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Südkurier: Der ganz normale Wahnsinn

Inge 16.03.2007, 15:09#1
Südkurier: Der ganz normale Wahnsinn
In den hübschen Straßen der Zähringerstadt Villingen begegnet man vielen verschiedenen Menschen. Alte und Junge, Dicke und Dünne, mit Brille oder ohne. Auch den einen oder anderen offensichtlich körperlich behinderten Menschen sieht man, seltener schon geistig behinderte, meist Kinder oder Jugendliche. Dass es auch erwachsene geistig behinderte Menschen geben müsste, fällt einem bewusst erst in diesen Tagen auf. Doch wo sind diese "anderen"?

Tatsächlich leben nicht wenige von ihnen in so genannten Komplexeinrichtungen auf dem Land, wo bis zu 1000 Menschen betreut werden. Dies, so ist es auch politisch gewollt, soll sich ändern. Das Konzept ist, geistig behinderte Erwachsene in ganz "normalen" Wohngebieten leben zu lassen. Konkrete Absichten allerdings sorgen seit letzter Woche für erheblichen Wirbel in der Doppelstadt Villingen-Schwenningen.

"Oft distanzlos"

Von Seiten des örtlichen Caritasverbandes gibt es Pläne, ein Mehrfamilienhaus zu errichten. Zwei Dutzend geistig behinderte Menschen, deren Familien in der Region leben, sollen hier zukünftig zwar betreut, aber weitgehend selbstständig wohnen. Bisher sind diese Behinderten noch im St. Josefshaus in Herten bei Rheinfelden untergebracht, wo rund 700 Behinderte leben. Das Haus nun, welches die Caritas plant, soll mitten in einem eher vornehmen Villinger Wohngebiet der Stadt errichtet werden. Gegenüber steht ein Kindergarten.

Schnell formierte sich Widerstand unter den Anwohnern, nachdem die Pläne bekanntwurden. Bei einer eiligst einberufenen Sitzung vor wenigen Tagen, an der trotz des kurzfristig angesetzten Termins über 50 Bürger teilnahmen, formulierten sich massive Ängste. Eine Psychotherapeutin und Diplom-Pädagogin, die ihren Standpunkt für die besorgten Bürger darlegte, sprach dabei von "oft distanzlosen mongoloiden und dementen Menschen", bei denen angesichts der Tatsache, dass das Haus direkt gegenüber dem Kindergarten geplant sei, "Übergriffe auf Kinder nicht ausgeschlossen seien".

Einige der Teilnehmer der Veranstaltung zeigten sich im Nachhinein schockiert von diesen Darstellungen, die bei vielen Eltern massiv Ängste auslöste. Geradezu "missionarisch" habe die Therapeutin ihren Standpunkt dargelegt und damit Angst geschürt, wie einer der Beteiligten in einem der zahlreichen emotionalen Leserbriefe, die im Villinger Teil des SÜDKURIER erschienen, beschreibt. Und er distanziert sich ausdrücklich von seinen Mitbewohnern in dem Wohngebiet.

Hat sich denn nichts geändert?

Als man die Situation in Villingen Norbert Halbherr schildert, stößt dieser ein bitteres Lachen aus. Er leitet das Haus "Lebensheimat" in Reiselfingen bei Löffingen. 50 geistig behinderte Menschen leben hier in einem Dorf, das gerade 500 Einwohner hat. Als man vor 30 Jahren diese Einrichtung errichtet habe, so erläutert er, hätte man in Teilen der Bevölkerung dieselben Bedenken gehabt. "Hat sich denn nichts geändert?", so seine rhetorische Frage gen Villingen. Und fegt die angebliche "Gefährlichkeit" von geistig Behinderten vom Stammtisch des Populismus. Ganz im Gegenteil, so konstatiert er. Häufig seien Behinderte die Opfer von sexueller und körperlicher Gewalt der "ganz normalen anderen". Er kennt keinen belegten Fall eines "Übergriffs" auf Kinder von Seiten geistig Behinderter.

Was die Integration in Wohngebieten angeht, so kann er zumindest im benachbarten Löffingen auf ein positives Beispiel verweisen. "Wir haben hier ein Gebäude für geistig Behinderte mitten in ein Wohngebiet gebaut. Da gab es keine Probleme, weil die Leute uns schon so lange kennen und vertraut damit waren", so Halbherr. Auch wenn er es schön fände, wenn ein solches Projekt ohne Diskussion mit der Bevölkerung durchgeführt werden könnte. "Eine sachliche Vorinformation der Anwohner ist da der Sache eindeutig dienlich", meinte Halbherr abschließend.

Geistig Behinderte sind nicht gefährlich

Dass die losgetretene Diskussion in Villingen trotz "Aktion Mensch" und aller politischen Korrektheit in den Schönwetterreden der Politiker leider nicht außergewöhnlich ist, bestätigen Insider. Im überwiegenden Teil der Fälle, wo ein solches Projekt geplant gewesen sei, habe es auch in anderen Städten immer wieder Proteste mit ähnlichen Vorbehalten gegenüber geistig behinderten Menschen von Seiten der Anwohner gegeben. Und immer mit dem Argument, man habe im Prinzip ja nichts gegen Behinderte, aber...

Dass allerdings eine praktizierende Therapeutin wie jetzt in Villingen derartige Aussagen über Behinderte macht, ist ungewöhnlich für die Experten. "Unsere Fachleute hier schütteln nur den Kopf über diese Dame", berichtet Andreas Gräff, Pressereferent am St. Josefshaus in Herten. "Geistig Behinderte sind nicht gefährlich, das ist alles, was mir zu dieser Diskussion noch einfällt. In dieser Kategorie denken wir gar nicht", verdeutlicht er. Und bestätigt, dass das so genannte Regionalisierungskonzept, wonach geistig behinderte Menschen wieder in der Nähe ihrer Familien angesiedelt werden und möglichst selbst bestimmt leben sollen, vorangetrieben wird. "Man will in Deutschland das erreichen, was in anderen Ländern Europas schon längst Praxis ist. Nämlich Großeinrichtungen wie die unsere Stück für Stück zurückzufahren", so Gräff dazu.

Noch weit entfernt von einer Normalität im Zusammenleben

Pikanterweise hatte erst vor drei Monaten der Behindertenbeauftragte des Landes, der Staatssekretär Dieter Hillebrand, bei einem Besuch in Villingen-Schwenningen ausdrücklich zur vollen Integration von behinderten Menschen durch betreutes Wohnen in der Gemeinde aufgerufen. Ziel der Landesregierung, so Hillebrand damals, sei es, auch geistig Behinderten die volle Teilhabe am Leben zu ermöglichen, ob in der Stadt oder auf dem Land.

Dass dieses Ansinnen gerade in Villingen nun mit haarsträubenden Argumenten dermaßen torpediert wird, hätte sich der Staatssekretär aus Stuttgart wohl nicht im Traum einfallen lassen. Nicht nur das. In einem offenen Schreiben forderten die Anwohner des betroffenen Gebietes nun vergangenen Samstag den Oberbürgermeister der Stadt Villingen-Schwenningen, Rupert Kubon auf, das geplante Projekt zu stoppen. Eine solche "Masse von behinderten Menschen" könne man in ihrem Wohngebiet nicht integrieren, so die Feststellung. Man ist, so scheint es, noch weit weg von einer Normalität im Zusammenleben mit den anderen.
katrinchen 17.03.2007, 17:58#2
Mag sein, dass ich naiv bin, aber dieser Artikel hat mich wirklich schockiert! In den Köpfen der Menschen scheinen Dinge vorzugehen, die ich mir nie hätte vorstellen können...