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Was ich euch mal sagen möchte.....

Kirsten 20.07.2015, 16:47#1
Was ich euch mal sagen wollte.....................
ist, dass ich seit vielen Jahren Mitglied der Lebenshilfe in Deutschland bin. Immer sehr gut von meiner Lebenshilfe bis heute Vorort versorgt werde. Engagiert und voller Tatendrang auch heute die Vorsitzende meiner Kreis- und Ortsvereinigung bin. Ich verteidige auch bis heute den Gedanken und den Sinn, der Eltern vor vielen Jahren zur Gründung und zum Auf- sowie Ausbau einer Elternvereinigung namens "Lebenshilfe" antrieb.

Lebenshilfe bedeutet nämlich für mich, Menschen mit einem Hilfebedarf, vorrangig mit einer geistigen oder auch mehrfach Behinderung, Seite an Seite durch das individuelle Leben zu helfen.

Lebenshilfe bedeutet für mich, dass mir Fachleute zuhören, mich ernst nehmen und mit mir, gemeinsam neue Wege, die für unsere zu Betreuenden lebenswichtig und lebensnotwendig sind, vorzubereiten und auch auszubauen.

Lebenshilfe bedeutet für mich, da ist jemand, der mir zuhört und zu dem ich vertrauen haben kann, weil er es gut und unvoreingenommen mit meinem Kind meint.

Lebenshilfe bedeutet für mich, dass ich auch mein Kind, wenn es erwachsen ist, in gute und umsorgende Hände abgeben kann, die Verantwortung bewusst aus den Händen geben darf und mir sicher sein kann, dass Lebenshilfe mit den jüngeren Eltern als "Wächtern" auf mein Kind aufpasst und es, wenn es an der Zeit ist, es auch ans Grab begleitet.

Lebenshilfe als Elternverband bedeutet, dass Eltern ihre Aufgabe und ihren Platz in der Lebenshilfe haben. Sie übergeben im Wechsel der Generationen den Stab und manchmal korrigieren sie auch die Richtung, in der Lebenshilfe dem Zeitgeist angepasst, unterwegs sein muss.

Lebenshilfe war und ist für mich der Inbegriff der Stärke, gefüllt mit dem Wissen von Eltern, gestärkt von dem Mut der Eltern, getragen und ausgefüllt von jedem einzelnen Betroffenen, der sich ihr zuwendet und dem sie sich annimmt.

Lebenshilfe ist nichts anderes als ein großer runder Ball, der in den Händen seiner Mitglieder einen festen Halt findet.

Das wollte ich euch einfach mal sagen.

Ihr solltet, auch wenn ihr gerade die Stirn runzeln mögt, nicht gleich antworten. Im nächsten Thread erzähle ich euch, wie der bevorstehende Auszug meines Kindes, manches im Leben durcheinander bringen kann. Erst im Anschluss daran, bitte ich euch, wenn ihr es denn wollt, zu antworten.





Kirsten 20.07.2015, 16:47#2
Was ich euch mal sagen wollte.........................Fortsetzung Teil 2

Eigentlich könnte ich jetzt hier ganz viel loswerden. Ich werde es aber ganz bewusst nicht tun. Ich könnte euch von meinen Tränen, meiner Wut und meiner Enttäuschung erzählen, aber es würde an unserer momentanen Situation nichts ändern.

Man kann nur verändern, wenn man aufsteht und etwas tut. Das heißt, Eltern müssen sich endlich wieder bewusst werden, dass sie nur gemeinsam große Ziele erreichen können. Wir Eltern sind schon lange nicht mehr die Lebenshilfe, weil wir uns durch Besserwisserei und Ignoranz, sowie vielen Alleingängen, das Ruder aus der Hand haben nehmen lassen.

Viele Jahre wurden wir verwöhnt. Man hat uns allen alles abgenommen, weil man ja genau wusste, was gut für unsere Kinder und uns ist. Das hat uns gefallen und wir ließen es geschehen. Heute aber sind diese "alten" Pädagogen und anderweitige Fachleute nicht mehr jene der ersten Stunden, die gemeinsam mit Eltern geplant und gearbeitet haben. Es sind junge Fachleute, meistens auch völlig ohne eigene Betroffenheit, die mit geforderter hoher Qualität und trotzdem immer das Augenmerk auf Wirtschaftlichkeit, Dienste anbieten. Es heißt nicht mehr überall, dass Lebenshilfe für Alle steht, nein, man muss schauen, welcher Dienst sich noch trägt.

