persönlich glaube, dass man so eine Entscheidung schwer verkraftet, sie ein Leben lang mit sich rumschleppt. Ich kann die Frau verstehen, wenn keinerlei Hoffnung auf ein lebenswertes Leben (was ist das? – schwierig) besteht, dass sie ihr Baby abtreiben möchte.. Ob das ein Gericht entscheiden DARF? Hmmm, schwierig. Mit der Entscheidung zu leben wird für diese Frau ohnehin die schwerste Bürde sein.
Viele Grüße
Sandra