Da sind wir alle nicht ganz unschuldig dran. In vielen Ortsvereinen, findet man kaum noch Selbstbetroffene in den Vorstandsreihen. Manchmal mag auch das Gefühl entstehen, man zweifelt aus der geschäftsführenden Ebene, unsere Qualitäten, oder sagen wir besser, unseren Sachverstand, den wir als Eltern haben, an. Aber es gibt auch gute Beispiele, wo ehrenamtliche und hauptamtliche Führungsebene gut harmonisieren und zusammen arbeiten.(Ohne Frage - in meiner Lebenshilfe! Ehrlich!) Man muss aber auch gestehen, dass es immer fachlicher wird und man sich schon sehr intensiv einarbeiten und mit der Materie befassen muss.

Wir sind in Unterfranken nur noch sehr wenige, aber man soll immer positiv denken und ich weiß, dass es so langsam wieder etwas mehr werden, die Interesse haben und sich auch einbringen wollen. Das ist auch total wichtig. Wenn wir ganz raus sind, dann brauchen wir uns auch nicht mehr darüber beschweren, dass die Richtung nicht mehr mit unseren Vorstellungen übereinstimmt.

Ich kann euch nur Mut machen und euch versichern, dass es eine schöne Aufgabe sein kann, wenn man in einem Vorstand einer Lebenshilfe mitarbeitet. Man kommt herum, sieht und hört wie es in anderen Städten, oder auch Bundesländern läuft. Man lernt nette Menschen kennen, Hardliner und auch gleichverwandte Seelen und es lässt sich vieles positiv beeinflussen. Wir haben es (noch) in der Hand.

Und wir sind stark! Nichts fürchtet ein Politiker mehr, als eine Horde aufgebrachter Mütter. Dann werden sie aktiv und je mehr wir sind, umso weniger Argumente für ein "Nein" könnte es geben. Ihr versteht?

Es geht noch weiter, bleibt dran. Fortsetzung folgt, denn ich habe noch mehr auf dem Herzen, was ich euch erzählen möchte.
Kirsten 20.07.2015, 16:48#3
Was ich euch mal sagen wollte.........................Fortsetzung Teil 3
Ja, so rödelt man hier in Unterfranken ganz schön herum. "In der Lebenshilfe erwachsen gewordene" Mütter mit ihren bereits erwachsenen Kindern. Leider noch nicht einmal eine Hand voll. Was will man da verändern?

Übrigens mal so nebenbei bemerkt, Mutter eines Kindes mit nichtverwertbarer Arbeit zu sein, ist in Unterfranken eine reizvolle Aufgabe, will man engagiert und vehement für Rechte Benachteiligter eintreten. Das tut man auch gerne, denn man weiß ja aus der eigenen Betroffenheit, warum man es macht. Also einfach tun muss.

Eine Lebenshilfe hat auf der Fahne stehen, dass sie von vor der Geburt, also Mütter die in der Schwangerschaft bereits mit dem Wort Behinderung konfrontiert werden, bis zum Tod, ein verlässlicher Begleiter ist. Vielerorts mag das auch so sein. Es ist auch nicht immer die schlechte Arbeit einer Lebenshilfe Vereinigung, wenn es nicht so zutrifft. Viele Sozialhilfeträger haben ihre eigene Auffassung von Betreuung und dazugehörige Schlüssel, womit wir wieder bei der Wirtschaftlichkeit wären. Es sind ja immerhin die Gelder der Steuerzahler, mit denen die Angebote einer Lebenshilfe finanziert werden.

Auch daran muss man denken, wenn man vieles in seiner Lebenshilfe nicht versteht. Klar, wenn ein Geschäftsführer plötzlich mit einer Horde aufgebrachter Mütter vor einem Vertreter des Sozialhilfeträgers stehen würde, vielleicht würde es manchmal helfen? Aber wer will schon wirklich so inkompetent aussehen, dass er so einen Rückhalt zum Verhandeln braucht? Immerhin wurden die Geschäftsführer vom Vorstand, welcher sich von den fachlichen Qualitäten dessen im Vorfeld überzeugt hat, bestellt. Und der Vorstand ist die Vertretung der vielen Mitglieder eines Orts- und Kreisvereines und wurde von den Mitgliedern gewählt. Und wenn sich dann Vorstand und Geschäftsführung über den Weg einig sind, braucht es doch gar keine (emotionale?) Unterstützung.
Aber die Vertreter der Sozialhilfeträger sind verbissene Gegner. Sie müssen mit den Steuergeldern haushalten, denn auch sie haben Auflagen. Und so könnte ich jetzt immer weiter schreiben und euch vielleicht auch langweilen. Ich komme auch jetzt zu sehr vom Thema ab, oder auch nicht?

Bevor ich es vergesse, mein Sohn zieht zum 01.09.2015 voraussichtlich in ein Wohnheim.

Es ist keines in Trägerschaft einer Lebenshilfe.

Er wird damit auch keine Angebote mehr des ambulanten Dienstes meiner Lebenshilfe annehmen können.

Er wird aus der Tagesförderstätte gerissen, weil er auch in die Tagesförderstätte des anderen Trägers wechseln muss. Die Einrichtungen liegen nur wenige Kilometer auseinander.

Wenige Kilometer, aber zu viele, um ein selbstbestimmtes Leben mit Wahlrecht führen zu dürfen. Mein Sohn ist blind und mehrfachbehindert. Er wird es nicht verstehen, warum auf einmal alles anders ist. Es sind Vorgaben, die aus Verhandlungen entstanden sind.
Immerhin, wir haben hier vor vielen Jahren mit unserer Initiative "Teilhabe für Alle" erkämpft, dass es überhaupt einen 2. Lebensbereich gibt.

Ich schaue trotzdem positiv in die Zukunft und vertraue darauf, dass eine Einrichtung nicht nur damit steht und fällt, wer hinter ihr steht, sondern was für Menschen in ihr arbeiten.
Ich weiß, dass die Personalschlüssel viel besser angepasst sein müssten und eine Lebenshilfe unter diesen Voraussetzungen so eine Einrichtung nicht führen würde.
Aber vielleicht deshalb gibt es auch nur ganz wenige Einrichtungen einer Lebenshilfe, die überhaupt Wohnangebote für Menschen mit hohem Hilfebedarf anbietet.

Ich will nicht hadern, denn ich weiß, es gibt sehr wohl Lebenshilfen, die mit Unterstützung von Eltern auch in Unterfranken alles tun, um Wohnangebote in der Zukunft zu schaffen. Und auch steht und fällt es oft mit dem ausführenden Personal. Schon bei einem Einstellungsverfahren wird einem offenbart, für was und wen man arbeitet. Ich bin als Vertretung des Vorstands, bei vielen Einstellungsgesprächen dabei und freue mich immer wieder, wie motiviert junge Menschen auf eine Lebenshilfe als Arbeitgeber zu kommen.

Wie ich mich so als 1. Vorsitzende einer Lebenshilfe und Elternvertreterin im Ausschuss Offener Hilfen des Landesverbands in Bayern fühle?

Das bin ich letzte Woche beim Bundesverband der Lebenshilfe in Berlin losgeworden.
Kirsten 20.07.2015, 16:48#4
Was ich euch sagen wollte.......Fortsetzung Teil 4
Was mir hier jetzt bleibt ist einfach eine Bitte an euch. Wir müssen alle zusammenhalten. In einem Elternverband, welcher über ganz Deutschland Eltern untereinander vernetzt, sie stärkt, sie ernst nimmt und nicht nur an die Hand, sondern mit nimmt und sich ihres fundierten Wissens bewusst ist, können wir das gleichberechtigte Leben unserer Kinder sichern und ausbauen. Alleingänge lassen viel zu viele Verlierer zu.
Einer alleine, mag für sich das Beste erreichen, aber lässt andere, die sich nicht wehren können hinter sich auf der Strecke zurück. Gemeinsam können wir hingegen alles schaffen. Denn das, für was Lebenshilfe heute steht, hätte vor mehr als 50 Jahren niemand für möglich gehalten.

Ich freue mich auf viele Antworten und vielleicht kommen wir hier noch einmal in eine Diskussion zum Thema "Lebenshilfe". Seid euch bewusst, Vertreter des Bundesverbands lesen hier mit! Und das ist gut so! Ihr habt die Chance, schreibt was euch bewegt und schreibt, was ihr euch von eurer, oder wenn ihr keine Mitglieder seid, von einer Lebenshilfe erwartet. Wir Eltern alle, ob jung oder alt, mit unseren Kindern sind das was eine Lebenshilfe braucht und wofür sie steht. Eine Lebenshilfe steht und fällt mit ihren Angeboten und Nutzern und deren Zufriedenheit.

Vielen Dank fürs zuhören.
arno_miriam 22.07.2015, 11:18#5
Hallo Kirsten!
Erst mal :knuddel: und :engel:.
Ich finde es toll was du alles so geschrieben hast!
Bin schon vom Lesen erschöpft.

Weiß garnicht auf was ich zuerst reagieren soll, denn da meldet sich sovieles in Herz + Kopf.
Ich habe vor 13 Jahre 5 Jahre mit der Lebenshilfe Kreisverband gekämpft und habe viele Niederlagen bzw. Verletzungen erfahren. War Elternbeiratvorsitzende

Da war bzw. ist noch teilweise eine Struktur, die in meinem Herz kein Platz hat.
Z.B. mußte ich vom alten Vorsitzende immer wieder die Worte vernehmen, wir sollten den Regierenden doch so dankbar sein, dass unsere KLinder hier gut versorgt - verwaltet - werden. Also keine Kritik an Mandatstträger oder der Verwaltung.
Auch der angebliche zu menschliche Umgang wurde abgelehnt + das z.T. massiv.
Auch merkte man das politische Gewicht von Menschen mit Handikap.
Das Alles veranlasste Menschen zu seltsamen Reaktionen.

Durch meinen schweren Unfall 2004 + die Folgen, zog ich mich gezwungenermaßen aus dem Tagesgeschäft zurück, aber auch weil ich etwas resigierte.

Es ist vieles besser geworden + viele Menschen haben eine höhere Sensibilität.
So ist unser neuer Vorstand viel sensibler + transparenter aufgestellt.

Ich bin noch Mitglied und verfolge das Geschehen der Lebenshilfe im Internet + Presse.
Die Lebenshilfe ist ein großer Verband mit großem politischem Gewicht.
Daraus resultieren ganz kausal Vor-, Nachteile, Chancen und Gefahren.

Ich als einzelnes Mitglied mit einigen Handikaps, kann ich mich in die bestehende Strukturen nicht mehr einbinden, weil meine Mobilität eingeschränkt ist.
Warum gibt es so wenige Möglichkeiten z.B. das Internet für die Lebenshilfe bzw. ihre Aktivitäten strukturell zuschließen?

Ein weiterer Punkt, der mich zur Zeit Arbeit + Motivation kostet, ist die Struktur der Kreisverbände.
Miriam ging jahrelang in Bad Kissingen auf die Prümmerschule. Als die Schulzeit voll ausgeschöpft war, kam sie nach Nüdlingen(Nachbarort) das von dem älteren Lebenshilfe Kreisverband Schweinfurt betrieben wuirde.
Ich werde nun z.B. seit 2 Jahre immer wieder angefragt, ob ich in den dortigen Kreisverband eintrete, weil Miriam davon doch auch Nutzen hätte.
:wand: ???????????????????
Kirsten 27.07.2015, 00:10#6
Hallo Arno_Miriam,

zuerst einmal vielen Dank für deinen Eintrag. Ich bin jetzt etwas irritiert, weil ich nicht weiß, ob du nun der Vater oder die Mutter bist. (Elternbeiratsvorsitzende ?)
Die Lebenshilfen in Unterfranken tauschen sich natürlich mit ihrem Wissen auch untereinander aus. Regelmässig gibt es dafür den Bezirksarbeitskreis, dem ich auch angehöre.
Man muss nicht Mitglied einer Lebenshilfe sein, um deren Dienste zu nutzen, aber es ist natürlich schön, wenn man neue Mitglieder begrüßen kann. Theorethisch könntest du auch in beiden Lebenshilfen Mitglied sein.

Diese Transparenz in die Vorstandsarbeit und damit auch in das Aufgabengebiet einer Lebenshilfe Vereinigung zu bringen, bzw. zu erarbeiten, ist momentan auch mein Hauptaufgabengebiet in meiner Lebenshilfe. Dieses Engagement bringe ich natürlich auch in den Bezirksarbeitskreis und darüber hinaus, mit ein.

Eine gute Zeit wünsche ich dir.